"Es hakt" – Seite 1

Das Hamburger Schulsystem droht zu scheitern, sagten die Schulleiter der Stadtteilschulen vor fünf Monaten im Gespräch mit der ZEIT. Ihre Schulform verkomme zur Restschule, die Gymnasien zur Gesamtschule. Jetzt äußern sich erstmals die Sprecher der Vereinigung der Leitungen Hamburger Gymnasien: Christian Klug (Gymnasium Lerchenfeld), Christian Gefert (Marion Dönhoff Gymnasium) und Arne Wolter (Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer)

DIE ZEIT: Uni-Präsident Dieter Lenzen hat kürzlich gesagt, die Uni müsse Studienanfängern heute "beibringen, was man vor 30 Jahren in der gymnasialen Oberstufe lernte". Hat er recht?

Arne Wolter: So plakativ mit Sicherheit nicht.

Christian Klug: Solche Verfallsthesen sind beliebt, aber man muss genau hinschauen. Mein Eindruck ist: Der durchschnittliche Schüler ist heute auf die Anforderungen der Hochschule besser vorbereitet als früher. Die Prioritäten haben sich verschoben. Ich habe in meiner Schulzeit in Deutsch 35 umfangreiche Werke gelesen, also Ganzschriften, da kommt man heute noch auf zehn bis zwölf. Dafür sind die heutigen Abiturienten beispielsweise viel besser in Präsentationen. Statt möglichst viel Inhalt zu vermitteln, achten wir heute stärker darauf, dass die Schüler bestimmte Kompetenzen beherrschen. Die Zeiten haben sich geändert.

ZEIT: Dahingehend, dass immer mehr Schüler das Abitur machen. Sind die Jugendlichen heute klüger – oder ist das Abi leichter geworden?

Wolter: Als damals der Pisa-Schock kam, war die klare Aussage: Deutschland hat im internationalen Vergleich zu wenig junge Menschen mit Studienzugangsberechtigung. Es gibt politisch und gesellschaftlich den Anspruch, mehr Menschen zu höheren Abschlüssen zu bringen. Aus dieser Sicht sind wir erfolgreich.

Christian Gefert: Wir haben heute viel mehr Studienplätze und ein breiteres Spektrum an Studiengängen – die haben ganz andere Anforderungen, deswegen hat sich zwangsläufig das verändert, was wir Hochschulreife nennen.

ZEIT: In keinem anderen Bundesland machen so viele Schüler das Abitur. Ist das Abi in Hamburg zu leicht?

Klug: Nein, die Aufgaben sind insgesamt nicht leichter geworden. Aber seit die Aufgaben im Zentralabitur von der Behörde vorgegeben werden, ist der Unterricht zielorientierter. Der Lehrer, der die Aufgabe nicht selber stellt, ist ein Trainer. Allerdings konzentriert sich der Unterricht oft auf die zentralen Themen. Was früher nebenher gemacht wurde, bleibt oft auf der Strecke.

ZEIT: Das Gymnasium als Ort der Prüfungsvorbereitung statt als Hort breiter Bildung.

Gefert: Die Tendenz gibt es, ja.

Wolter: Wir wissen, dass unsere Schüler in bestimmten, durchaus wichtigen Kompetenzen gut abschneiden. Aber wir haben keine Instrumente, um Bildung im umfassenden Sinn zu messen. In jedem Fall ist Bildung heute etwas anderes als früher.

ZEIT: Wie haben sich die Gymnasien verändert?

Wolter: Es gab einen enormen Reformdruck in den vergangenen zehn, zwölf Jahren – und wir haben in dieser Zeit viel geleistet. Wir haben heute einen viel positiveren, individuelleren Blick auf die Schüler, wir fördern sie viel stärker, unterstützen sie dabei, ihre Potenziale auszudrücken und sich von ihren Problemen freizuschwimmen. Deswegen landen mehr Schüler in der Oberstufe.

"Nicht alle sind im klassischen Wortsinne Gebildete"

Klug: Vor ein paar Jahren konnten Sie durchaus noch Lehrer alter Prägung erleben, die durch ihre Unterrichtsführung Schüler mit ungünstigen Bildungsvoraussetzungen aus dem Unterrichtsgeschehen ausgrenzten. Die heutige Lehrergeneration hat ganz andere methodische und didaktische Fähigkeiten. Sie schafft es, Schüler abzuholen, die sonst keine Chance gehabt hätten. Breitere Schülerschichten kommen also zu höheren Abschlüssen. Natürlich kann man dann nicht davon sprechen, dass die alle im klassischen Wortsinne Gebildete wären.

