Da hängt er ja, der Erzengel Gabriel. In Plastikfolie eingewickelt, wartet er andächtig auf seine nächste Verkündigung. Neben ihm baumelt das restliche Personal der biblischen Weihnachtsgeschichte: die drei Weisen aus dem Morgenland, Maria und Josef, die Hirten und – ganz wichtig – der Esel. Der erzählt in der Puppenkisten-Aufführung nämlich die Geschichte. Im dritten Jahr spielt das Marionettentheater das Stück in Augsburg, in diesem Winter kommt es auch ins Kino. So können Kinder und Erwachsene in Deutschland und Österreich gemeinsam mit Maria und Josef durch die Wüste ziehen, auf neunmalkluge Kamele und sprechende Esel treffen.

Es ist eine ungewöhnliche Fassung mit viel Witz und Hintersinn: Das freche Eselchen Noël spielt die Hauptrolle, und der Erzengel Gabriel plumpst regelmäßig tollpatschig vom Himmel, statt elegant einzuschweben. Eine bunt gemischte Puppenschar tummelt sich auf der Bühne: König Melchior spricht österreichischen Dialekt, das Kamel ist muslimisch. Darf man das denn, die heilige Geschichte zu einem solch lustigen Theaterstück machen? "In der Bibel nimmt die Weihnachtsgeschichte nicht mehr als eine halbe Seite ein", sagt Puppenkisten-Chef Klaus Marschall und grinst. "Da war für uns genug Raum, um Details hinzuzufügen."

Stolz führt der Hausherr durch sein Puppenreich. Im Lager hinter der Bühne hängen alle Charaktere, die gerade im Einsatz sind. Dicht an dicht baumeln Prinzessinnen, Ganoven und Krokodile neben dem Erzengel und den Tieren aus dem Stall in Bethlehem. Für die Weihnachtsgeschichte wurden 23 Figuren neu angefertigt, also geschnitzt, bemalt und bekleidet. 50 bis 60 Stunden dauert das pro Figur.

Ein Stockwerk weiter unten wird gerade geprobt. Sechs Puppenspieler stehen konzentriert auf der sogenannten Spielerbrücke. Die ist für die Zuschauer unsichtbar, sie sehen nur die Puppen auf der Bühne tanzen, stampfen und fliegen. Die Puppenspieler schwitzen, das Licht der Scheinwerfer ist heiß, und sie stehen eng beieinander, weil der Platz über der kleinen Bühne knapp ist. "Man muss sich wirklich gut riechen können", sagt Marschall und lacht.

Gegründet wurde die Puppenkiste 1948, sie hat schon viele hölzerne Stars hervorgebracht: Jim Knopf etwa oder das Urmel aus dem Eis. Die bekanntesten Puppen sind im hauseigenen Museum ausgestellt, von manch einer klobigen Nase bröckelt längst die Farbe. Die restlichen Figuren verstauben auf dem Dachboden: 5.000 arbeitslose Charaktere mit schlackernden Gliedmaßen warten darauf, dass sie mal wieder jemand auf die Bühne holt.

Etwa drei Jahre dauert es, bis ein Puppenspieler eine Marionette steuern kann, noch einmal drei Jahre, bis er die Figur so gekonnt bewegt, dass die Zuschauer glauben, sie habe Gefühle. Der Esel Noël zum Beispiel hüpft mal beschwingt umher, mal schlurft er müde durch die Wüste. Auch wenn sich in seinem hölzernen Gesicht nichts verändern kann, wissen die Zuschauer durch die Bewegung sofort, wie Noël sich fühlt.

Dafür sind an Kopf, Füßen, Beinen und Armen der Figuren Fäden angebracht, die an einem kleinen Holzkreuz befestigt sind. Kippt der Puppenspieler es nach vorn, macht die Puppe zum Beispiel eine kleine Verbeugung. Komplizierte Figuren wie der Esel hängen schon mal an 14 Fäden. Damit kann Noël sein Maul auf- und zuklappen und mit den Ohren wackeln. Doch selbst dem erfahrensten Puppenspieler reißt mal ein Faden, oder eine Figur verheddert sich im Bühnenbild. Für solche Fälle hat jeder Puppenspieler eine Schere griffbereit, um seine Figur notfalls schnell befreien zu können.

All die Figuren und das viele Üben – lohnt dieser Aufwand, wenn man heute perfekte Animationsfilme bequem am Computer erstellen kann? "Das Figurenspiel ist ein Sprungbrett für die Fantasie", sagt Klaus Marschall. Aus ein paar klappernden Stücken Holz entstehe im Kopf der Zuschauer eine Geschichte. "Das ist jedes Mal wieder ein kleiner Zauber."

"Die Weihnachtsgeschichte" ist an den vier Adventssonntagen in mehr als 200 Kinos zu sehen. Alle Orte und Termine finde Sie unter www.kiki-productions.de