Im Januar dieses Jahres fing die Fassade an zu bröckeln, als 20 Beamte der Staatsanwaltschaft Köln, der Steuerfahndung Düsseldorf und des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen die Warburg Bank an zwei aufeinanderfolgenden Tagen durchsuchten. Was die Staatsdiener dabei erlebten, liest sich in ihren Aufzeichnungen wie ein Krimi – und gewährt Einblick in das Doppelleben der größten deutschen Privatbank, die für ihre reichen Kunden ein Vermögen in Höhe von mehr als 50 Milliarden Euro verwaltet.

Der Hinweis an die deutschen Ermittler kam von einem namhaften Banker aus der Schweiz: Eric Sarasin, früher Vizechef der J. Safra Sarasin Bank. Die Schweizer Privatbank hatte sich an Cum-Ex-Geschäften beteiligt und mit traumhaften Renditen prominente Unternehmer wie den deutschen Finanzjongleur Carsten Maschmeyer geködert. Die Kölner Staatsanwaltschaft warf Sarasin deswegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung und gewerbsmäßigen Betrug vor und ließ im Zuge der Ermittlungen 2014 die Büros der Bank in Basel und Zürich durchsuchen.

Sarasin weiß, dass er glimpflich davonkommt, wenn er auspackt. Im November 2015 reist er deshalb mit Anwalt nach Deutschland und berichtet der Kölner Staatsanwaltschaft von dubiosen Zahlungen und von Geschäften seines Geldhauses mit der Warburg Bank. Ungläubig fragen die deutschen Ermittler den Schweizer, ob er seine Aussagen belegen kann.

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Und Eric Sarasin kann. Sein Anwalt hat eine blaue Mappe dabei. In ihr befinden sich Rechnungen, Rahmenverträge und Zahlungsbelege, die weitere Beteiligte schwer belasten. Sarasin sieht sich nur außerstande, das Material freiwillig an die deutschen Ermittler zu übergeben, weil ihm dann Strafverfolgung in der Schweiz droht: wegen Verstoßes gegen das Schweizer Bankgeheimnis. Die leitende Staatsanwältin hat aber eine Idee, um den Mann aus seiner misslichen Lage zu befreien. Sie unterbricht die Vernehmung und beantragt per Telefon die Beschlagnahmung der Unterlagen beim Amtsgericht. Erst anschließend öffnet der Anwalt die Mappe.

Es sind die Dokumente aus jener Mappe, die die Warburg Bank in den Fokus der Ermittler rücken. Die folgenden Durchsuchungen lassen sich aus den Aufzeichnungen der Ermittler minutiös rekonstruieren.

Am 20. Januar 2016 um 8.30 Uhr betreten die Fahnder das Hauptgebäude der Warburg Bank in der Ferdinandstraße 75 und melden sich beim Pförtner. Ein Abteilungsleiter führt sie in einen Besprechungsraum im Erdgeschoss. Er bittet sie, sich in eine Besucherliste einzutragen. Die Fahnder verweigern das, verlangen Zugang zu etlichen Büros, auch zu dem des Bankinhabers Christian Olearius. Wegen "Verdachts des Betruges", wie es im Durchsuchungsbeschluss heißt. Die Privatbankiers werden auf einen Schlag zu Befehlsempfängern im eigenen Haus.

Eines der ersten Gespräche findet mit einer Prokuristin der Bank statt. Als die Fahnder sie über ihre Rechte und Pflichten als Zeugin belehren wollen, erwidert sie, dass ihr diese bekannt seien, sie sei ja schließlich Rechtsanwältin. Die Juristin erweist sich dann als mitteilungsfreudige Quelle: Die Problematik bei Cum-Ex-Geschäften sei ihr bekannt, sagt sie. Außerdem berichtet sie von Warnungen des ehemaligen Leiters der Rechtsabteilung, der habe Cum-Ex-Geschäfte für Betrug gehalten, weil die Steuer dabei nach seinen Ausführungen "einmal zu viel" erstattet werde. Über solche Geschäfte würde aber nicht von Rechtsanwälten wie ihr entschieden, sondern auf Ebene der Partner.

Das Reich des Christian Olearius liegt in einem Nebengebäude drei Häuser weiter. Dort belegt er eine ganze Etage: Büro mit offenem Kamin und Stuck an den Decken, Vorzimmer, Besprechungssaal, Küche. Die Fahnder warten bereits mehr als eine Stunde auf ihn, als Olearius um zehn Uhr die Bühne betritt. Überrascht über den Besuch der Fahnder ist er nicht. Er erklärt, man habe ihn per Telefon vorgewarnt. Und er macht Aussagen zur Sache.

Olearius bestätigt, dass die Partner Cum-Ex-Geschäfte "eingesegnet" hätten. Er gehe jedoch davon aus, dass weder er noch die Bank illegal gehandelt hätten. An Details der Geschäfte könne er sich nicht erinnern. Diese seien aber in den Sitzungsprotokollen der Partnertreffen festgehalten.