ZEIT: Sie entlassen keine gebildeten Schüler mehr?

Klug: Doch, wir entlassen viele gebildete Schüler.

ZEIT: In keinem anderen Bundesland gehen so viele Schüler aufs Gymnasium. Was unterscheidet Hamburger Gymnasien noch von Gesamtschulen?

Gefert: Es erfüllt uns tatsächlich mit Sorge, dass sich ein immer höherer Anteil der Schüler am Gymnasium anmeldet. Gleichzeitig freuen wir uns natürlich über den Zuspruch.

ZEIT: Eigentlich sollen die Gymnasien laut Schulgesetz die besonders leistungsfähigen Schüler aufnehmen. Heute geht in der fünften Klasse mehr als die Hälfte der Kinder aufs Gymnasium. Kann man da noch von den leistungsfähigsten Schülern sprechen?

Klug: Man kann sagen: Wir unterrichten auch die leistungsfähigsten Schüler. Aber die Frage der Anmeldungen für die fünfte Klasse ist kompliziert. Da wird schnell die Forderung erhoben, den Elternwillen zu beschränken und den Zugang zum Gymnasium zu begrenzen. Das führt aber garantiert zu mehr Stress für die Grundschüler. Es wäre grausam, wenn noch mehr Grundschüler Nachhilfe bekämen, damit sie es aufs Gymnasium schaffen.

ZEIT: Die Stadtteilschulleiter sind wegen der Anmeldezahlen an die Öffentlichkeit gegangen. Sie fürchten: Das Gymnasium wird zur Gesamtschule, die Stadtteilschule zur Hauptschule. Droht das Scheitern des Zwei-Säulen-Modells?

Wolter: Wir können nicht für die Stadtteilschulen sprechen, aber man muss das unbedingt ernst nehmen, wenn sich so viele Kollegen kritisch äußern. Die Stadtteilschulen machen sehr gute Arbeit. Es ist beeindruckend, wie viele Schüler sie zum Abitur bringen, obwohl die wenigsten anfangs die Voraussetzungen dafür haben. Auch wir Gymnasien machen gute Arbeit. Das Schulsystem scheitert also nicht. Aber es hakt an einigen Stellen.

Klug: Die Kollegen sprechen ja davon, dass ein Scheitern droht. Wenn immer weniger Eltern ihre Kinder auf den Stadtteilschulen anmelden, aber immer mehr bei uns, dann ist irgendwann auch unsere Arbeit beeinträchtigt. Wenn wir gewisse Ansprüche aufrechterhalten wollen, können wir nicht alle Schüler aufnehmen.

ZEIT: Das Gymnasium ist also kein Ort für schwächere Schüler?

Gefert: Das kann man so pauschal nicht sagen. Ich würde vor allem nicht nur von den kognitiven Grundfähigkeiten ausgehen, denn vieles kann man am Ende der vierten Klasse noch gar nicht sagen. Es gibt Schüler, die sich erst enorm quälen müssen, dann aber enorme Sprünge machen, deren Arbeitshaltung spricht fürs Gymnasium. Andersherum ist aber nicht jedes Kind richtig auf dem Gymnasium, nur weil es die kognitiven Voraussetzungen hat.

ZEIT: Wann raten Sie einem Schüler, auf die Stadtteilschule zu gehen?

Klug: Wichtig ist, dass ein Kind Respekt vor den eigenen Hervorbringungen entwickeln kann: Werkstolz, hätte man früher gesagt. Wenn ein Schüler jedes Mal als Rückmeldung bekommt "Das ist nicht ausreichend", dann wird er irgendwann seine eigenen Hervorbringungen verachten. Das ist der größte Schaden, den eine kindliche Seele am Gymnasium erleiden kann.

Wolter: Die Hamburger Grundschulen können sehr gut einschätzen, was die Viertklässler können. Wenn ein Kind nicht gern selbstständig arbeitet, keine Lust hat, an unbekannten Aufgaben zu tüfteln, dann ist das Gymnasium eine sehr große Herausforderung. Für solche Kinder ist es in einer schonenderen Umgebung mit kleineren Klassen und weniger Stunden pro Woche einfacher.

ZEIT: Raten Sie manchmal zur Stadtteilschule, wenn ein Kind die kognitiven Voraussetzungen fürs Gymnasium mitbringt?

