Noch hemmt uns die Tugend der Pietät, aber schon bald wird es wieder zwingende Gründe geben, das Radio auszuschalten, wenn ein Leonard-Cohen-Song erklingt. Vor allem die ungezählten Coverversionen von Hallelujah und Suzanne haben es bis auf wenige Ausnahmen verdient, dass man ihnen gnadenlos den Ton abwürgt, um dem Jauchzen und Schluchzen, dem Säuseln und Anschmusen ein Ende zu setzen.

Aber nicht nur seine Nachsänger aus mittlerweile fünf Jahrzehnten, auch der Meister selbst hat in dieser Hinsicht das eine oder andere auf dem Kerbholz. Auf den frühen Platten schreckte er gelegentlich nicht vor süßlichem Schmachten und anbiedernd gefälligem Raunen zurück. Weiterhin werden sich Paare, die das Gelingen der leiblichen Liebe eigentlich aufs Schönste eint, in hässlichem Streit entzweien, weil der eine das Singen Cohens ausgerechnet an denjenigen Stellen penetrant unerträglich findet, wo dem oder der anderen die Tränen spiritueller Teilhabe in die Augen drängen.

Es ist mehr als eine Frage des Geschmacks, es ist eine Glaubensfrage. Und sie verschärft sich, sobald man Cohens Lieder ihres schlichten musikalischen Mantels entkleidet und sich über den nackten Textkörper neigt. Bereits im Eröffnungsstück seiner ersten LP, im auf abertausend Gitarren zerklampften Suzanne, tritt Jesus als Figur auf und wendet sich mit gleichnishaften Worten an den Hörer. Dass dieser Kanadier aus einer jüdischen Familie bibelfest ist, merkt man allein daran, wie er die Metaphorik handhabt und den Ton des Neuen Testaments trifft. Allerdings ist das, was uns sein Nazarener prophezeit, so nicht in den kanonisierten Evangelien zu finden. Und wenn Cohen die hochkarätig religiöse Vokabel "salvation" erklingen lässt, wird das erlösende Heil in die Wortgruppe "salvation army counter" gebunden. Gemeint ist der Gebrauchtklamottenfundus der Heilsarmee, in dem sich seine Suzanne ihr kunterbuntes Freak-Outfit zusammensucht. Kann einer, der selbst im Jesusalter steht, als dieses Lied auf Vinyl erscheint, subtiler mit dem christlichen Erlösungsversprechen spielen und Gottes Sohn respektvoller lästern?

Cohens für damalige Pop-Verhältnisse späte Entscheidung, nach zwei Romanen und vier Gedichtbänden und bereits deutlich jenseits der dreißig als Sänger eine große Öffentlichkeit zu suchen, fällt damit zusammen, dass sich seine Texte nun in ihrer großen Mehrzahl reimen. Im Refrain von Suzanne ist es das Adjektiv "blind", das seinen Klangbruder im Abstraktum "mind" findet. Und nicht nur Geist und Verstand, auch deren transzendentales Gegenüber, also der Allerhöchste, wird dem bindenden Klangzauber des Vers-Endes unterworfen. Das meist mit kitschig seligem Überschwang, nur selten schmerzlich kritisch gecoverte Hallelujah reimt in seinen Eröffnungszeilen den Herrn der himmlischen Heerscharen, also "Lord" auf den musikalischen Terminus "chord", auf den Akkord oder dessen in die Zeit gedehnte Tonfolge. David, König von Juda, tritt als Figur auf. Seine Psalmen verherrlichen den, der als Herr der Welt auch Lord of Song genannt werden muss. Aber der Gott der Israeliten schert sich, dies wird ihm noch vor dem ersten "Hallelujah" nicht ohne ironische Schärfe unterstellt, kein bisschen um Musik.

Lässt sich dieser Gott, den der menschliche Gesang nicht anzurühren vermag, zumindest von unserem blanken Wort bewegen? In The Story of Isaac erzählt Cohen, wie sich Abraham zu der befohlenen Opferung seines Sohnes anschickt und seine bereits zum tödlichen Schlag erhobene Hand unter der Schönheit des göttlichen Einspruchs erzittert: "Trembling with the beauty of the word". Wenn das Wort in dieser entsetzlich paradoxen Weise letztlich bei Gott ist, was ist dann von ihm und von der Schönheit seines Wortes zu halten?

Leonard Cohen ist ein großer Lyriker, allein schon, weil er vor dieser Frage nicht demütig oder trotzig verstummt, sondern ihr mit eigenen Worten auf die kosmisch kalte Haut rückt. Seine kurz vor seinem Tod erschienene finale Platte You Want It Darker hebt mit einem Vers an, der den schwarzen Glutpunkt seines Dichtens, den Heil verheißenden und zugleich Heilung verweigernden Gott, erneut in eine spirituelle Spekulation fasst. "If you are the dealer", heißt es, mehr heiser geknurrt denn gesungen. Nicht zum ersten Mal taucht die Vokabel "dealer" in einem Cohen-Text auf, und in anderen Songs war damit vordergründig derjenige gemeint, der beim Pokern die Karten ausgibt und damit den Ausgang des Spiels zu einem erheblichen Teil vorbestimmt.

Ebenso gut kann es aber seit Adams paradiesischer Katastrophe derjenige sein, mit dem man einen Deal, einen Handel, abzuwickeln hat. Das Alte Testament erzählt mehr als einmal, dass ein Mensch von Gott zu einer Übereinkunft genötigt wird und dann, wie in einem bösen Witz, die fatalen Konsequenzen zu tragen hat. Selbst Jesus gehört in die Reihe dieser hoffnungslos unterlegenen Geschäftspartner, und wir wissen, auf welch bizarr grausame Weise er seine Rechnung mit dem großen Kartenmischer begleichen musste.

Wenn die religiösen Rituale, die Urmuster der Kunst, entstanden sind, um den aberwitzigen Irrsinn der belebten Natur mit Figuren, Bildern und Erzählungen einzuhegen, dann ist die Religion in Cohens Universum dasjenige Monstrum geworden, das die Vielzahl der Ungeheuer, die sie einst bannen half, zu einem personalen Gegenspieler verdichtet hat, der alle früheren Dämonen an Schrecknis übertrifft.

Wundersam mutete an, wie der greise Leonard Cohen es verstand, diesen theologischen Horror, lächelnd und scherzend, zu umspielen, als er zwischen 2008 und 2010 Konzert an Konzert reihte. Auf den Bühnen, die ihm die Welt noch einmal bot, scheute er sich nicht, vor einem Publikum auf die Knie zu sinken, das ihn so einhellig liebte wie vielleicht keines zuvor. Alle, die ihn damals singen sahen, erlebten eine mirakulöse Souveränität, eine Seligkeit des Augenblicks, wie sie vielleicht allein ein sehr langes Leben als verzweifelt gläubiger Ungläubiger zuletzt möglich macht.

Jesus hat in einem der unlängst erschienenen Cohen-Songs nicht bloß Wasser zu Wein, sondern dann diesen Wein erneut in Wasser verwandelt. Nüchtern, berauscht und wiederum eisig ernüchtert, hat sich sein Jünger Leonard, der ungekrönte König der Ketzer, gegen den Vater der Finsternis gestellt, gegen einen Abgott, der sich uns weiterhin – vielleicht aus Grausamkeit, vielleicht aus einer rätselhaft tückischen Liebe? – nicht als Lichtgestalt offenbaren will.