"Nichts ist, wie es scheint" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Butter, Sie erforschen seit Jahren Verschwörungstheorien. Wie oft begegnen Sie selbst Menschen, bei denen Sie das Gefühl haben: Die leben in einer Parallelwelt?

Michael Butter: Das passiert ständig. Wann immer ich einen Vortrag über dieses Thema halte, tauchen Leute auf, die meinen, dass die Mondlandung im Fernsehstudio nachgestellt wurde, dass 9/11 von der amerikanischen Regierung inszeniert wurde oder es einen geheimen Plan gibt zur Übernahme Deutschlands durch den Islam.

ZEIT: Nimmt die Verbreitung dieser Theorien zu?

Butter: Auf jeden Fall sind sie durch das Internet und die sozialen Medien sichtbarer geworden. Wer in den siebziger oder achtziger Jahren nicht an die Mondlandung glaubte, gehörte zu einer kleinen Subkultur. Deren Vertreter lasen seltsame Bücher, verfassten Leserbriefe, die niemand druckte, und trafen sich einmal im Jahr in irgendeinem Hinterzimmer.

ZEIT: Nun treffen sie sich jeden Tag im Netz.

Butter: Genau, dank des Internets wird die Subkultur öffentlich, und ihre Anhänger haben nicht mehr das Gefühl, zu einer kleinen Minderheit zu gehören. Gleichzeitig entsteht plötzlich ein Deutungsangebot für andere, die danach suchen. Wir erleben eine Fragmentierung von Öffentlichkeit. Und in manchen dieser Teilöffentlichkeiten haben Verschwörungstheorien einen hohen Status.

ZEIT: Wie viele Menschen glauben heute an eine Verschwörungstheorie?

Butter: In den USA hängen Umfragen zufolge die Hälfte der Bürger mindestens einer Verschwörungstheorie an. Die Anhänger von Donald Trump sind dafür offenbar besonders anfällig, wie eine Umfrage der Washington Post im Vorwahlkampf zeigte. Zum Beispiel waren viele überzeugt, dass Barack Obama nicht in den USA geboren wurde.

ZEIT: Sind die Deutschen genauso anfällig wie die Amerikaner?

Butter: Ich glaube nicht. Die amerikanische Medienlandschaft ist schon länger viel extremer polarisiert als jene in Deutschland, wo die öffentlich-rechtlichen Sender eine ausgewogenere Berichterstattung garantieren. Außerdem ist es hierzulande nicht so verbreitet, dass man nur einen einzigen Sender sieht, so wie in den USA. Wenn Sie dort nur Fox News schauen, leben Sie in einer völlig anderen Welt als jemand, der CNN schaut. Das sind dann die berühmten Filterblasen, in denen man nur noch hört, was einem genehm ist.

ZEIT: Die existieren aber auch hierzulande.

Butter: Das stimmt. Der Kopp Verlag, der in der Nähe von Tübingen sitzt und viele verschwörungstheoretische Schriften herausgibt, führte lange ein Nischendasein. Heute verkauft er Zigtausende von Büchern. Oder nehmen Sie das Magazin Compact, das Sie an fast jedem Bahnhofskiosk bekommen.

ZEIT: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorie und Populismus? Donald Trump hatte ja auch behauptet, Hillary Clinton plane gemeinsam mit dem Großkapital heimlich das Ende der Souveränität der USA. Ist das populistisch oder verschwörerisch?

Butter: Da gibt es eine große Überlappung. Sowohl unter den Anhängern von Trump als auch in der deutschen Pegida-Bewegung oder der AfD sind Verschwörungstheorien weit verbreitet. Der Populist behauptet ja: "Die Eliten repräsentieren die Bevölkerung nicht mehr." Und von da aus ist es nur ein kleiner Schritt zu der Annahme: "Die Eliten kümmern sich nicht um uns, weil sie anderen Herren dienen."

ZEIT: Zum Beispiel den Juden, dem Kapital, den Illuminaten ...

Butter: ... irgendeiner Gruppe im Hintergrund jedenfalls, die heimlich alles plant und steuert. So lautet das übliche Narrativ der Verschwörung: Nichts ist, wie es scheint.

