Auf die Trump-Frage hat Chinas Vizeaußenminister gewartet. Minutenlang hat Liu Zhemin bei seinem Auftritt auf dem Klimagipfel von Marrakesch diplomatische Freundlichkeiten verbreitet, hat die Zusammenarbeit der Weltgemeinschaft beim Klimaschutz gepriesen, hat Chinas Treue zum Klimaabkommen von Paris bekräftigt. Dann, endlich, fragt ein Journalist: "Was sagen Sie zu Donald Trumps Behauptung, der Klimawandel sei ein von Chinesen erfundener Schwindel, um Amerikas Wirtschaft wettbewerbsunfähig zu machen?" Liu lächelt, blickt nochmals kurz auf sein Skript. Und antwortet sanft: "Wenn Sie auf die Geschichte der Klimaverhandlungen schauen, wurden diese in Wirklichkeit in den 1980er Jahren gestartet: mit Unterstützung der Republikaner unter den Regierungen Reagan und Bush."

Einige Zuhörer klatschen Beifall. Andere twittern Lius Aussage hinaus in die Welt. Hinten im Raum unterdrücken Gefolgsleute des Ministers nur mühsam ihr Lachen. Vor ein paar Jahren noch gab es Gerüchte in ihrem Heimatland, die US-Politik spiele den Klimawandel hoch, um Chinas stetig wachsende Exportindustrie auszubremsen.

Nun plötzlich sind die Rollen vertauscht. Die USA werden aus dem Pariser Vertrag aussteigen und das transpazifische Handelsabkommen TPP aufkündigen – so zumindest hat es Trump gelobt. Und das einst so abgeschottete China, mittlerweile größter Treibhausgas-Emittent der Welt? Profiliert sich als Vorkämpfer für Klimaschutz und Freihandel, um damit viel Geld zu verdienen.

Die Chinesen haben das Weltklimaabkommen gerettet. Als nach Trumps Wahlsieg die Gipfelteilnehmer von Marrakesch paralysiert waren und einige Delegationen gar nichts mehr zu den Vereinbarungen von Paris sagen wollten, erklärten Pekings Vertreter, ihr Land werde weitermachen – egal, was Trump beschließe. Prompt zogen andere Schwellenländer nach: Indien, Brasilien, Russland. "Es gibt eine neue Weltordnung", sagt Erik Solheim, der Chef des UN-Umweltprogramms. Die Schwellenländer, China voran, hätten "die Führung in der Klimapolitik" übernommen. "China: from zero to hero", sagt Li Shuo, Energieexperte von Greenpeace.

China als Vorkämpfer für die Umwelt? Das klingt erst mal absurd. Vergiftete Flüsse, verseuchte Äcker, versmogte Städte – seit Jahren gehen solche Bilder aus der Volksrepublik um die Welt. Mehr als eine Million Chinesen sterben pro Jahr allein an den Folgen der Luftverschmutzung. Macht im Schnitt einen Toten alle 31 Sekunden.

Die unübersehbare Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen führt aber auch dazu, dass die Machthaber umdenken.

"Umweltverschmutzung wird in China vergleichsweise offen thematisiert, und die Spitzenkader müssen selbst die schlechte Luft in Peking einatmen. Viele Funktionäre empfinden das als Schmach", sagt Sebastian Heilmann, Direktor des Berliner Mercator-Instituts für China-Studien (Merics). Schreitet der Klimawandel voran, kommen weitere große Probleme auf die Nation zu. Das Abschmelzen großer Gletscher würde die Wasserversorgung von Teilen des Landes gefährden – und ein höherer Meeresspiegel die Küstenmetropolen. Shanghai beispielsweise liegt so niedrig, dass bei einem weltweiten Temperaturanstieg um vier Grad bis zum Jahr 2100 ohne Gegenmaßnahmen drei Viertel der Stadt überflutet wären. "China muss im eigenen Interesse dafür sorgen, die Erwärmung einzudämmen", sagt Lord Nicholas Stern, langjähriger Chefökonom der Weltbank und Berater der britischen Regierung für Klimafragen.