Klug: Ja. Wenn ein Kind sehr breit interessiert ist und neben dem Unterricht Zeit für aufwendige Hobbys braucht, fehlt dazu am Gymnasium manchmal die Möglichkeit. Es gibt auch Kinder, die möchten noch nicht streng auf ein Ziel hinarbeiten. Die sind an der Stadtteilschule besser aufgehoben. Vielen Eltern ist es dagegen wichtig, dass ihre Kinder bei uns in einem Jahr weniger zum Abitur kommen, und wenn auch die Kinder sehr zielstrebig sind, dann sind sie richtig bei uns.

Eine Lösung wäre eine stärkere Profilierung

ZEIT: Haben Sie den Eindruck, dass sich viele Eltern nach der vierten Klasse für die falsche Schulform entscheiden?

Klug: Das größte Problem sind Eltern, die ihre Entscheidung nur auf Basis von Gerüchten treffen. Das höre ich in Anmeldegesprächen ständig. Diese oder jene Schule sei ganz schlecht, habe der Nachbar gesagt. Und wenn man dann fragt: Waren Sie mal da?, sagen sie: Nee. In vielen Stadtteilen überlegen wir mit Stadtteilschulen und Grundschulen gemeinsam, wie wir da besser beraten.

Gefert: Es wäre optimal, wenn Eltern vor dem Hintergrund der pädagogischen und fachlichen Spezialisierung der Schulen entscheiden würden, was am besten zu den Interessen und Anforderungen ihres Kindes passt. Da ist die Schulform nachrangig.

ZEIT: Wie könnte man das erreichen?

Gefert: Eine Lösung wäre die selbstverantwortliche profilierte Schule. Eltern müssen erkennen können, welche Stärken die Schulen haben, und dann frei wählen können. Die Schulen müssten sich außerdem einen bestimmten Prozentsatz ihrer Schüler selbst aussuchen dürfen.

ZEIT: Eltern können die Schule frei wählen, aber bislang ist das entscheidende Kriterium für die Aufnahme der Schüler, wie weit sie von der Schule entfernt wohnen.

Wolter: Genau. Man kann an den Sportschulen sehen, wie gut eine Profilierung funktioniert. Die sind hoch attraktiv für Eltern und Schüler, egal, ob es Gymnasien sind oder Stadtteilschulen. Es funktioniert, weil sie einen Teil der Schüler selbst aussuchen dürfen, anhand festgelegter Leistungsvoraussetzungen in ihrem Profilbereich. Es müsste allen Schulen erlaubt werden, 40 Prozent ihrer Schüler selbst auszusuchen. Das würde Schulen stärker zur Profilierung anregen und Eltern zu einer Beschäftigung mit den einzelnen Profilen.

Klug: Damit würden wir noch ein anderes Problem lösen: Wenn man genau hinschaut, haben wir kein Problem mit einer Schulform, sondern in einigen Stadtteilen eine spezielle Schülerschaft, die für beide Schulformen eine Herausforderung ist. Durch die Profilierung würden wir es einem Teil der Schüler ermöglichen, ihren Kiez zu verlassen

ZEIT: Wofür braucht man bei so einer Profilierung noch die Namen Gymnasium und Stadtteilschule?

Wolter: Ein Teil der Profilierung sind unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten. Die "Marke Gymnasium" steht für höhere Komplexität, höhere Tiefe, größere Eigenverantwortung. Ein Signal an Eltern und Kinder: Was musst du mitbringen, um hier erfolgreich zu sein?

ZEIT: Die Stadtteilschulleiter beschweren sich, dass ihre Schulform einige gesellschaftliche Herausforderungen quasi allein meistern soll: die Inklusion von förderbedürftigen Kindern in die Regelschulen, aber auch die Integration von Flüchtlingskindern.

Gefert: Ja, da haben die Kollegen recht. Die Gründung der Stadtteilschulen und die gleichzeitige Einführung der Inklusion hat bei vielen Eltern den Eindruck erweckt, dass dieses Thema bei dieser Schulform im Vordergrund steht. Auch die Mehrzahl der Flüchtlingsklassen befindet sich an Stadtteilschulen. Wir haben als Gymnasien die Pflicht, uns an den Herausforderungen Inklusion und Flüchtlingsbeschulung stärker zu beteiligen. So könnte sich die Wahrnehmung in der Stadt ändern.

ZEIT: Inklusion am Gymnasium, kann das funktionieren?

Gefert: Ja, das geht, ich habe es an Gymnasien in anderen Bundesländern gesehen. Und man muss das so klar sagen: Wir bilden Menschen aus, die später in Führungspositionen arbeiten sollen. Die müssen mit allen Menschen umgehen können, daher ist Inklusion richtig. Das Problem liegt woanders: Wie das Geld für die Förderung verteilt wird, funktioniert schon bei den Stadtteilschulen nicht. Wenn wir Inklusion machen sollen, brauchen wir das Geld dafür.

