DIE ZEIT: Im Jahr 2001 erschien Ihr Buch The End of Globalization. Jetzt ist in den USA ein Mann zum Präsidenten gewählt worden, der die amerikanische Wirtschaft abschotten will. Sind Sie ein Schwarzmaler oder ein Hellseher?

Harold James: Die Globalisierung war schon damals umstritten. Es gab regelmäßig teils gewaltsame Proteste gegen die Welthandelsorganisation, etwa 1999 in Seattle. Zwar fehlte der Antiglobalisierungsbewegung die Vision eines neuen Ordnungsmodells; man sah aber, wie verletzlich die Globalisierung war. Ich wollte deshalb zeigen, dass die 1929 einsetzende und sich 1931 zuspitzende Wirtschaftskrise nicht als etwas Einmaliges betrachtet werden sollte. Die gleichen Faktoren, die damals die Globalisierung beendeten, können sich wiederholen.

ZEIT: Welche Faktoren waren das?

James: Globalisierung zeichnet sich immer durch ein hohes Maß an Warenströmen, Kapitalströmen und Migrationsströmen aus. Die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre war eine Folge der Unterbrechung und Eindämmung dieser Ströme.

ZEIT: Welche Rolle spielte denn die Migration in diesen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen?

James: Eine ziemlich entscheidende. Die Debatte um Einwanderung setzte in den USA im späten 19. Jahrhundert ein. Ein erstes Resultat dieser Debatte war die Eindämmung chinesischer Einwanderung nach Kalifornien. Darüber hinaus hat der Kongress mehrere Male versucht, die Einwanderung generell zu beschränken, was immer am Veto des Präsidenten scheiterte. Nach dem Ersten Weltkrieg, 1921 und 1924, wurde die Immigration in die USA dann gesetzlich nahezu komplett gestoppt, übrigens auch in anderen Einwanderungsländern wie Kanada, Australien, Argentinien und Brasilien.

ZEIT: Inwiefern führte dieser Einwanderungsstopp zur Verwundbarkeit der globalen Wirtschaft in den 1920er Jahren?

James: Zuerst litt die Immobilienwirtschaft, der Bauboom in den USA im 19. Jahrhundert war natürlich unmittelbar durch die Migrationsströme bedingt. Aber man muss auch globale Zusammenhänge berücksichtigen. Die Einwanderer kamen vor allem aus dem Mittelmeerraum und Osteuropa. Nach dem Stopp fielen in ihren Ländern die Löhne durch ein Übermaß an verfügbaren Arbeitskräften. Das senkte die Produktionskosten. Der Export dieser Produkte aus dem Mittelmeerraum oder Osteuropa sah dann wie Dumping aus. Darauf reagierten die USA mit Schutzzöllen.

ZEIT: Woher kam diese Idee der Schutzzölle?

James: Der Gedanke, spezifische Branchen zu schützen, ist schon ziemlich alt. 1815 führten die Engländer die Corn Laws ein, um die heimische Landwirtschaft zu stützen, nachdem mit dem Ende der Napoleonischen Kriege die Getreidepreise gesunken waren. Auch Frankreich war stark protektionistisch eingestellt, was sich mit einer nationalistischen Stoßrichtung verband: Man sprach in den 1830er und 1840er Jahren von nationaler Arbeit, die es gegen die kosmopolitische Konkurrenz zu schützen gelte. Der Protektionismus bot sich damit als Lösung der sozialen Frage an, die durch die Industrialisierung entstanden war.

ZEIT: Trotzdem nahm Mitte des 19. Jahrhunderts die Globalisierung an Fahrt auf. Warum?

James: Weil sich immer mehr Länder nach dem Vorbild Englands industrialisierten. Vor allem aber, weil sich der Freihandel schließlich durchzusetzen begann. Den Anfang markiert die Abschaffung der Corn Laws 1846 in England. Dann folgte das Aushandeln der großen Freihandelsabkommen.

ZEIT: Die gab es damals auch schon?

James: Ja. Es setzte sich beispielsweise das Meistbegünstigungsprinzip durch. Gemeint ist damit, dass Handelsvorteile, die einem Land gewährt werden, auch allen anderen Ländern gewährt werden, sollten sie sich zum Freihandel bekennen. Frankreich und Großbritannien einigten sich darauf 1860. Auch die deutschen Kleinstaaten schlossen sich an. Das endete allerdings 1879 mit Bismarcks Schwenk zum Protektionismus. Kurz darauf folgte Italien diesem Beispiel, etwas später kam in Frankreich die Gegenbewegung.

ZEIT: Warum machte Deutschland den Beginn und nicht etwa England?