DIE ZEIT: Herr Kremer, Sie haben einmal gesagt, Sie befänden sich in einem Transitraum. Haben Sie heute das Gefühl, diesen Raum langsam durchschritten zu haben?

Gidon Kremer: Nein, ich befinde mich immer noch unterwegs. Die Geschwindigkeit dieses Weges ist erregend, zermürbend und herausfordernd. Ich sehne mich nach Ruhe, aber ich habe eben gelernt, zu arbeiten und die Dinge zu erforschen. Was ich nicht gelernt habe, ist, mich zu entspannen. Deshalb glaube ich wahrscheinlich auch, statt eines Lebens fünf Leben gelebt zu haben. Oder sieben. Aber das soll kein Klagelied sein.

ZEIT: Sie haben mit Ihrem Orchester Kremerata Baltica mehrfach auch politisch Stellung bezogen, etwa mit dem Konzertprojekt To Russia with Love oder in Ihrer Zusammenarbeit mit dem Maler und Philosophen Maxim Kantor an dem Programm Russia – Masks and Faces. Was leitet Sie?

Kremer: Ich bin sicher nicht für alles aufnahmefähig, was mich umgibt. Aber wenn ich Ungerechtigkeit spüre, dann muss ich dem nachgehen, in aller Tiefe und Breite. Mir ist es immer ein Bedürfnis gewesen, das, was ich erlebe und denke, mit anderen zu teilen. Und Gleichgültigkeit war nie meine Sache. Ich lebe nicht im Elfenbeinturm und spiele nicht nur Musik verstorbener Komponisten.

ZEIT: Sind Sie ein schutzloser Mensch?

Kremer: Vielleicht, zum Teil. Aber das ist auch eine Kraftfrage. Meine Arbeit, meine Projekte, meine Ideen verschlingen jedes Energievermögen, das ich vielleicht noch habe. Insofern komme ich oft zu kurz mit mir selber, mit meinen Kindern, meinem Privatleben, meinen Freunden. Aber ich bin nun einmal berufen, ohne pathetisch klingen zu wollen, etwas zu tun, zu bewirken, das wichtiger ist als ich selbst. Das ist mein Leben.

ZEIT: Wann haben Sie diese Berufung bemerkt?

Kremer: Unerschöpfliche Begabungen und unerschöpfliche Persönlichkeiten haben mich schon immer angezogen. Solche Begegnungen sind enorm wichtig, auch wenn sie manchmal nur in der Ferne stattfinden. Ich lasse mich dann regelrecht verführen. Der russische Schauspieler Innokenti Smoktunowski hat einmal gesagt, man sollte die Fähigkeit nicht verlieren, sich zu wundern – und die anderen zu verwundern. Das spricht mir aus der Seele, obwohl ich Smoktunowski nie getroffen habe.

ZEIT: In Ihrem Leben gab es sicher kein Mangel an extraordinären Persönlichkeiten, Sie waren Schüler von David Oistrach, Sie haben mit Leonard Bernstein gearbeitet und mit Nikolaus Harnoncourt, Sie musizieren regelmäßig mit Martha Argerich ...

Kremer: Und mit vielen anderen, natürlich, aber das ist es nicht, was ich meine. Nehmen Sie Jacques Brel. Der hat 1965 in Moskau auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Er trat so auf, als würde er sich auf der Bühne verbrennen. Das war so existenziell, dass ich es nie vergessen habe. Kürzlich las ich eine neue Biografie über Brel ...

ZEIT: Jens Rostecks Der Mann, der eine Insel war?

Kremer: Ein großartiges Buch! Darin fand ich all das wieder, was ich damals empfunden hatte und was mir selber wichtig war, mein ganzes Leben. Es geht um Substanz, um Tiefe, um Emotion und um den Augenblick, wie es in der Zen-Philosophie heißt, das Jetzt. Habe ich das von Brel übernommen? Eher nicht. Ich habe erst jetzt erfahren, was sein Leben für ein Durcheinander war. Dieses Durcheinander füllte seine Poesie, seine Lieder, seine Präsenz – so wie das Durcheinander meines Lebens meine Töne füllt.

ZEIT: Aus dem "Durcheinander" ist ein bemerkenswertes Künstlerleben entsprungen. Sie bedienen nicht nur das klassische Geigen-Repertoire, sondern haben sich früh für Komponisten wie Arvo Pärt, Peteris Vasks oder Victor Kissine engagiert. Woher nahmen Sie die Gewissheit, sich nicht zu irren?

