Wenn man nur will, kann man jederzeit an den Europäern verzweifeln. An ihrer Langsamkeit. Ihrer Verzagtheit. Ihren inneren Widersprüchen.

Da kommen diese Europäer doch tatsächlich eine knappe Woche nach dem Wahlsieg von Donald Trump in Gestalt der Außen- und Verteidigungsminister in Brüssel zusammen und präsentieren keine große strategische Antwort auf den neuen Mann in Washington!

Es gibt viel Gemurmel, viel Ratlosigkeit, allerlei Absichtserklärungen. Aber diese Europäer haben kein grand design für den Kontinent, keine Blaupause für eine EU-Armee. Welch ein Versagen!

Und diese Europäer wollen Supermacht sein? Weltmacht gar? Sich von den USA emanzipieren?

Man könnte verzweifeln.

Man könnte aber auch, nur für einen Moment, einmal die Reflexe, Interessen und Maßstäbe infrage stellen, die solch bereitwilligem Leiden an Europa zugrunde liegen. Und welcher Moment wäre dafür besser geeignet als der jetzt, da nach der Wahl von Trump alle außenpolitischen Gewissheiten in Trümmern liegen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 48 vom 17.11.2016.

Donald Trumps außenpolitische Forderungen lassen sich problemlos auf einem Bierdeckel zusammenfassen: Putin integrieren, Mexikaner draußen halten und die amerikanischen Alliierten künftig wie die Kunden eines Wachdienstes behandeln. Schutz gibt es nur noch gegen Cash, auch in der Nato. Es mag sein, dass die Weltsicht des neuen Präsidenten den Europäern nicht gefällt – aber sie ist weder vage noch unstimmig. Es wäre fahrlässig, diese Leitlinien von Trumps Außenpolitik nicht ernst zu nehmen.

Und sie ernst zu nehmen heißt, über mögliche Reaktionen nachzudenken. Trumps Weltsicht zwingt die Europäer dazu, sich mehr Autonomie zuzutrauen.

Natürlich gibt es massive Interessen, die einer Emanzipation der Europäer in Sicherheitsfragen entgegenstehen. Wenn man sich beispielsweise in diesen Tagen im Nato-Hauptquartier in Brüssel umhört, nur eine halbe Stunde Autofahrt vom Sitz der EU entfernt, trifft man niemanden, der den Europäern zutraut, ihre Sicherheit selbst zu organisieren. Schon gar nicht gegenüber Russland.

Die Europäer, so wird immer wieder betont, hätten ein existenzielles Interesse am Bestand der Nato. Das Militärbündnis sei die einzige starke Verbindung zwischen Europa und den USA. Und dem künftigen Präsidenten Trump müsse eben klar gemacht werden, dass auch die USA auf Bündnispartner angewiesen seien. Ohne Nato könnten die USA nicht Weltmacht sein. Man vertraue da auf die Vernunft der neu gewählten Administration.

Es sind Beschwörungsformeln im Angesicht des Ungewissen.

Nato-Generalsekretär Stoltenberg schrieb Tage nach Trumps Sieg im britischen Observer: "Es ist nicht an der Zeit, den Wert der Partnerschaft zwischen den USA und Europa infrage zu stellen."

Nur: Was, wenn die Amerikaner dieses Bündnis infrage stellen? Wenn sie ihre Sicherheitsgarantien einschränken, ihr Beistandsversprechen relativieren?

Wie viel Macht darf sich Europa zutrauen?

Niemand bei der Nato kennt die Antwort in Wahrheit. Aber alle dort glauben zu wissen, dass eine stärkere europäische Emanzipation nicht die Lösung sein könne. Womöglich spielt dabei auch so etwas wie Rivalität eine Rolle. Und die lebenslange Karriere in einer Institution, die das Denken prägt.

Europa sicherheitspolitisch nichts zuzutrauen ist ein gut eingeübter Reflex. Bis 1989 funktionierte er, weil die Amerikaner es so wollten. Und nach 1989 funktionierte er noch viel besser, weil nun auch die Europäer es so wollten: Die selbst gewählte Unfähigkeit, militärische Verantwortung zu übernehmen, war in jeder Hinsicht bequem. Sie kostete wenig, schonte (europäische) Leben und passte zur Utopie von Europa als Ort des ewigen Friedens.