ZEIT: Der eine glaubt an einen Plan zur "Umvolkung" Deutschlands, der Zweite fürchtet die schleichende Islamisierung, und der Dritte meint vielleicht nur, die Politik sei gegenüber islamischen Gruppen zu willfährig. Wo hört politische Meinung auf, wo fängt Verschwörungstheorie an?

Butter: Tatsächlich sind die Grenzen fließend. Das machen sich Populisten zunutze, indem sie gnadenlos simplifizieren. Statt anzuerkennen, dass es viele verschiedene Interessen gibt, bringen sie alles in das Schema "Wir gegen die". Positionen, die sich de facto unterscheiden, werden damit an einem Pol gebündelt. Am Ende marschieren unterschiedlichste Menschen unter demselben Slogan. Das macht den Populismus so gefährlich.

ZEIT: Kann man sagen, wer für Verschwörungstheorien besonders anfällig ist?

"Es ist unglaublich mühsam, auf dem Laufenden zu bleiben"

Butter: Psychologen sagen, Unsicherheit mache anfällig für Verschwörungstheorien. Und dass man dazu umso mehr neige, je extremer die eigene politische Position sei. Der Hauptfaktor jedoch scheint mir das Gefühl der Marginalisierung zu sein. Man verliert seinen Job oder hat Angst davor. Man hat das Gefühl: Das ist nicht mehr das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Plötzlich dürfen Schwule heiraten, auf den Straßen laufen Frauen mit Kopftuch herum, es wird nicht überall Deutsch gesprochen und so weiter. Von solchen Ängsten sind Männer häufiger geplagt als Frauen.

ZEIT: Warum gerade die Männer?

Butter: Weil sie tatsächlich mehr zu verlieren haben, nicht nur an Macht, sondern auch an beruflicher Sicherheit. Die meisten Industriejobs, die durch die Globalisierung wegfallen, haben Männer inne. Von solchen Befunden aus kommt man recht schnell zu genau jener demografischen Gruppe, die Trump ins Amt gespült hat und die auch bei Pegida mitmarschiert. Dennoch sind verschwörungstheoretische Gedanken kein Privileg von konservativen Männern. Ich wohne in Tübingen, einer sehr linken, grünen Stadt. Da sollten Sie auf dem Spielplatz nicht das Thema Impfen ansprechen! Mit einer grünen Impfgegnerin zu diskutieren ist nicht weniger anstrengend als mit AfD-Anhängern, die meinen, Angela Merkel werde aus Washington gesteuert.

ZEIT: Ist es nicht auch deshalb schwierig, mit Verschwörungstheoretikern zu diskutieren, weil sie immer wieder Quellen zitieren, die durchaus seriös erscheinen? Kürzlich haben vier Physiker in einem angesehenen Fachjournal behauptet, das World Trade Center sei am 11. September 2001 durch eine geheime Sprengung kollabiert.

Butter: Dass es Hunderte von Physikern gibt, die eine Sprengung ausschließen, wird dabei natürlich nicht erwähnt. Ebenso wenig, dass man bisher keinen Sprengstoff gefunden hat, sondern nur Oxidationsspuren, die auch andere Ursachen haben könnten. Oder dass der angeblich verwendete Sprengstoff völlig ungeeignet wäre, um diese Stahlträger zu sprengen. Solche Widersprüche verschweigen die Verschwörungstheoretiker.

ZEIT: Oha, Sie kennen sich da ja bestens aus!

Butter: Zur 9/11-Verschwörung werde ich ständig gefragt, deshalb habe ich diese Details parat. Bei anderen Theorien, wie etwa der angeblich vorgetäuschten Mondlandung, vergesse ich viele Argumente wieder. Es ist unglaublich mühsam, auf dem Laufenden zu bleiben, weil Verschwörungstheoretiker immer neue Argumente vorbringen, die man dann im Detail widerlegen muss. Außerdem glauben sie, immer mehr erklären zu können, als die Realität hergibt.