Zeitgemäße Pädagogik scheitert an der Bürokratie

Wolter: Die Beispiele Inklusion und Flüchtlingsklassen illustrieren noch ein anderes Problem: Es fehlt an sinnvoller Koordination von oben. An den Schulen arbeiten da viele Kollegen mit Hingabe und Bereitschaft dran, aber das beruht überwiegend auf Selbstausbeutung: Die Schulen sind finanziell ausgestattet für Unterricht, aber es ist überhaupt keine Zeit für konzeptionelle Arbeit eingeplant. Da geraten wir ins Schleudern.

ZEIT: Eine Auswertung der Schulinspektion zeigt: In mehreren Bereichen sind Gymnasien schlechter als Stadtteilschulen und Grundschulen – beim Unterrichtsbezug zum Alltag, bei der individuellen Förderung von Schülern oder bei der Berücksichtigung der Lernvoraussetzungen. Man könnte das Gefühl bekommen, das Gymnasium sei pädagogisch die Schule von gestern, oder?

Wolter: Die Berücksichtigung der Voraussetzungen der einzelnen Schüler und ihre gezielte Förderung, die sogenannte Individualisierung, ist in der Grundschule beim Thema Einmaleins deutlich einfacher als im gymnasialen Fachunterricht, wenn es etwa um den amerikanischen Bürgerkrieg oder die Französische Revolution geht.

Klug: Wir sind nicht schlecht in individueller Förderung. Das zeigt sich daran, wie viele schwächere Schüler wir integrieren. Deswegen melden so viele Eltern ihre Kinder bei uns an. Auch an den Gymnasien hat sich die Lernkultur völlig verändert.

Gefert: Wir sind viel weiter, als man bei manchen öffentlichen Debatten denken könnte. Es geht längst nicht mehr darum, ob Frontalunterricht oder Individualisierung die richtigen Methoden sind. Die Frage ist: Welche Lernverfahren schaffen Selbstwirksamkeitserfahrung? Vor allem bei Kindern in der Pubertät müssen wir überlegen, wie wir die am besten erreichen. Da geht es um Lernen in Projekten, um Unterricht außerhalb der Schule.

Klug: Die Schulbehörde achtet sehr darauf, ob die Kollegen die Erkenntnisse über guten Unterricht praktisch umsetzen. Durch das Qualitätsmanagement hat sich der Unterricht sehr positiv verändert. Aber wir merken inzwischen: Die zeitgemäße Pädagogik stößt an bürokratische Hürden, die Belastungen in einzelnen Stadtteilen werden unabhängig von der Schulform noch nicht ausreichend berücksichtigt. Da geht die öffentliche Debatte über die Schulform an den realen Problemen vorbei.

ZEIT: Wo liegen die realen Probleme?

Gefert: Wir machen eine Mathe-Offensive, aber reden nicht darüber, dass wir sehr große Probleme haben, überhaupt genügend Kollegen zu finden, die Mathe unterrichten können.

Gefert: Eine riesige Baustelle ist die Digitalisierung. Smartphones und Tablets sind ein immer wichtiger werdender Teil der Lebenswirklichkeit der Schüler, aber wir haben keine Antwort darauf, wie wir die Geräte in die Schule integrieren. Wir scheitern an der Bürokratie: Die Schüler dürfen sich mit ihren Geräten nicht in die Schulnetzwerke einloggen – deswegen können wir die faktisch im Unterricht nicht benutzen.

Wolter: Es hakt an vielen Details: Bei den Hausmeistern etwa. Deren Arbeitszeit endet spätestens um 15.30 Uhr. Bei Abendveranstaltungen – Elternabenden, Theateraufführungen, Informationsveranstaltungen – stellt sich die Frage: Wer schließt ab? Wer stellt die Heizung aus? Das mache inzwischen ich als Schulleiter. Wenn Sie wüssten, wie viel Zeit ich mit Verwaltung beschäftigt bin. Wir bräuchten dringend zusätzliche Verwaltungskräfte an den Schulen.

Klug: Auch die Gestaltung der Schulräume ist ein großes Problem. Manche Schulen sind da noch auf dem Stand von vor etwa hundert Jahren und können so den Herausforderungen von Ganztagsschule und Sozialpädagogik nicht gerecht werden. Man kann es auf einen Punkt bringen: In vielen Bereichen fehlt es leider an Geld.