Kein Wahlbetrug, alles sauber gelaufen beim Urnengang, nur die Ergebnisse kosten zahllose Demokraten gegenwärtig den Schlaf. Während die Erde, auf der Trump nun der mächtigste Mensch sein soll, noch bebt, gerät auch das Fundament der Moderne ins Gleiten. Die liberale Demokratie, geboren in den Vereinigten Staaten, ächzend unter dem Kapitalismus, den sie lange genährt hat, kann sich offenbar durch freie und gleiche Wahlen selbst abschaffen. Dabei hat sie weltweit so viel Zuspruch wie nie zuvor.

Ausgerechnet jetzt durch die Berge der Neuerscheinungen zu blättern, um nachzusehen, welche Ideen zur Stärkung der Demokratie sich ab sofort noch empfehlen, ist ziemlich unfair. Auch die jüngsten Bücher sind ja schon gestern geschrieben. Aber zumindest drei sind dabei, die das Erdbeben der letzten Wahlen doch elegant überstehen: Ein junger flandrischer Historikerschriftsteller, ein deutscher Stadtplaner und ein britischer Spitzenökonom haben sie verfasst.

"Es ist seltsam mit der Demokratie: Jeder scheint sich danach zu sehnen, aber keiner glaubt mehr daran": David Van Reybrouck, Autor des Weltbestsellers Kongo, hat nun in einer Sprache, die geradezu kindlich einfach wirkt, aber Satz für Satz analytisch und historisch gesättigt ist, ein leidenschaftliches Plädoyer für die Selbstheilung der Demokratie mit ihren ureigensten Mitteln geschrieben – Gegen Wahlen.

Reybroucks Diagnose des "Demokratiemüdigkeitssyndroms" lautet: Während 91,6 Prozent der weltweit Befragten im World Values Survey angeben, die Demokratie sei die beste Regierungsform, kämpft sie in ihren Stammländern bei sinkenden Wählerzahlen mit ihrer Legitimität und ist zudem unendlich träge und langsam. Ineffizient.

Dem Bürger gefällt die Demokratie nicht recht, er meint, er finde wenig Gehör, er ist ja nicht mehr einfach ein Leser, sondern in seiner Welt der Chefredakteur, und seine Mündigkeit verändert die Welt: "Wer kommt zu Wort? Das ist die Kernfrage."

Die Reparaturvarianten, die gegenwärtig erprobt werden, fertigt Reybrouck entschlossen ab, sie sind gefährlich: "Populismus ist gefährlich für die Minderheit, Technokratie ist gefährlich für die Mehrheit, und Antiparlamentarismus ist gefährlich für die Freiheit."

Dabei gäbe es ein anderes Instrument der Vertretung aller, das Reybrouck für gegenwärtig unterschätzt hält: das Los. Es ist seit der Antike als Urverfahren der Demokratie erprobt, in den italienischen blühenden Stadtstaaten der Renaissance bewährt, der oligarchischen Republik Venedig und, etwas anders, in Florenz. Von Montesquieu, dem Spiritus Rector der modernen Gewaltenteilung im 18. Jahrhundert, wird es im Anschluss an Aristoteles lebhaft empfohlen: "Wahl durch Los entspricht der Natur der Demokratie", heißt es im Esprit des lois von 1748. "Das Auslosen ist eine Wahlform, die niemanden verletzt."

Ähnlich wie Montesquieu, auch wie Rousseau, und explizit an den Politologen Hubertus Buchstein anknüpfend, der ein europäisches "House of Lots", ein Haus des Loses, durchdacht hat, plädiert David Van Reybrouck für ein gemischtes Verfahren aus Wahlen und Los: In einer das Parlament ergänzenden Kammer könnten geloste Individuen, durch Experten in allen Fachfragen unterstützt und gut bezahlt, zu kompetenten Bürgern werden. Ihre politische Arbeit würde den Abstand zwischen Regierenden und Regierten punktuell aufheben.

Diese geloste Bürgerkammer könnte sowohl mit der Ausarbeitung von Gesetzen betraut werden wie mit der Erhöhung der deliberativen Qualität von Entscheidungen. Von der lokalen Ebene bis zur EU könnte das Los dazu beitragen, dass die Offenheit der Demokratie für jedermanns Belange belebt wäre, und zwar indem im politischen Handeln auch Verantwortung spürbar und zurechenbar würde.

Diese Ressource der erfahrbaren demokratischen Selbstwirksamkeit will auch der zweite Vorschlag nutzen, der bedenkenswert ist. "Es fällt zu leicht, mehr und basisnähere Demokratie zu fordern. Wie ginge das, ohne uns zu überfordern und die demokratischen Sicherheiten zu beschädigen, die wir schon haben? Was trauen wir uns zu?"