ZEIT: Können Sie ein Beispiel nennen?

Butter: Nehmen Sie den Pass von Mohammed Atta, der vor dem World Trade Center auf dem Bürgersteig gefunden wurde. Für Verschwörungstheoretiker eine klare Sache: Die CIA hat den da hingelegt, um den Verdacht auf Atta zu lenken. Dass der Pass offensichtlich aus dem komplett zerstörten Flugzeug herausgefallen sein muss, ist ja auch schwer vorstellbar. Aber manchmal ist die Wirklichkeit eben unstimmig und widerborstig. Das wollen Verschwörungstheoretiker aber nicht wissen. Bei ihnen geht immer alles auf, weil es ja nur eine Erklärung geben kann.

ZEIT: Aber gibt es nicht auch Verschwörungstheorien, die sich als wahr entpuppen? Wer hätte vor zehn Jahren geglaubt, dass die NSA uns alle abhören kann?

Butter: Eine vermeintliche Verschwörungstheorie muss nicht hundertprozentig falsch sein. Ich glaube zum Beispiel, es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass Lee Harvey Oswald bei der Ermordung Kennedys nicht alleine gehandelt hat. Vermutlich gab es Hintermänner, wenn auch nicht sehr viele. Ganz anders sieht es mit der Behauptung aus, ein Großereignis wie 9/11 sei von der amerikanischen Regierung geplant worden. Wer hätte da alles eingeweiht sein müssen! Dennoch ist in den vergangenen 15 Jahren niemand an die Öffentlichkeit getreten, um die Verschwörung aufzudecken – trotz WikiLeaks und Internet und der Tatsache, dass die Bush-Regierung extrem unbeliebt war.

ZEIT: Das ist ja gerade die große Verschwörung!

Butter: Das sagen auch Verschwörungstheoretiker und immunisieren sich so gegen jedes Argument.

ZEIT: Woher kommt überhaupt der Hang zum Verschwörungsglauben?

Butter: Der hat eine lange Tradition. Auch George Washington und Abraham Lincoln haben an Verschwörungstheorien geglaubt. Eine von Lincolns berühmtesten Reden ist ein Paradebeispiel: Er spricht über eine angebliche Verschwörung einflussreicher Politiker, die nicht nur im Süden der USA die Sklavenhaltung beibehalten, sondern diese auf das ganze Land ausdehnen möchten. Eine Mehrzahl der amerikanischen Präsidenten war Anhänger von Verschwörungstheorien.

ZEIT: Und in Deutschland?

Butter: Da war es nicht viel anders. Lange Zeit war es völlig normal, Verschwörungstheorien anzuhängen. Historiker begründen das mit der Säkularisierung. Früher glaubten die Menschen an eine göttliche Instanz, die alle Fäden in der Hand hält. Das fällt mit der Aufklärung zunehmend weg. Zugleich sind die Menschen im 18. Jahrhundert aber nicht bereit für die Einsicht, dass komplexe Gesellschaften Dinge hervorbringen, die niemand intendiert hat. Es muss also jemand geben, der alles geplant hat. Nur ist das nicht mehr Gott, es sind die Verschwörer. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich das geändert. Nach 1945 wurde Verschwörungstheorie zum Schimpfwort.

ZEIT: Was gab den Ausschlag?

Butter: Es war die Einsicht, was Verschwörungstheorien anrichten können. Sowohl der Nationalsozialismus als auch der Kommunismus basieren ja auf solchen Theorien. Nach dem Krieg benutzte Karl Popper in seinem Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde erstmals den Begriff der Verschwörungstheorie so, wie wir ihn kennen. Er meinte damit vulgärmarxistische Ansichten.

ZEIT: Liegt die heutige Attraktivität des Verschwörungsdenkens nicht auch an der schwer fassbaren Komplexität der modernen Welt?

"Die Wirklichkeit war immer komplex"

Butter: Die Wirklichkeit war immer komplex. Doch früher vertraute man stärker auf Experten, die diese Komplexität ordnen und erklären konnten. Heute sind die klassischen Wissenshierarchien zunehmend infrage gestellt. Allein schon durch Wikipedia wird Expertenwissen viel stärker hinterfragt als früher. Das kann extrem positiv sein, birgt aber eben auch große Gefahren.

