Vor fünf Jahren führte die kleine Anthologie mit dem wunderbaren Titel Das schönste Proletariat der Welt eine neue russische Erzählergeneration in den deutschen Sprachraum ein. Schon damals stach die junge Alissa Ganijewa als erfrischende und gewitzte Stimme aus dem Verbund aufgekratzter Jungautoren heraus. Nun, nach der Lektüre von Eine Liebe im Kaukasus, ihrem zweiten ins Deutsche übertragenen Roman, muss man festhalten: An dieser Autorin führt kein Weg vorbei.

Man nehme nur den Titel des neuen Buches, der ein bisschen Herzschmerz am Kaspischen Meer suggeriert – eine haltlose Untertreibung! Ein umfängliches Panorama der postsowjetischen Gesellschaft steckt in dieser Liebesgeschichte, denn in Dagestan, diesem Hinterhof Russlands im Nordkaukasus, zählt überhaupt nur die Liebe, könnte man meinen. Die Leute scheinen besessen vom Heiraten, "Hochzeitsgeschäfte auf Schritt und Tritt. Boutiquen europäischer Designer, Zentren islamischer Brautmode, Krinolinen, Schleppen, Tüllschleier, Pelzkolliers, exklusive Kollektionen."

Distanziert betrachtet Marat die Auslagen am Prospekt seiner Heimatsiedlung. Eigentlich arbeitet er als Anwalt in Moskau, aktuell am Fall einer ermordeten Bürgerrechtlerin, aber die Eltern haben ihn die Zweitagesreise an den äußersten Rand des zerfallenen Sowjetreichs antreten lassen, damit er endlich heiratet. Der Festsaal ist bereits gebucht, nur die Braut fehlt noch. Da trifft es sich gut, dass gleichzeitig auch Patja aus Moskau ins heimische Dagestan beordert wurde, die mit ihren bald sechsundzwanzig Jahren Gefahr läuft, als alte Jungfer zu enden. Doch wie in jedem großen Drama und kleinerem Melodram gilt es, vorerst einen größeren Hindernislauf erfolgreich zu bewältigen. Da ist etwa der aggressive Brautwerber Timur, Typ bauernschlauer Lokalpolitiker, den Patja abwimmeln muss, ohne dabei auf die Unterstützung von Familie und Nachbarschaft zählen zu können. Und dann gibt es noch das Problem mit dem Regionaloligarchen Halilbek, der vor Jahren im Suff Marats Halbbruder überfahren hat. Patjas Vater gab ihm damals ein Alibi.

Erzählt wird Eine Liebe im Kaukasus alternierend aus der Sicht der beiden Liebenden. Diese durch und durch melodramatische Struktur ist ein Zugeständnis an die aufs Melodram getrimmte Kultur Dagestans ("Was für Leidenschaften ... Die reinste Fernsehserie"). Doch ähnlich wie Rainer Werner Fassbinder nutzt Ganijewa diese populäre ästhetische Form, um über etwas ganz anderes zu erzählen. Denn mehr noch als jede Verliebtheit in den "teeschimmernden Augen" verbindet Marat und Patja die Gratwanderung zwischen der Moskauer Moderne und der archaischen Realität Dagestans. Morde an Oppositionellen und eine rigorose Ablehnung alles Nichtslawischen in der Hauptstadt, in der Provinz Rückständigkeit in jeder Hinsicht, Aberglaube und islamistischer Extremismus, dem der Staat mit willkürlicher Polizeigewalt antwortet. In ihrer schnoddrigen Sprache tuscht die Autorin all dies in die Hochzeitsvorbereitungen, rückt mal mit dem Mord an der Bürgerrechtlerin die gesamtrussische Situation ins Bild, um dann wieder anhand der Umtriebe Halilbeks die kaukasischen Eigenheiten herauszustellen. Und sie denkt gar nicht daran, schlussendlich alle Fäden zusammenzubinden. Den brüchigen Boden eines Systems voller Unwägbarkeiten, welchen das neue Russland seiner hungrigen und gebildeten Jugend bereitet, lässt sie für sich sprechen. Dennoch steckt in ihrer ungeschönten Wiedergabe dieser irren Verhältnisse ein verschmitztes Wohlwollen und die Hoffnung, dass diese junge Generation der russischen Malaise schon Herr werden wird.

Alissa Ganijewa: Eine Liebe im Kaukasus. Roman; a. d. Russischen von Christiane Körner; Suhrkamp Verlag, Berlin 2016; 240 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €