In diesem doppelten Verlangen – bei sich zu sein und doch der Welt zugewandt, auf sanftmütige Weise kraftvoll – erweisen sich die Moore-Skulpturen als Zeugen einer Moderne, die längst nicht vorbei ist. Vielleicht ist der Wunsch danach, geerdet zu sein, aufgehoben in archaischen Formenwelten, sogar stärker noch als in der Nachkriegszeit.

Gleiches gilt für den Traum, dem eigenen Körper in seiner Begrenztheit zu entkommen, über ihn hinauszuwachsen, wie es manche Moore-Figuren vormachen: mit überlangen Armen, die eine sich aufwerfende Hüfte umfangen oder gleich mit kurios verschlungenen Beinen verschmelzen. Immer aber bleiben es Skulpturen der Mitte, es gelingt ihnen, alles Widerstreitende einzufangen, im Wechselspiel der harten und weichen Formen.

Dieser Anti-Extremismus ist es vor allem, der Moore und seine Kunst bis heute verdächtig erscheinen lässt. Der Fortschritt kam stets von den Rändern, artikuliert als Abweichung, und der Künstler sollte unbedingt verstörend wirken. Solches Denken aber erweist sich nun als überholt, schließlich drängt gerade überall das Extreme an die Macht, mancherorts regieren die Gestörten – und so könnte Moore schon im politischen Sinne neu begriffen, neu bewundert werden: als Meister einer verlorenen Balance.

Bis zum 19. März im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster

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