Besuch beim Onkel in der Wohnung. Vielleicht das letzte Mal, dass ich ihn besuchen kann. Er hat Nierenkrebs, fortgeschritten. Es ist Mittag. Auf dem Tisch steht eine Schüssel mit dampfenden Nudeln und scharfer Bolognese.

Ich: Guten Appetit!

Er: (beäugt den Teller, legt die Gabel weg)

Ich: Du isst nicht?

Er: (schiebt den Teller weg) Ein bisschen wird wohl gehen.

Ich: Ich kenn dich nur so, dass es dir schmeckt.

Er: Ich hab 50 Kilo abgenommen. Dass das auf einmal geht!

Ich: Die anderen haben gesagt, ich soll nicht erschrecken, wenn ich dich sehe. Steht dir aber! Siehst aus wie ein Asket. Obwohl 50 Kilo in vier Monaten schon krass sind.

Er: Deshalb lasse ich eine der Tabletten weg.

Ich: Was?! Die soll den Tumor eindämmen!

Er: Die verleidet einem alles. Sogar das Essen.

Ich: Aber der Tumor soll nicht wachsen!

Er: Kleiner wird er so oder so nicht.

Ich lege auch die Gabel weg. Gieße uns Wasser nach.

Er: Bis zu meinem Geburtstag sind es noch sechs Wochen.

Ich: Willst du feiern? Es kommen bestimmt alle.

Er: (gelassen) Vielleicht feiert ihr ohne mich.

Schweigen, einige lange Minuten.

Ich: Hast du Angst?

Er: Vor dem Tod? Nein.

Ich: Hast du eine Ahnung, was kommt?

Er: Das weiß ich nicht. Ich weiß aber, was war. Ich hatte ein volles Leben.

Ich: Was willst du unbedingt noch tun?

Er: Mehr Musik hören.

Ich: Oder gibt es vielleicht jemanden, den du noch einmal treffen musst?

Er: Während man lebt, schiebt man auf. Dann ist vielleicht nichts so dringend. Aber ich war nie so gut darin, Kontakt zu halten. Ich hätte ein besserer Onkel sein können.

Ich: Du bist ein guter Onkel.

Wir stehen auf. Er setzt sich auf seinen Sessel, stellt die Lehne nach hinten. Legt die Beine hoch.

Er: Mach mal den Schrank auf, da ist so ein Fläschchen drin, eine Möbelpolitur. Probier mal, das hier wegzubekommen ...

Er deutet auf ein Beistelltischchen. Wasserränder überlagern sich wie die olympischen Ringe. Ich finde ein Tuch und reibe mit heiligem Ernst die Flüssigkeit ins Holz. Die Ringe verschwinden sofort.

Er: Das ist das beste Zeug überhaupt.

Ich betrachte die Flasche intensiv. Sachliches Etikett.