Mit Pathoswörtern sollte man sich besser nicht erwischen lassen. Sie stammen aus älteren Zeiten, sie stehen unter Verdacht, Nebel zu verbreiten oder von Dingen zu reden, die es gar nicht gibt. Und doch sind sie unersetzlich. In dramatischen historischen Stunden treffen sie den Nagel auf den Kopf. "Weltgeist" ist so ein Wort.

Der Philosoph Hegel hatte kein Problem mit dem "Weltgeist", es war sein Lieblingswort. Für Hegel (1770 bis 1831) wohnte der Weltgeist in Amerika, die Neue Welt war die Zukunft der Menschheit. "Es ist ein Land der Sehnsucht für alle die, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt." Wolle man "jetzt über Europa hinausschicken, so kann es nur nach Amerika sein".

Lange Zeit war der Weltgeist verschwunden, doch im Jahr 1989 war er plötzlich wieder da. Die Mauer fiel, Amerika ging aus dem Krieg der Systeme als Sieger hervor, und offenbar hatte der Weltgeist dabei die Hand im Spiel. Nach dem Untergang des Kommunismus war die Hoffnung buchstäblich grenzenlos: Die Welt wird frei und westlich sein, das Traumpaar aus Demokratie und Kapitalismus bittet zum Tanz, und alle tanzen mit. In der Mitte der Erzieher des Menschengeschlechts, in der Mitte Amerika, the gentle civilizer of the nations. Mit Wohlgefallen betrachtet er den Aufstieg der anderen. Es sind seine Kinder, die Kinder der Freiheit. Markt, Rechtsstaat, Demokratie.

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, am 9. November 2016 betrat Amerikas neuer Präsident die Weltbühne. Donald Trump gewann, weil er den Wählern einen regime change versprach, diesmal im eigenen Land. Er gewann, weil er fast alles widerrief, was Amerika 1989 der Welt verheißen hatte. Und für den nicht unwahrscheinlichen Fall, dass Trump wahr macht, was er im Wahlkampf verkündete, endet der lange Weg nach Westen genau dort, wo er vor 250 Jahren begonnen hatte, im Herzland der Demokratie, in der Neuen Welt. Die Rechten im alten Europa wissen schon, warum sie jubeln: Die Schockwellen des globalisierten Kapitalismus schlugen von der Peripherie ins Zentrum zurück und brachten Trump an die Macht. Damit wechselt der Weltgeist die Seiten. Eigenhändig beerdigt die verhasste Siegermacht jenen freiheitlichen Geist, der einst über Faschismus und Kommunismus triumphiert hatte.

Es ist müßig, über Donald Trump zu spekulieren, er mag einen schlechten Charakter haben, vermutlich hat er gar keinen. Viel interessanter ist die Frage, wen Trump verkörpert. Der US-Präsident ist nämlich nicht bloß ein Vertreter des Kapitals: Er ist seine Inkarnation. Trump personifiziert das Wesen des Geldes vollkommen, er ist promiskuitiv wie Geld, anpassungsfähig, unberechenbar, egoman und prinzipiell amoralisch. Prächtig versteht sich das Amoralische des Geldes mit dem Sozialdarwinismus rechter Politik, die sich von Moral schon immer bei der gewissenlosen Ausübung von Macht gestört fühlte.

So ist es also: Ein enthemmter Tycoon ist nun der Führer der freien Welt, der mächtigste Mann des Westens, der Garant ihrer Demokratie. Amerika, der moralische "Sieger der Geschichte", hat sich einen normativ deregulierten Kapitalisten gewählt, um die Probleme zu lösen, die der Kapitalismus ihm eingebrockt hat. Mit Trump kapert die Sphäre der Ökonomie die Sphäre der Politik, das Musterexemplar des Homo oeconomicus hat sich mit den Stimmen seiner Wähler in den Staat eingekauft und will ihn führen wie einen Konzern. Der alte Dealer ist der neue Leader.

