Ich sitze neben Donald Trump auf der ledernen Rückbank seiner Limousine und frage ihn, ob er sich vorstellen könnte, als Präsidentschaftskandidat anzutreten. Er sieht mich prüfend von der Seite an: "Glauben Sie, ich sollte?" Dann lacht er und haut sich mit der Hand auf den Schenkel: "Na, warum eigentlich nicht? Schlimmer kann’s ja nicht mehr kommen!" Er zwinkert mir zu: "Und? Würden Sie mich wählen?"

Das ist jetzt 24 Jahre her. Bill Clinton war gerade zum Präsidenten gewählt worden. Und dass es schlimmer nicht mehr werden könne, damit meinte Trump den eben aus dem Amt geschiedenen George Bush.

Zwei Tage lang durfte ich Ende 1992 mit dem Immobilientycoon von New York unterwegs sein. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Ich war mit einer Reihe Journalisten aus ganz Europa zu einem Treffen mit Donald Trump eingeladen. Man versprach sich davon ein bisschen Werbung für sein Kasino Taj Mahal in Atlantic City, das nicht so gut lief.

Im Konferenzraum des New Yorker Plaza Hotel gab Trump jedem die Hand, sagte freundlich: "Schön, dass Sie hier sind!" oder "Hatten Sie einen angenehmen Flug?" oder "Freut mich, Sie kennenzulernen!" Dann erklärte er, dass dringende Geschäfte ihn nun leider abberufen würden, und wünschte noch einen schönen Aufenthalt.

Dafür waren wir stundenlang über den Atlantik geflogen?! Ich wurde wütend. Also lief ich ihm hinterher, stellte den Fuß in die Aufzugtür und sagte, dass ich mit meinem Fotografen für ein Interview gekommen sei und das jetzt auch gern hätte. Er grinste. "Wo ist er denn, Ihr Herr Fotograf? Na, dann holen Sie ihn mal ganz schnell und unauffällig her." Wir zwängten uns zu ihm in den Aufzug. Er nahm uns mit.

Zu Fuß gingen wir hinüber zum Trump Tower, seinem Hauptquartier an der Fifth Avenue. An einer Ecke standen ein paar Müllmänner: "Hey, Donald!", sie winkten. "Alles klar?" Trump winkte zurück. "Alles bestens, Jungs!" Worauf die Müllmänner anspielten, waren die horrenden Schulden, die Trump angehäuft hatte. Der Tycoon hatte sich verzockt, dazu kam ein Börsentief. "Es ist einiges schiefgegangen", sagte er. "Die Banken forderten enorme Zinsen ein. Die Umsätze meiner Kasinos begannen mit dem Golfkrieg stark zu fallen. Drei meiner Manager starben bei einem Helikopterunfall. Und dann kam auch noch die Scheidung von Ivana ..." Trump hatte Firmenbeteiligungen veräußern müssen, seine Fluglinie und seine Jacht verkauft. Er wirkte jetzt grimmig: "Viele haben darauf gewartet, dass ich scheitere. Aber da können sie lange warten!"

Dann liefen wir an einem Obdachlosen vorbei, Trump steckte ihm ein paar Scheine in die Blechbüchse. "God bless you, Donald", sagte der. Trump klatschte ihn ab: "Take care!" Wir gingen weiter. "Weißt du, Annette, im Grunde ist dieser Mann fast drei Milliarden Dollar mehr wert als ich." Ich verstand nicht. Der hatte doch gar nichts. Trump nickte: "Eben darum: Ich habe drei Milliarden Dollar Miese, also viel, viel weniger als er. Das Ding ist: Wenn du nichts hast oder – sagen wir – 30.000 Dollar Schulden, machen dich die Banken platt. Aber wenn es drei Milliarden Minus sind, helfen sie dir über die Straße und reichen dir noch einen Regenschirm."

Seine Pleite habe ihn vieles gelehrt: "Vor allem Menschliches. Lektionen in Loyalität, Freundschaft, Vertrauen. In der finsteren Zeit waren es ausgerechnet die Leute von der Straße, die mir Mut machten." Was ihn antreibt, sei eine Art sportlicher Ehrgeiz: "Die Lust am Kampf, die spielerische Gratwanderung zwischen Gewinnen und Verlieren. Da unterscheidet sich der Sport nicht wesentlich von der großen Wirtschaft." Ohne Herausforderungen könne er nicht leben. "Erst gestern wurde ich gefragt: 'Was glauben Sie, welchen Platz Sie in der Geschichte Amerikas einnehmen werden?' Ich war entsetzt. Ja, liege ich denn auf dem Sterbebett? Ich stehe in der Blüte meines Lebens! Über die Geschichte mache ich mir Gedanken, wenn das Leben vorbei ist."

Im Trump Tower stiegen wir in den Lift und fuhren hinauf in die – ich glaube – 56. Etage, in sein Büro. Oben wartete seine Sekretärin Norma, eine adrette, grauhaarige Lady mit Brille, die mild lächelnd, aber mit eiserner Disziplin Donald Trumps Termine im Griff hatte. Während er sich bei offener Tür zum Waschraum die Hände wusch ("Sorry, ich habe einen Horror vor Krankheiten!"), erklärte sie, dass Bürgermeister Dinkins ihn dringend erwarte – wegen der Baugenehmigungen am Riverside South. Und erinnerte ihn auch noch an einen wichtigen Banktermin. "Ich wüsste nicht, was ich ohne Norma täte", sagte Trump. "Sie hat’s nicht leicht mit mir!"