"Ich habe all das, was unerreichbar schien"

Der Chocolatier Iyad Slik hat sich einen Traum erfüllt: Er beliefert jetzt das KaDeWe

Iyad Slik, 44, führte in Damaskus eine traditionsreiche Süßwarenmanufaktur. Vor einem Jahr versuchte er vergeblich, in Berlin einen Laden zu eröffnen. Heute hat er mit zwei Deutschen eine eigene Firma.

Ich habe immer davon geträumt, einmal das KaDeWe zu beliefern. Lange habe ich gedacht, der Traum würde nie wahr werden. Aber dann, im letzten Herbst, haben sich zwei Unternehmer aus Berlin bei mir gemeldet. Sie hatten von mir in der ZEIT gelesen und wollten mich treffen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden, und sie haben beschlossen, mir zu helfen und Geld zu investieren. Zu dritt haben wir eine Firma gegründet: Maison de Slik, einen Handel für feine syrische Süßwaren.

Plötzlich hatte ich all das, was mir unerreichbar schien: eine deutsche Steuernummer, ein Firmenkonto, gut vernetzte Geschäftspartner. Die beiden kennen halb Berlin, sogar den Organisator des Weihnachtsmarkts am Gendarmenmarkt. Obwohl schon alles ausgebucht war, durften wir dort letztes Jahr einen Stand aufbauen. Ich habe die Kunden probieren lassen, was meine Familie seit drei Generationen in Damaskus herstellt: sonnengetrocknete Kaktusfeigen, Aprikosen in Bitterschokolade, Aleppo-Pistazien mit Rosenblättern.

Auf dem Weihnachtsmarkt haben wir unsere ersten zehn Euro verdient, den Schein haben wir aufgehoben. Sogar der Berliner Bürgermeister kam zur Verkostung vorbei. Unser Konfekt hat sich gut verkauft. Danach haben wir einen Onlineshop eingerichtet, damit die Leute, denen es geschmeckt hat, mehr bestellen können.

Ich hab meine Süßigkeiten auch schon auf Veranstaltungen angeboten: beim Treffen der Industrie- und Handelskammern oder in einem Golfclub in Wannsee. Ein Friseur, der dort Golf spielt, verkauft meine Süßigkeiten jetzt in seinen Salons. Wir liefern mittlerweile ans Hotel Adlon und sind in Gesprächen mit dem Ritz Carlton. Wenn es gut läuft, liegen unsere Süßigkeiten bald als Begrüßung auf den Betten der Gäste. Das Beste aber ist: Meine Partner kennen den Leiter der Feinkostabteilung im KaDeWe. Neulich hat er sonnengetrocknete Früchte geordert.

Die Süßigkeiten importieren wir aus Damaskus. Meine Familie produziert dort noch immer, trotz des Krieges. Sie trocknen die Früchte, waschen und kochen sie, tunken sie in Schokolade. Der Betrieb liegt 15 Kilometer südlich von Damaskus, die Gegend ist weitgehend unter Regierungskontrolle. Es ist relativ ruhig dort, aber man kann nie sicher sein, ob nicht doch eine Bombe fällt. Viele meiner Freunde und Bekannten sind tot.

Der Krieg ist schmutzig. Und er macht alles teuer, etwa den Diesel für Generatoren. In Damaskus fällt oft der Strom aus, und die Maschinen müssen ja irgendwie laufen: die Schneidemaschinen, die Kühlanlagen, die Maschine, die den Schokoguss warm und flüssig hält. Die meisten unserer Arbeiter sind geflohen oder in die Armee eingezogen worden. Es gibt kaum mehr junge Männer. Viel hängt jetzt von den Frauen ab – so wie damals im Zweiten Weltkrieg in Deutschland.

Die Süßigkeiten werden verpackt, auf einen Laster geladen und über die Grenze nach Beirut gefahren. Der Laster muss an mindestens vier Checkpoints vorbei, die Kontrollen dauern ewig. Von Beirut fliegen die Süßigkeiten nach Paris und von dort nach Berlin Tegel. Gerade haben wir eine große Bestellung aufgegeben, 250 Kilo, fürs Weihnachtsgeschäft.

Noch machen wir keinen Gewinn, aber wenn der Dezember gut läuft, könnten wir nächstes Jahr schwarze Zahlen schreiben. Meine Partner sagen: Du bist jetzt kein Flüchtling mehr. Du bist Geschäftsmann.

Meinen Kindern geht es gut, sie sprechen super deutsch. Mein Sohn geht aufs Gymnasium, meine Frau hat gerade ihren Deutschkurs abgeschlossen. Jetzt müssen wir es schaffen, auf eigenen Beinen zu stehen. Früher hätte ich nie Geld vom Staat genommen. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem ich das nicht mehr brauche – und etwas zurückgeben kann.