ZEIT: Wenn sich jeder seine eigene Wahrheit bastelt: Wie kommt man dann noch zu einem Konsens? Wie diskutiert man mit Menschen, die den üblichen Argumenten nicht zugänglich sind?

Butter: Das ist wirklich schwierig. Es gibt empirische Experimente, bei denen man Verschwörungstheoretiker mit überzeugenden Gegenargumenten konfrontiert hat. Ergebnis: Sie glaubten danach noch stärker an ihre Theorie als zuvor.

Jeder Widerspruch führt dazu, dass man noch krampfhafter an seiner Position festhält

ZEIT: Wie ist das möglich?

Butter: Es ist vermutlich wie so oft im Leben: Man entscheidet sich aus einem Grundgefühl heraus für eine Position und sucht sich danach die Argumente, die dazu passen. Und jeder Widerspruch führt dazu, dass man noch krampfhafter an seiner Position festhält. Ich arbeite mit über hundert Forschern in einem großen europäischen Netzwerk zur Erforschung von Verschwörungstheorien, doch am Ende kommen wir quer durch alle Disziplinen zu demselben Schluss: Mit eingefleischten Verschwörungstheoretikern kann man nicht diskutieren. Dennoch muss man sich mit ihren Theorien auseinandersetzen.

ZEIT: Warum eigentlich?

Butter: Um jene Menschen zu überzeugen, die noch nicht daran glauben, aber dafür anfällig sind.

ZEIT: Sozusagen präventiv.

Butter: Prävention klingt mir zu sehr nach Krankheit oder Kriminalität. Aber wir müssen versuchen, schon bei Schülern ein Verständnis dafür zu wecken, wie Gesellschaft funktioniert, warum das Blog eines Privatmannes nicht dieselbe Glaubwürdigkeit besitzt wie eine Tageszeitung. Wieso Geschichte sich nicht auf Jahre planen lässt. Es geht um kulturelle, digitale und historische Bildung.

ZEIT: Und wenn man, sagen wir, bei einem gemütlichen Essen im Bekanntenkreis plötzlich mit kruden Theorien konfrontiert wird?

Butter: Für solche Situationen schlug ein Kollege von mir vor: Setz noch einen drauf, und entwirf aus dem Stegreif die absurdeste Verschwörungstheorie, die dir einfällt. So nach dem Motto: Du kratzt da ja erst an der Oberfläche! Ich rate allerdings zu Vorsicht: Gerade im Bekanntenkreis kann diese Strategie zu erheblichen Verwerfungen führen.

ZEIT: Abgesehen von der persönlichen Ebene: Wie sollen denn die Medien damit umgehen? Stichwort Lügenpresse.

Butter: Man könnte sagen, dass diese Leute die sogenannten Mainstream-Medien ohnehin nicht mehr wahrnehmen und also gar nicht erreicht werden können. Dennoch gilt: Selbst wenn man die Verschwörungstheoretiker nicht erreicht, um die Zweifler muss man sich kümmern. Deshalb bleibt Journalisten nichts anderes übrig, als rationale Argumente zu bemühen und alles immer wieder von Neuem zu erklären.

ZEIT: Nun sitzt bald mit Donald Trump jemand im Weißen Haus, der mit dem Versprechen angetreten ist, die große Verschwörung zu beenden. Das muss doch den Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln nehmen, oder?

Butter: Das dachte ich auch. Es gab ja Aussagen von erstaunten Trump-Anhängern in der Wahlnacht, die sagten: "Hätte ich nie geglaubt, ich dachte, die Wahl ist getürkt." Dennoch herrscht in der Hinsicht überhaupt keine Gewissheit. Sollte beispielsweise Trump einen Teil seiner radikalen Versprechungen nicht umsetzen, werden sich die Verschwörungstheoretiker wieder bestätigt fühlen. Dann wird es heißen: Auch Trump musste sich den dunklen Mächten ergeben.