Dafür nahmen es die Europäer in Kauf, dass sie ohne militärische Hilfe der Amerikaner die Jugoslawien-Kriege nicht beenden konnten. Dafür nahmen sie zähneknirschend hin, dass die Amerikaner den "Krieg gegen den Terror" führten, wie Bush und Rumsfeld es eben wollten. Und sie ertrugen die Blamage, dass sie nur mit US-Nachschub die Intervention in Libyen durchhalten konnten.

Aber wer stets nur auf seine Reflexe vertraut, übersieht leicht, wenn sich die Wirklichkeit verändert. Und sie hat sich verändert.

Faktisch hat die Europäische Union immer schon Geopolitik betrieben, jeder Blick auf die Landkarte zeigt das. Die Gemeinschaft ist von anfangs sechs auf heute 28 Mitglieder gewachsen, mit jeder neuen Erweiterung hat sie ihren Einflussbereich arrondiert, von Griechenland im Süden bis nach Finnland im Norden. Ganz ohne Waffen. Die EU hat die neuen Mitglieder vielmehr gelockt: mit Handelserleichterungen und Subventionen, mit dem Versprechen von Wohlstand und Demokratie. Die Macht, die die EU entfaltete, war so sanft, ihr Erfolg lange Zeit so selbstverständlich, dass sie lange Zeit keine Vorstellung von ihrer eigenen Größe hatte. Die Union hat Geopolitik gemacht, ohne es selbst zu begreifen. Mit dieser strategischen Naivität ist es nun vorbei.

Angesichts all der Krisen der vergangenen Jahre – Ukraine, Terror, Flüchtlinge – haben viele in der Union verstanden, dass die EU ein geopolitischer Akteur ist und Soft Power allein nicht mehr ausreicht. Die EU versucht, "strategische Autonomie" zu erreichen. Der Begriff findet sich in der "Globalen Strategie", welche die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini im Juni vorgestellt hat – der erste Versuch einer Gesamtdarstellung der globalen Interessen Europas. Die EU plant aber nicht nur anders. Sie ist auch bei der Wahl ihrer außenpolitischen Mittel längst rigoroser geworden: sei es der Einsatz des Militärs gegen Piraten (am Horn von Afrika) und Schlepper (im Mittelmeer) oder der Druck auf Afghanistan, Flüchtlinge zurückzunehmen. Das alles fällt der EU schwer, aber die Union lernt dazu.

Mit den Sanktionen gegen Russland schließlich hat die EU die bislang weitreichendste außenpolitische Entscheidung ihrer Geschichte getroffen. Trotz aller Zweifel in den eigenen Reihen hält sie an dieser Entscheidung fest – einstimmig. Ein wesentliches Argument ist dabei die Geschlossenheit der EU, also das Verständnis für die eigene Bedeutung und, ja: Größe.

Womit man bei der Frage der Maßstäbe ist. Wie groß muss Europa sein? Wie viel Macht darf es sich zutrauen? Wie viel Selbstbescheidung ist gefährlich?

Am Tag nach der US-Wahl erklärte Federica Mogherini in Brüssel, die EU sei "eine Supermacht, die an Multilateralismus und Zusammenarbeit glaubt". "Supermacht" – dass Mogherini diesen Begriff überhaupt benutzte, allein das ist schon ein fundamentaler Wandel.

Aber was heißt "Supermacht"? Gilt nur der amerikanische Maßstab? Zählen nur Flugzeugträger und Raketen? Dann muss Europa immer defizitär bleiben.

Die USA verfügen über sechs Trägergruppen mit je zwei Flugzeugträgern und Begleitflotten. In der EU besitzt nur Frankreich einen Flugzeugträger, von dem allerdings ausschließlich französische Rafale-Jets starten können. Italien und Spanien besitzen auch je einen Träger, von denen aber nur Hubschrauber oder Senkrechtstarter abheben können. Großbritannien hat seinen letzten Flugzeugträger 2010 außer Dienst gestellt.

Wenn es also nur um Größe und Feuerkraft ginge, wäre Europa immer unterlegen. Autonom werden heißt aber auch, aus dem Gefängnis der Maßstäbe auszubrechen. Sich freizumachen von dem Inferioritätskomplex, solange Europa nicht mit den USA gleichziehe, sei es impotent und irrelevant.

