Café Odeon, Zürich. Hier hat Maren Wagener, als sie im Herbst 2007 in die Schweiz gezogen ist, ihr erstes Birchermüesli gegessen. Jetzt sitzt sie wieder da. Doch dieses Mal ist Wagener, 47, Germanistin, nur zu Besuch. "In meiner Stadt", wie sie sagt. In Zürich, das ihr doch nie wirklich ein Zuhause geworden ist. Sosehr sie sich dies auch gewünscht, sosehr sie dafür gearbeitet hat. Also kehrte sie im Sommer des vergangenen Jahres zurück nach Deutschland. "Ich wollte", sagt sie und fährt mit der Hand durch ihr kurzes, blondes Haar, "das Leben in der Schweiz abhaken, nicht mehr Teil dieses Systems sein."

Maren Wagener ist eine von vielen Deutschen, die der Schweiz den Rücken kehren. Die Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen: Seit zehn Jahren verlassen jedes Jahr mehr Deutsche die Schweiz. 2006 waren es 9.000 Personen, 2015 bereits 16.000. Weil gleichzeitig weniger Menschen aus Deutschland in die Schweiz einwandern, wächst die Community nur noch schwach.

Wer aber sind diese Menschen, die in die Schweiz kamen, um zu bleiben – und dann doch wieder zurückkehren?

Maren Wagener bestellt einen Kaffee. Dann erzählt sie, wie euphorisch sie gewesen sei, als sie damals in die Schweiz zog. Gemeinsam mit ihrem Mann Harald, einem Informatiker, der eine Stelle bei Google angenommen hatte. Wagener lebte zuvor ein Jahr in Barcelona und dann mit Harald sieben Jahre lang in Hamburg. Sie zögerte keine Sekunde, wieder die Koffer zu packen und in die Schweiz zu ziehen. "Ich habe mich mega auf Zürich gefreut." Das Paar findet eine schicke Wohnung im Kreis 6, Wagener freundet sich schnell mit anderen Frauen an, deren Männer ebenfalls bei Google arbeiten. Das Umfeld sei sehr international gewesen. "Mir ging das Herz auf", sagt sie. "Ich las viel, erkundete die Stadt, es war aufregend."

Wagener will auch beruflich Fuß fassen. Die Germanistin schreibt Bewerbungen, erhält aber kaum Reaktionen. "Irgendetwas stimmt hier nicht", denkt sie. Und macht weiter. Nach einem halben Jahr, sie hat noch immer keinen Job, passiert das, was sie heute die "erste geplatzte Bombe" nennt. Wagener wird zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, man verspricht ihr einen Arbeitsvertrag, dann jedoch hört sie – nichts mehr. Sie fragt nach, bleibt hartnäckig. Der Mann, der ihr Chef hätte werden sollen, ein Schweizer, druckst rum und sagt schließlich: Er müsse ihr leider absagen, wegen "interkultureller Differenzen".

In diesem Moment, sagt Wagener, sei bei ihr "der Groschen gefallen". Sie beginnt, sich anzupassen, möglichst wenig aufzufallen. Nach zwei Jahren findet sie endlich eine Stelle; als Geschäftsleitungs-Assistentin der städtischen Spitex.

Die Deutsche Welle beginnt in den nuller Jahren. Die Schweizer Wirtschaft brummt, Firmen locken mit lukrativen Angeboten, am liebsten Fachleute aus Deutschland. Für Headhunter ist es leicht, Topleute hierherzulocken, so auch für Guido Schilling. In Deutschland stottert der Motor, die Verdienstmöglichkeiten sind begrenzt. "Neun von zehn Angefragten waren damals grundsätzlich offen dafür, Deutschland zu verlassen", sagt Schilling.

Im Jahr 2008 ziehen 46.000 Deutsche in die Schweiz. Ein neuer Rekord.

Ein guter Job ist zu wenig. Wer keine Heimat findet, geht wieder

Heute sind die Vorzeichen umgekehrt: Die deutsche Wirtschaft wächst, die Jobaussichten sind so gut wie seit Jahren nicht mehr – und nun sind es die deutschen Großkonzerne, die sich in der Schweiz nach Personal umsehen, wenn sie eine Stelle neu besetzen müssen.

Für Personalberater Schilling ist der Kampf um die besten Köpfe härter geworden: "Der Aufwand, eine Stelle in einer Geschäftsleitung zu besetzen, hat sich im Vergleich zu den nuller Jahren vervielfacht."

Die guten Jobaussichten in der Heimat sind der eine Grund, weshalb immer mehr Deutsche aus der Schweiz abwandern.