Im Thalia Theater in Hamburg läuft derzeit das Stück Geld. Es geht darin um den Kaufhausbesitzer Aristide Saccard, einen Mann, der einfach nicht genug bekommt. Immer größer muss sein Kaufhaus werden, eine "Universalbank" will er gründen, mit dem Geld unbedarfter Anleger Silberminen ausbeuten. Er brüllt die Zuschauer förmlich an: "Dabei sind nicht Millionen zu gewinnen, sondern Milliarden um Milliarden." Es ist eine Kritik am ausufernden Kapitalismus, ein Lehrstück über Gier und Verlogenheit.

Dass sich die Hansestadt solche Stücke leisten kann, ist auch Christian Olearius zu verdanken, dem Mitinhaber und ehemaligen Chef der altehrwürdigen Bank M. M. Warburg & Co. Seit Jahren fördert die Bank über die Warburg-Melchior-Olearius-Stiftung neben der Hamburgischen Staatsoper und der Elbphilharmonie auch das Thalia Theater. Um zu zeigen, "dass bürgerliches Engagement für Hamburger Kulturinstitutionen vor allem in Zeiten knapper öffentlicher Kassen mutig verfolgt werden muss", wie Olearius einmal gesagt hat.

Der 74-Jährige gilt als Inbegriff des honorigen Bankiers. Nach der Finanzkrise forderte er "die Rückbesinnung auf die Tugenden des ehrbaren Kaufmanns". Mit seinem Vermögen haftet Olearius persönlich für die Geschäfte der Bank. "Deutschlands wichtigsten Privatbankier" hat ihn die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung genannt.

Doch das schöne Bild von seiner Bank bekommt nun Risse. Kann es sein, dass Christian Olearius regelmäßig die Rolle des guten Unternehmers und Bürgers getauscht hat gegen eine andere Rolle: die des renditeversessenen Bankers?

Mag sein, dass die Geschichte eines Tages im Thalia Theater aufgeführt wird. In ihr ginge es darum, dass sich eine altehrwürdige Bank an einer der größten Wirtschaftbetrügereien der vergangenen Jahrzehnte beteiligt, deren Opfer das Gemeinwesen und die Steuerzahler sind. Und um einen Mitinhaber, gegen den auch persönlich ermittelt wird. Am Montag vergangener Woche jedenfalls sollte der Mann, dem rund 40 Prozent der Bank gehören, sich in einem Untersuchungsausschuss des Bundestages erklären. Aber die Aussage dauerte nur wenige Minuten. Olearius berief sich auf das Zeugnisverweigerungsrecht. Keine Angaben zur Sache, auch nicht in geheimer Sitzung.

Die Sache, das sind komplexe Finanzgeschäfte, sogenannte Cum-Ex-Deals, deren verschachtelte Struktur selbst Experten nur mit Mühe erklären können. Sie laufen darauf hinaus, dass eine Steuer einmal bezahlt und zweimal vom Finanzamt zurückgefordert wird. Verwandt damit ist auch die Praxis, dass eine hiesige Bank Ausländern hilft, eine Steuerrückzahlung zu ergattern, auf die sie eigentlich keinen Anspruch haben. Ein Teil des Geldes bleibt natürlich bei der Bank.

Die Geschäfte, an denen bis 2012, als sie gesetzlich unterbunden wurden, viele Banken und Berater beteiligt waren, sind ein Raub am Staat mit atemberaubenden Dimensionen. "Es geht insgesamt um schätzungsweise zwölf Milliarden Euro", sagt Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

Der ZEIT und dem ARD-Magazin Panorama liegen Ermittlungsakten vor, die nahelegen, dass die Warburg-Gruppe wie auch Olearius selbst in diese Geschäfte involviert waren. Auch wenn die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, begründen die Unterlagen den Verdacht, dass die Warburg-Gruppe mit Scheinrechnungen und Briefkastenfirmen operierte, während sie nach außen hin das Image des anständigen Geldhauses pflegte.