Frisch geblasene Gläser drehen sich in den Waschanlagen der Manufaktur in Kufstein, auf dem Boden liegen Scherben. Darüber stolziert Maximilian Riedel, in elfter Generation Geschäftsführer des gleichnamigen Familienunternehmens. Er sieht aus wie aus dem Ei gepellt, Anzug, Maßhemd, Krawatte und Einstecktuch. Wie jeden Tag. "Meine Rüstung", sagt er. Riedel schreitet an schmutzigen Öfen vorbei, an Schleifanlagen, an Glasbläser-Meistern, an Sortiererinnen, an Qualitätskontrolleurinnen. Ein Glasbläser aus Rumänien pustet in seine Pfeife, wie Honig fließt die zähe Glasmasse in ihre Form. Riedel bleibt stehen. "Das wird ein Schnapsglas", sagt er. "Das Design stammt von meinem Großvater."

Vor drei Jahren übernahm Maximilian Riedel, 39 Jahre alt, das traditionsreiche Unternehmen der Glasmacherdynastie, das sich nach der Vertreibung aus Nordböhmen 1955 in Tirol neu angesiedelt hatte – und damit ein gewaltiges Familienerbe. 1756 gegründet, ist Riedel Glas heute der weltweit führende Anbieter von Weingläsern für gehobene Tischkultur. Die Riedel-Gruppe beschäftigt weltweit 1.200 Mitarbeiter und erwirtschaftete im Vorjahr 240 Millionen Euro Umsatz.

Im Flur vor Maximilian Riedels Büro hängen Bilder seiner Ahnen. Großvater Claus Riedel, der als visionärer Designer gilt, seine Gläser stehen sogar im Museum of Modern Art in New York. Daneben hängt der Vater, Georg Riedel, er hat den Ruf eines harten Geschäftsmanns und führte das Unternehmen zum internationalen Erfolg. Was passiert nun unter der Führung von Maximilian Riedel, der aus seiner Vorliebe für teure Autos und schöne Uhren keinen Hehl macht und von sich selbst sagt, ihm seien viele Talente in die Wiege gelegt worden?

Nüchterne Flure entlang geht es die Treppen hinauf, zum Showroom der Glashütte. Dekanter namens Mamba, Flamingo und Boa glitzern von allen Seiten, dazwischen nimmt Riedel Platz. "Wir tragen einen Namen", sagt er – und wenn er das sagt, dann klingt das nicht nach der Bürde, einer Tradition entsprechen zu müssen, sondern nach Stolz und ein wenig Hochmut ebenso. Ein Riedel zu sein, das bedeutet für ihn, mehr als einfach nur irgendein Geschäftsmann zu sein.

Die Geschichte des selbstbewussten Nachfahren ist die Geschichte eines Thronfolgers. Von Bubenbeinen an wird er auf sein Erbe vorbereitet. Die Planung seiner Zukunft beginnt bereits vor der Geburt: Die Mutter, selbst Industriellentochter, will den Jungen nicht in Kufstein, sondern in Wien zur Welt bringen. "Damit im Reisepass später die Hauptstadt steht", sagt Riedel und lacht. Das käme bei Geschäftsreisen besser an.

Im Alter von elf Jahren wird der Bub in ein vierwöchiges Feriencamp nach England gesteckt, mit 16 in ein Internat. "Der Abnabelungsprozess ist wichtig in Familienunternehmen", sagt Riedel. Die Beziehung zwischen Vater und Großvater war angespannt, dem eigenen Sohn will der Vater mehr Freiheiten gewähren. "Den jungen Adler fliegen lassen", formuliert es Maximilian Riedel. Während sich Schwester Laetizia für eine Anwaltskarriere entscheidet, arbeitet Maximilian früh im Betrieb mit. Mit 23 Jahren schickt ihn der Vater in die USA, wo Riedel das Management von Riedel Crystals America übernimmt. Er setzt auf Umstrukturierung, feuert große Teile der Belegschaft und verlagert die Firma von Long Island nach New Jersey.

Riedel profitiert von der neu entdeckten Liebe der Amerikaner zu Wein. Er kann die Verkaufszahlen in den USA und Kanada mehr als vervierfachen. Nordamerika wird zum wichtigsten Exportmarkt. Der Vater ist zufrieden, der Sohn vom schnellen Erfolg beflügelt. Der Adler fliegt.

In den USA führt Maximilian Riedel das Leben eines Bonvivants, diniert in feinen Restaurants, lebt in Manhattan. "In den 13 Jahren habe ich vielleicht zwanzigmal selbst gekocht", sagt er. Natürlich nur, um wichtige Kontakte in die Gastronomie zu knüpfen. Denn neben Weinliebhabern sollen zunehmend auch Gastronomen die Gläser kaufen. Denen versucht der Tiroler die Riedel-Philosophie zu vermitteln: "Das Glas ist der Lautsprecher des Weines." Ein Glas ist ein Glas ist ein Glas? Über eine solche Torheit kann er nur lachen.