Frau Gabriele hat sich dann doch den Hintern ausklopfen lassen. Obwohl sie nicht ganz sicher war, ob ihr das gefällt. Zweimal Bondage hatte sie bis dahin schon hinter sich, also wollte sie auch einmal das mit dem Auspeitschen probieren. "Als es so weit war, hab ich mir gedacht: Gut, dann soll er mich halt auspracken", erzählt die rundliche, aufgeweckte 55-Jährige mit dem frech zerzausten Blondschopf.

Frau Gabriele ist das, was man gemeinhin als Frohnatur bezeichnet, eine selbstbewusste Dame, die gern über sich selbst lacht. Erst seit Kurzem lässt die Sozialbetreuerin nach Dienstschluss in der strengen Kammer die Reitgerte sirren oder sieht dabei zu, wie Gleichgesinnte in Seile verschnürt und voll Wonne stöhnend von der Decke baumeln.

Manche nennen diese Spielart der Erotik, bei der sich Schmerz in Lust und Unterwerfung in Befriedigung wandelt, Sadomasochismus. Andere BDSM, was für Bondage, Dominance, Submission, Sadism and Masochism steht. Doch die meisten halten sich mit komplizierten Wortkaskaden nicht lange auf. Für sie ist das schlicht: pervers. Sind Sie pervers, Frau Gabriele? "Ach wo", entrüstet sie sich und hebt die Hände zur theatralen Unschuldsgeste. "Für mich ist das eine Möglichkeit, eine neue Seite, die ich bislang nicht an mir kannte, auszuleben."

Dass die Wienerin so unverblümt über ihre neu entdeckten Neigungen sprechen kann, ist nicht zuletzt einem Verein zu verdanken, der sich einst aufgemacht hat, die Schlafzimmer der Österreicher durchzulüften: die Libertine Wien. Seit 30 Jahren arbeitet die "Sadomasochismus-Initiative" daran, Fetischismus, Dominanzfantasien oder Fesselungsspiele, eigentlich alles abseits von Missionarstellung und Normsex, aus der Tabuzone zu holen.

Ein Angebot, das theoretisch zwischen fünf und zwanzig Prozent der Bevölkerung anspricht. So hoch ist den wenigen dazu vorhandenen Studien zufolge der Anteil jener, die sadomasochistische Neigungen haben. Eine nicht repräsentative Umfrage, welche die Autoren des Buches Kink, einer aktuellen Dokumentation der Wiener SM-Szene, gemacht haben, lässt zumindest ein wenig tiefer blicken: Etwa die Hälfte der bekennenden BDSM-Anhänger sind Akademiker, knapp 40 Prozent zwischen 18 und 25 Jahren alt, Frauen und Männer zu ungefähr gleichen Teilen vertreten.

Sie alle verästeln sich in eine schier unüberschaubare Zahl erotischer Spielarten. Von Folterritualen über strenge Meister-Sklaven-Liebschaften und Kuscheltier-Fetischismus, also dem Faible für Plüschtiere als sexueller Stimulus, bis hin zum einfachen Voyeurismus ist an Erregungen kein Mangel. Es ist ein enormes Spektrum an erotischen Vorlieben, das die hiesigen SM-Vereine abzudecken versuchen. Dabei ist die Libertine, die sich in ihrem Namen auf den Libertin beruft, jenen Freidenker des 17. und 18. Jahrhunderts, der die Obrigkeit nicht nur mit aufklärerischen Parolen, sondern auch seinem ausschweifenden Lebenswandel zu provozieren wusste, überaus erfolgreich.

Mit ihrer Mischung aus gesellschaftlichem Anliegen, straffer Organisation, Offenheit gegenüber neuen Strömungen und einem – zumindest nach außen hin – verspielt-ironischen Zugang gelten die Wiener als Vorbild im deutschsprachigen Raum. Aber auch aus Budapest und Bratislava reisen die Latex-Jünger in die Donaustadt. Erste Anlaufstelle ist für viele das nahe dem Naschmarkt gelegene SMart Café, gewissermaßen das Wohnzimmer der Libertine, das nur auf den ersten Blick als nettes Bierlokal durchgeht.