"Ich messe mich an den großen Persönlichkeiten"

Kremer: Abgesehen von meinen Irrtümern, stellt sich die Frage nicht. Momentan bewegt mich ein multimediales Projekt der Kremerata Baltica, das jeden angeht, weil es von der Tragödie der Flüchtlinge handelt, von Krieg und Frieden, Hass und Liebe. Dem Projekt liegt ein Klavierzyklus von Robert Schumann zugrunde, Bilder aus Osten, der für das Orchester instrumentiert wurde, und die Kieselsteinskulpturen des syrischen Künstlers Nazir Ali Badr, auf die ich durch einen Freund aufmerksam wurde. Von diesen Kieselsteinen bewegt, sprach ich den Sohn von Giya Kancheli an, Sandro, und wir kamen auf die Idee, sie zu animieren. So entstanden etwa zweiminütige Filme, denen wir Melodien aus dem Tierkreis von Stockhausen unterlegten. Jeweils zwischen den Schumann-Stücken erzählen diese Animationen Geschichten. Sie sehen, ich betätige mich hier als Regisseur. Und ich bin von diesem Projekt besessen, was nicht heißt, dass ich damit auf offene Ohren stoße. Aber ich bleibe hartnäckig. Wenn es vorläufig niemanden gibt, der die Bilder aus Osten haben will, dann produzieren wir sie eben selbst! Ich habe so viel in Eigenregie gemacht, die Solo-Sonaten und -Partiten von Bach, die schließlich bei ECM erschienen sind, die Mozart-Konzerte, das Video vom Duo-Abend mit Martha Argerich in Berlin – warum nicht auch dieses Projekt?

ZEIT: Aus ökonomischer Vernunft vielleicht?

Kremer: Ich messe mich nicht an den akuten Missgeschicken des Musikmarkts, sondern an den großen Persönlichkeiten, deren Leben darin bestand, Grenzen zu überwinden. Denken Sie an Maria Callas, Glenn Gould, Yehudi Menuhin oder die russische Pianistin Maria Yudina, die noch immer viel zu wenig bekannt ist. Das sind meine role models. Sie ermutigen mich, weiterzukämpfen, ein bisschen wie Don Gidon. Und zur ökonomischen Vernunft: Ich habe im Oktober in Tokio den Praemium Imperiale überreicht bekommen ...

ZEIT: Als erster Geiger überhaupt!

Kremer: Verrückt, nicht wahr? Einen Teil des Preisgelds möchte ich für die Produktion der Bilder aus Osten einsetzen. Einen anderen für eine bessere Etablierung der Kremerata im Baltikum selbst. Ich bin in der komfortablen Lage, mir das leisten zu können.

ZEIT: Gibt es musikalische Grenzen, die Sie nie überwinden wollten?

Kremer: Ich habe mit vielen Genres nichts zu tun, einfach weil sie mich nicht berühren. Intellektuelle Musik beispielsweise ist nichts für mich, genauso wie nahezu jedes Crossover. Ich suche Musik mit einer Botschaft, eine, die mit Gefühlen erfüllt ist und nicht nur kunstvoll zusammengestellt wird oder mich zum Denken bringt. Die kann ich auch im Jazz oder in der Weltmusik entdecken. Astor Piazzolla ist jemand, der mich entzündete. Und das nicht, weil er "nur" Tangos komponierte.

ZEIT: Musik, die Gedanken auslöst, ist nicht das Schlechteste.

Kremer: Aber sie rührt nicht an die Flamme der Wahrheit.

ZEIT: Wie reicht man diese Flamme weiter, ohne die Vergangenheit zu glorifizieren?

Kremer: Indem man mit einem Orchester wie der Kremerata Baltica arbeitet. Aus der Besetzung der ersten Stunde sind heute lediglich noch vier Musiker dabei, das Ensemble ist immer jung geblieben. Meine Idee bei der Gründung war, jungen Balten eine Brücke in die Welt zu bauen. Im Februar wird die Kremerata 20 Jahre alt und stellt für mich eine Brücke zu meiner eigenen Jugend dar. Momentan arbeiten wir an einer Veränderung der Struktur, an einer Art "United Artists"-Modell. Die Kremerata war nie mein Privatvergnügen, sie gehört der Welt. Und wie man den eigenen Kindern Selbstständigkeit wünscht, wenn sie erwachsen werden, so wünsche ich ihr, dass sie sich – neben mir – auch weiterhin von den verschiedensten Künstlern inspirieren lässt.

ZEIT: Wollten Sie eigentlich schon immer Geige spielen?

Kremer: Geige zu spielen war mir von Anfang an zu eng. Ich wollte Regisseur werden, Schauspieler, ich liebte Fellini, ich liebte Bergman. Heute bin ich jemand, der sich am besten mit Tönen äußern kann und von diesen Tönen aus die Verbindung zu anderen Künsten sucht. Vielleicht bin ich unersättlich. Vielleicht verrate ich meinen Beruf, wenn ich sage, ich will nicht nur Geiger sein, sondern als Zeitgenosse etwas bewegen.

ZEIT: Es ist jedenfalls schwer, mit Ihnen "nur" über Musik zu sprechen und nicht auch über den Musikmarkt oder über politische Themen.

Kremer: Ich bin kein Politiker, aber das bedeutet nicht, dass mich die Politik – und sei sie noch so abscheulich – kaltlässt. Wenn ich Töne oder Worte beisteuern kann, die Gehör finden, dann tue ich das. Wobei ich im Blick auf die USA ziemlich ratlos bin. Wir werden uns gedulden müssen, um die Konsequenzen dieser Wahl seriös einschätzen zu können, hoffentlich nicht zu spät.

ZEIT: Was wünschen Sie sich zu Ihrem 70. Geburtstag im nächsten Jahr?

Kremer: Ruhe – aber keinen Ruhestand. Und Überraschungen, auch von mir selbst.

Gidon Kremer: Complete Concerto Recordings, 22 CDs (DGG)