Wer auf der Gedenkfeier für die verstorbene Kultursenatorin Barbara Kisseler den Blick durch das Publikum schweifen ließ, der konnte erahnen, welche Bedeutung sie für diese Stadt hatte: Altpunks und Hausbesetzer waren am Samstag ebenso ins Schauspielhaus gekommen wie der Logistikmilliardär Klaus-Michael Kühne. Die Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard saß da und nicht weit von ihr der AfD-Vorsitzende Jörn Kruse, dessen Parteifreunde Deuflhard neulich noch wegen ihrer Flüchtlingsarbeit vor Gericht zerren wollten. Barbara Kisseler "liebte die Gegensätze unserer Stadt", sagte Bürgermeister Olaf Scholz. Und sie überbrückte die Gegensätze. Das kann man auch jetzt noch sehen, da Kisseler nicht mehr am Leben ist.

Am 7. Oktober starb Barbara Kisseler nach langer Krankheit im Alter von 67 Jahren. Fünfeinhalb Jahre lang war sie Kultursenatorin und hat in dieser Zeit "mehr geschafft als manch einer in einem ganzen Leben", wie Olaf Scholz es in seiner Gedenkrede formulierte. Er hatte die Rheinländerin nach Stationen in Hannover und Berlin im Februar 2011 nach Hamburg geholt. Als Kisseler kam, waren Kulturszene und Politik entzweit. Nicht zuletzt am Schauspielhaus war man gegen die Sparpläne des Vorgängersenats auf die Barrikaden gegangen. Die Elbphilharmonie drohte als Millionengrab zu enden.

Von den Widerständen und Brüchen war kaum die Rede auf der Trauerfeier, wohl aber davon, dass Kisseler die richtige Person war, um solche Probleme zu überwinden. "Das Unbequeme ist nicht der Preis, den man für die freie Kunst zahlen muss, sondern ein Wert an sich", dafür habe Barbara Kisseler gestanden, sagte Scholz. Und gut vernetzt war sie obendrein: Eine Kisseler-Vertraute erzählte, Außenminister Frank-Walter Steinmeier habe sich von ihr Krimis empfehlen lassen, und Berlins ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit sei zur Besprechung komplexer Fragen mit ihr Schuhe kaufen gegangen. Barbara Kisseler hatte ein Händchen nicht nur für Künstler, sondern auch für die Alphatiere in der Politik. Olaf Scholz bestätigte das: Sie habe es verstanden, ihn bei Haushaltsverhandlungen so charmant über den Tisch zu ziehen, dass es sich wie eine Umarmung angefühlt habe.

Eröffnet wurde die Gedenkfeier würdevoll und feierlich. Dirigiert von Kent Nagano, spielten Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters den zweiten Satz aus Bachs Konzert für zwei Violinen in d-Moll. Später folgte der Posaunist Nils Landgren, begann mit einem elegischen Stück, kippte dann in eine Rocknummer, schraubte während der Aufführung sein Instrument auseinander, spielte ohne Trichter, dann nur auf dem Mundstück. Man staunte: Eine Varieténummer auf einer Trauerfeier? Ja, weil es eben keine Trauer-, sondern eine Gedenkfeier war. Barbara Kisseler, das betonte Scholz, habe Künstler geschätzt, die ihr Publikum aus der Reserve lockten. Und sie habe einen Humor gehabt, "ebenso beliebt wie gefürchtet".

Das wurde deutlich, als Schauspieler Kisseler-Zitate vorlasen. Etwa dass eine Frau in der Politik doppelt so viel leisten müsse wie ein Mann, um nur halb so viel zu schaffen. Zum Glück sei das für eine Frau aber gar nicht so schwer. Es wurde gelacht, viel öfter als auf den meisten Gedenkfeiern.

Als man nach dieser Matinee das Schauspielhaus verließ, geriet man aus der einen Gruppe schwarz gekleideter Menschen in eine ganz andere: Vor dem Hauptbahnhof standen Hundertschaften der Bereitschaftspolizei mit Straßensperren und Wasserwerfern. Eine Demonstration der AfD war angekündigt, mit Gegendemo. In diesem Moment schien es, als taumele man hinaus in eine Gesellschaft, die nicht mehr von der Kultur zusammengehalten wird, sondern allein von Recht und Macht.

Gerade diese Gesellschaft brauchte auch in Zukunft eine Barbara Kisseler.