Das Wiegenlied, das Amerika der Welt nach 1989 gesungen hatte, kannte zwei Strophen, die Melodie war süß und schön, und fast alle haben mitgesummt. Die erste Strophe ging so: Lasst den Markt und die Investoren ruhig vorgehen, die Demokratie wird schon nachkommen, denn das Virus der Freiheit ist ansteckend. Und die zweite Strophe? Sie wollte der Welt weismachen, das liebe Geld sei in den Taschen der Reichen am besten aufgehoben, denn je mehr sich darin ansammele, desto mehr komme unten in der Gesellschaft an. Dass die Interessen der Reichen die Interessen der Armen seien – diese Fabel war genial, es war kapitalistische Theologie, wie sie im Buche steht. Schöner hätte es auch die Wall Street nie singen können.

Es kam anders, der globale Kapitalismus brachte viele reiche Länder mit vielen armen Menschen hervor, und inzwischen fragen sich kluge Wirtschaftswissenschaftler, ob derzeit die zweite Welle der Globalisierung zu Ende geht. Vor allem die von George Bush senior versprochene "Neue Weltordnung" blieb ein Gerücht, eine Wirtschaftsordnung, die Unternehmen zur Refinanzierung jener Gemeinwesen zwingt, die ihnen das "Humankapital" zur Weiterverwertung kostenlos zur Verfügung stellen. Stattdessen haben Regierungen und auch die Europäische Union viel Fleiß und Liebe in die formschöne Ausgestaltung von Steuerschlupflöchern gesteckt, um den weltweiten Mega-Playern das Dasein so erträglich wie möglich zu machen. Allein der Elektrogerätehersteller Apple, so liest man im neuen Spiegel, hat ehrliche "215 Milliarden Dollar mehr oder weniger unversteuerter Gewinne mit allerlei Tricks in karibische Steuerparadiese geschleust".

Natürlich muss man fragen, welchen Grad an soziomoralischer Zerrüttung eine Gesellschaft erreicht hat, die knapp drei Jahrzehnte nach ihrem Sieg über den Kommunismus einen klassischen Spekulanten zum Präsidenten wählt. Tatsächlich konnte Trumps Revolte nur Erfolg haben, weil er zum Putsch aufrief und die rebellischen Energien einer gespaltenen Gesellschaft auf seine Mühlen lenkte. Trump betrieb Ideologiekritik von rechts und traf damit einen Nerv. Er hämmerte dem Wahlvolk ein, die liberale Kultur mit ihrem gottverdammten Kosmopolitismus, mit diversity und Multikulti-Aroma sei nichts anderes als die Ideologie einer politischen Klasse, die die hart schuftenden Arbeiter um ihren gerechten Anteil betrüge. Die herrschende Moral sei die Moral der Herrschenden – die Moral der vaterlandslosen Globalisten, die ihre eigenen Kinder in Privatschulen in Sicherheit bringen, die Wasser predigen und Wein trinken. Anstatt dem abgehängten Stahlarbeiter im Rust Belt das Überleben zu sichern, träume das liberale Premiummilieu vom Gender-Klo als letztem Akt im Befreiungskampf der Menschheit.

Trump, der neue Cheerleader der Arbeiterklasse ("I am your voice"), denunzierte die liberale Kultur, um über das System selbst, über die Gewalt des Marktes, nicht reden zu müssen. Er log wie gedruckt und hatte doch die Wahrheit auf seiner Seite: Das Maß an sozialer Ungleichheit in den Vereinigten Staaten ist grotesk; vor Kurzem fand die US-Notenbank Federal Reserve heraus, dass fast die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung nicht in der Lage ist, im Notfall 400 Dollar für eine Autoreparatur oder einen Arztbesuch aufzubringen. Trumps radikale Systemkritik besaß also einen wahren Kern, und dagegen waren die Demokraten machtlos, erst recht nachdem Bernie Sanders aufgeben musste – einer der wenigen, die sich von akademischen Meisterdenkern nicht hatten einreden lassen, in der postmodernen Moderne seien alle Klassenkämpfe passé und es komme nur auf Bildung an, auf Wissensmanagement und viel, ganz viel Identitätspolitik.