Nun ist man wieder da, wo einst alles angefangen hat: Die ersten Partien der ersten Schachweltmeisterschaft wurden 1886 in New York gespielt, zwischen dem Österreicher Wilhelm Steinitz und dem Polen Johannes Zukertort. Schauplatz war die Cartier’s Academy in der Fifth Avenue, vom heutigen Spielort im Fulton Market Building an der Südspitze Manhattans keine fünf Kilometer entfernt. Ein hübscher Spaziergang. Die Häuser sind ganz schön gewachsen.

Das Preisgeld, 4.000 Dollar, war damals ebenfalls nicht so hoch wie heute, 1 Million Euro. Publikum gab es bereits mehr, als in den Saal passte, und die Züge wurden schon in andere Städte telegrafiert, bis hin nach London.

Verblüffenderweise steht 2016 eine Eröffnung auf dem Brett, die auch 1886 gespielt wurde: die Berliner Verteidigung, einst ausgetüftelt von Berliner Meistern, daher der Name. Die dritte Partie der Schach-WM, am Montag dieser Woche, zwischen dem Norweger Magnus Carlsen und dem Russen Sergej Karjakin folgt sechs Züge lang dem historischen Vorbild.

So ist sich das Schach beim Sprung vom 19. ins 21. Jahrhundert erstaunlich treu geblieben. Es hat zwei Weltkriege überstanden und durch die Kommunikationsrevolution neuen Schwung bekommen. 600 Millionen Erdenbürger spielen es heute, oft mit Partnern, die anderswo vor dem Schirm sitzen. Die Weltschachorganisation Fide möchte diese Zahl auf eine Milliarde steigern.

International war das Spiel von jeher, Resultat seiner tausendjährigen Wanderung von Indien über Arabien nach Europa, Amerika und China. Deutschland hatte einen Weltmeister, Emanuel Lasker, von 1894 bis 1921. Über Jahrzehnte hinweg siegten die Russen. Dann, 1972, kam kurz Bobby Fischer. Heute, nach einer indischen Episode, führt ein Norweger die Schachwelt an.

Eigentlich hatte ihn in New York ein Amerikaner entthronen sollen. Dann wäre in den USA der Schachwahnsinn ausgebrochen. Make America great again! Aber der Weltranglistenzweite Fabiano Caruana, Mitte zwanzig wie Carlsen, schaffte es zu Ostern nicht, sich unter acht Kandidaten als Herausforderer zu qualifizieren. In der letzten Runde zermalmte ihn ein Russe, Sergej Karjakin (ZEIT Nr. 15/16).

Seitdem steht Russland kopf. So wie Präsident Putin allerorten Geländegewinne erzielt, möchte der russische Schachverband unter der Führung des Oligarchen Andrej Filatow auch am Brett verlorenes Terrain zurückgewinnen. Wenn an der in den USA ausgetragenen Schach-WM etwas sofort ins Auge sticht, ist es die russische Präsenz. Russische Turnierorganisatoren, russische Sponsoren, russischer Wodka, russische Fernsehteams. Die Russen haben sehr gute Laune. Sie rechnen nicht mit einem Sieg, aber sie tun alles dafür. Allein die Tatsache, dass sie das Geschehen in New York wesentlich bestimmen, macht sie froh.