Als Angela Merkel an einem Montag im Oktober in Niger landete, hatte sie schöne Worte für das ärmste Land der Welt mitgebracht: Unterstützung für das nigrische Militär bei der Grenzkontrolle; Entwicklungsgeld für Jobs im Niger, damit Flüchtlinge dort Arbeit finden können; Investitionen in ganz Afrika.

An jenem Montag fuhr, wie an jedem Montag, eine Flüchtlingskarawane mit Jeeps von Agadez im Niger raus in die Wüste, Richtung Norden und Europa. Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben. Fast alle, die das Subsaharagebiet Richtung Europa verlassen, kommen über Agadez: der senegalesische Fischer, dessen Netze wegen der europäischen Fischflotten leer bleiben, die Kleinbäuerin aus Ghana, deren Tomaten und Hähnchen im Vergleich zu den Billigprodukten aus Europa nicht konkurrenzfähig sind, oder die Hirtenfamilie aus der Sahelzone, die aufgrund von Dürren und Konflikten ihre Lebensgrundlage verloren hat. Sie alle verlassen ihre bisherige Heimat wegen fehlender oder zerstörter Perspektiven. Und für keinen von ihnen wird sich das Leben durch Angela Merkels Angebote verbessern – sie verdecken lediglich das strukturelle Dilemma.

Worüber die Kanzlerin auf ihrer Afrikareise nicht reden wollte, das war die europäische Verantwortung dafür, dass auf dem Kontinent Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren. Eine der Hauptursachen dafür, dass Menschen aus afrikanischen Ländern zu uns fliehen, ist die Landwirtschaft in Europa. Sie richtet in Afrika Schäden an, die nur mit einer Agrarwende behoben werden können.

Mit diesen Ursachen der Flucht setzt sich die Kanzlerin nicht auseinander. Globale Beziehungsstrukturen und Wechselwirkungen werden von den Regierungen Europas und auch von der Bundesregierung ignoriert. Die Last der Abschottung Europas wird auf arme Staaten in Afrika abgewälzt. Weniger Flüchtlinge wird es deswegen nicht geben, sie werden nur weit von Europa entfernt festgehalten. Nach dem Motto "Aus den Augen, aus dem Sinn" wird jede Verantwortung verweigert.

Noch im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung – wie auch wir Grüne – die Verabschiedung der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) der Vereinten Nationen gefeiert. Deren zentrale Botschaft hat Frau Merkel aber offenbar nicht verstanden: Die Ziele bedeuten einen Abschied vom Mantra einer patriarchalen Entwicklungshilfe, die nur aus immer mehr Geld für den armen Süden bestand. Die SDGs beschreiben Entwicklung als eine globale Aufgabe, die alle Politikbereiche betrifft und die vor allem bei uns in den westlichen Industriestaaten beginnt.

Landwirtschaft steht im Zentrum und trägt in vielfacher Weise zu Fluchtursachen bei. Wer diese bekämpfen will, muss aus der zunehmend industriellen Massentierhaltung aussteigen und die Überfischung der Meere stoppen. Wie wir Landwirtschaft betreiben, schadet anderen Teilen der Welt – gerade Afrika:

1. Die auf Export getrimmte industrielle Landwirtschaft wird weiterhin massiv fehlsubventioniert. In Ghana kann die dort angebaute Tomate in keiner Weise mit den Billigimporten aus Europa konkurrieren. Unfaire Handelsabkommen zwingen afrikanische Staaten, Importzölle abzubauen, was den Druck auf ihre heimische Landwirtschaft erhöht.

2. Industrielle Landwirtschaft samt Massentierhaltung ist der Klimakiller Nummer zwei nach der Kohle. Die Internationale Organisation für Migration geht in mittleren Szenarios von über 200 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2050 aus, die vor Hochwasser, Meeresspiegelanstieg, Dürren, Stürmen und Hitzewellen fliehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

3. Die Hälfte der weltweiten Getreideernte wird als Tierfutter verwendet. Jede dritte Kalorie landet im Trog und nicht auf dem Teller. Und das, obwohl noch immer mehr als 800 Millionen Menschen weltweit Hunger leiden. Die globale Landnutzung ist auch Ursache für Landkonflikte, Vertreibung und Flucht. Die wachsende Nachfrage nach Billigfleisch führt zu Rodungen von Wäldern auf allen Erdteilen. Internationale Konzerne kaufen Land, das dann für die lokale Landwirtschaft als Anbaufläche fehlt.

4. Für Millionen Männer und Frauen, die in afrikanischen Staaten vom Fischfang leben, lohnt sich die Arbeit nicht mehr. Der Fisch wird zum knappen und teuren Gut. Dabei ist er für viele die einzig verfügbare Proteinquelle und wird bis in die Sahara transportiert. Doch die EU-Fischereiabkommen mit afrikanischen Staaten benachteiligen die lokale Fischerei, indem exklusive Fangrechte vergeben werden. Große Flotten der EU und anderer Länder fischen vor den Küsten Afrikas die Meere leer.

Diese Zusammenhänge kennt Angela Merkel. Hier müsste sie mit unseren europäischen Partnern für Veränderungen kämpfen. Stattdessen hatte sie Afrika doch nur wieder Zuckerbrot und Peitsche mitgebracht. Als Gegenleistung für die "Gastgeschenke" der Kanzlerin sollen der Niger und die anderen afrikanischen Staaten Flüchtlinge aufhalten oder aus Europa zurücknehmen. Verweigern sie sich, gibt es weniger Geld oder weniger Handel, so die offen ausgesprochene Drohung. Solche Maßnahmen werden an der verzweifelten Lage der Menschen in Agadez nichts ändern. Die Kanzlerin hat auf ihrer Reise Flüchtlings- und Afrikapolitik am falschen Ende angepackt. Wir brauchen eine europäische Afrikapolitik, die in neuen Zusammenhängen denkt – und bei uns selbst anfängt.