Europa muss nicht "Weltmacht" werden im amerikanischen Sinne, mit Flugzeugträgergruppen, die stählern durch alle Weltmeere pflügen. Es muss nicht zwei oder drei Kriege zugleich führen können. Es genügt vollkommen, wenn Europa Regionalmacht wird – oder sich bewusst macht, dass es das längst ist.

Europa hat Interessen in Afrika, in einem Teil von Asien (Syrien! Afghanistan!) und an all seinen Außengrenzen, vom Balkan bis Marokko, vom Atlantik bis tief ins südliche Mittelmeer. Hier Mitverantwortung zu übernehmen, weit über den eigenen Kontinent hinaus – auch das ist Weltmacht. Regional begrenzte Weltmacht ganz gewiss, aber auch zum Glück. Aber für eine ziemlich große Region.

Europa, sagte Mogherini, verfüge über einen "einzigartigen Mix aus harten und weichen Instrumenten" und über die Fähigkeit, "regionale Dynamiken" zu verstehen. Die EU könne so "Fehler vermeiden, die Konflikte manchmal eher anheizen, statt sie zu beenden". Ein bloß militärischer Ansatz, die eigenen Interessen durchzusetzen, gar die Ideale des Westens über die Welt zu bringen, dürfte im Irak und in Afghanistan für lange Zeit gescheitert sein.

Die EU wird die USA nicht kopieren können, sie muss einen eigenen, europäischen Weg für Sicherheit erfinden. Und das tut sie gerade, so tastend, suchend, wie es diesem Staatenbund entspricht, zwei Schritte vor, einen zur Seite, einen zurück.

Die Furcht vor russischer Aggression

Dass das schwierig ist, steht außer Frage. Denn augenblicklich kommen die Bruchlinien zum Vorschein, die Europa durchziehen: alte versus neue Mitglieder, östliche gegen westliche, russlandfreundliche gegen solche, die von Russland bedroht werden.

Gerade zwischen den Mittelosteuropäern und den Westeuropäern gehen die Meinungen weit auseinander, wenn es um die europäische Verteidigung geht. Denn wenn die USA sich zurückziehen, haben die Balten und Polen, aber auch Rumänien und Bulgarien die größten Probleme. Während die Westeuropäer unter stärkeren Verteidigungsanstrengungen der EU vor allem Auslandseinsätze, Afrika und Krisenmissionen verstehen, geht es den Mittelosteuropäern um die schlichte Landesverteidigung. Die Front gegen einen möglichen russischen Angriff – das sind sie.

Zerrissen ist dieses Europa aber auch, weil es das Autoritäre, das Antiliberale selbst längst in sich trägt. In manchen EU-Staaten sind Rechtspopulisten schon an der Macht, in Polen und Ungarn, in anderen treiben sie die liberalen Kräfte vor sich her, in Österreich, in Frankreich, auch in Deutschland.

Besonders groß ist die Unsicherheit nach Trumps Erfolg in den baltischen Staaten. Im Wahlkampf hatte Trump Zweifel am Beistandsversprechen gesät. Seit Russland die Krim annektiert hat, fürchten insbesondere Lettland und Estland, der große Nachbar könnte auch sie bedrohen. Eine Furcht, die Moskau gezielt schürt: Wiederholt hat die Nato in den vergangenen Monaten provokante Manöver registriert.

"Diese Manöver gelten nicht allein der baltischen Region", betont Kersti Kaljulaid. Nur zwei Tage nach der US-Wahl ist die estnische Präsidentin zu einem Staatsbesuch in Berlin. Europas Sicherheit, sagt sie, sei "unteilbar". Die Frage ist nur, wer diese Sicherheit künftig garantiert.

Die Präsidentin kleidet ihre Sorgen über die Verlässlichkeit der Amerikaner in ein Lob für Angela Merkel. Sie habe die Stärke der Kanzlerin stets bewundert: Deutschland müsse seine Rolle "mehr als Weltmacht definieren", schnell schiebt sie hinterher: "ganz sicher als europäische Macht". Nur, was kann Europa erreichen? Kaljulaid fordert eine verstärkte Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen, aber ihre Zurückhaltung ist nicht zu überhören. Sicherheit bedeutet für die Balten in erster Linie Landesverteidigung gegenüber Russland, und diese wird die EU in absehbarer Zeit nicht garantieren können.

Noch vertrackter ist die Lage in Polen. Die Furcht vor russischer Aggression ist auch hier tief verwurzelt. Politisch hat sich die rechtskonservative Regierung wegen ihrer antiliberalen Innenpolitik mit den europäischen Verbündeten entzweit. Polens Lieblingspartner Großbritannien verabschiedet sich von der EU. Im Osten lauert Putin. Und nun kommt bei der Schutzmacht seit 1989, den USA, ein Populist an die Macht, der der PiS-Regierung zwar ideologisch nahesteht, aber die Sicherheitsgarantien für Europa infrage stellt. Wenn die Regierung in Warschau nicht aufpasst, führt sie das Land in die Isolation.

Womöglich deshalb hat Jarosław Kaczyński, der PiS-Vorsitzende, zum Wahlsieg Trumps eisern geschwiegen. Warschau ließ verlauten, man hoffe auf weiterhin starke Bande nach Washington.

Für die Polen ist die Präsenz der Amerikaner nahezu existenziell. Eines der wichtigsten gemeinsamen Projekte ist der bereits im Bau befindliche Stützpunkt Redzikowo beim pommerschen Stolp (Słupsk). Dort wollen die Amerikaner von 2018 an Abwehrraketen ihres strategischen Raketenschilds stationieren. General Stanisław Koziej, ein führender Militärexperte, hält es für möglich, dass der Stützpunkt "auf dem Altar der Verständigung mit Russland geopfert" werden könnte – Trumps Verständigung mit Putin wohlgemerkt.

Adam Bielan jedoch, Vizepräsident des Senats und enger Vertrauter Kaczyńskis, hält Trumps Zweifel an der Nato-Beistandspflicht zwar für "gefährliche Worte", aber "wenn sie am Ende alle, darunter Deutschland, zu mehr Verteidigungsausgaben motivieren, hätten sie eine positive Wirkung".

Tatsächlich: Wer über mehr Autonomie redet, muss auch über mehr Geld reden. Mehr Geld für Soldaten, für Spione, für Soft Power.

Europa hat 550 Millionen Einwohner, gibt pro Jahr aber nicht einmal halb so viel für Verteidigung aus wie die Vereinigten Staaten mit ihren 320 Millionen Einwohnern – 2015 waren es in der EU 203 Milliarden Euro, in den USA 560 Milliarden Dollar. Zwischen 2010 und 2015 waren die europäischen Verteidigungsausgaben insgesamt sogar rückläufig.

Nach der Krim-Annexion durch Russland 2014 fuhr den Europäern der Schreck in die Knochen; auf dem Nato-Gipfel in Wales im selben Sommer beschlossen sie, ihre Verteidigungsausgaben anzuheben. Tatsächlich haben dies seither nur 14 von 26 Staaten getan. Die Bundesregierung hat angekündigt, das Budget der Bundeswehr bis zum Jahr 2019 um rund acht Milliarden Euro anzuheben, auf jährlich etwa 35 Milliarden Euro.

Schwergewichte

Großmächte nach Bevölkerung, Wohlstand und Verteidigungsbudget

Quelle: Eurostat, United States Census, SIPRI, European Defense Agency, IWF © ZEIT-GRAFIK

Wie falsch, widersinnig oder isolationistisch auch immer Trumps außenpolitisches Denken sein mag – in einem Punkt hat er recht. Die Trittbrettfahrerei der Europäer, speziell der Deutschen, ist keine Option mehr: Die Deutschen sparen bei der Bundeswehr und kritisieren den amerikanischen Militarismus. Sie pesten gegen die Überwachung durch die NSA, sind aber abhängig von US-Erkenntnissen, um Anschläge hierzulande zu verhindern.

Mehr Autonomie kostet Geld. Mut. Und Fantasie. Aber zuallererst findet sie im Kopf statt.

Der amerikanische Felsen, an dem wir festgemacht haben, sagt ein hoher Beamter in Berlin, ist in Wahrheit ein Floß. Nichts Festes, sondern etwas Schwankendes, instabil, womöglich gefährlich.

Niemand in Europa will die Leinen kappen. Aber zu ignorieren, dass da etwas in Bewegung geraten ist, wäre fatal.