Wissen Sie noch, wo Sie am 13. November 2015 waren? Wissen Sie noch, wo Sie waren, als in Paris im Nachtclub Bataclan Terroristen ein Blutbad anrichteten, als 130 Menschen starben? Aber erinnern Sie sich ebenso, wo Sie sich am 19. März 2012 aufgehalten haben? Wissen Sie noch, was da geschah? Ein Mann namens Mohammed Merah erschoss damals in einer jüdischen Schule einen Lehrer und drei kleine Kinder.

Das neue Buch des französischen Soziologen und Islamexperten Gilles Kepel, Terror in Frankreich, ruft in Erinnerung: Der jüngste Terrorismus kam nicht aus dem Nichts. Er hat eine Geschichte. Es ist eine umfassende Studie zum Dschihadismus in Frankreich, die Kepel vorgelegt hat, zum Islamismus und Salafismus, zur Migration und zu den Banlieues und auch zum Zustand der Sozialistischen Partei Frankreichs und des Front National. Wer sich von diesem Buch einfache Lösungsvorschläge oder gar Schuldzuweisungen erhofft, wer sich Terror in Frankreich unter den Arm klemmen will, um mit dem Finger auf irgendjemanden zu zeigen, den man für die ganze Misere verantwortlich machen kann, den muss man enttäuschen. Denn viel zu differenziert für schwarz-weiße Erklärungsmuster und viel zu faktenreich beschreibt Gilles Kepel die lange und alles andere als unvermeidliche Entstehungsgeschichte des homegrown terrorism in Frankreich. Das Buch ist mit seinen lediglich 290 Seiten so umfassend und detailgenau, dass man präzise versteht: Alles hängt mit allem zusammen.

Im historischen Schnelldurchlauf sprintet Kepel durch die Zeit seit dem Ende des Krieges in Algerien, durch die achtziger Jahre, in denen die Migranten in Frankreich politisch erwachten, durch die Neunziger, in denen Paris in den algerischen Dschihad hineingezogen wurde, um dann 2005 haltzumachen – in dem Jahr, in dem es zu gewaltsamen Ausschreitungen in den Banlieues des Landes kam, in den vernachlässigten, migrantischen Vorstädten Frankreichs. Von da aus arbeitet sich Kepel langsam, Fakt um Fakt, politische Wendung um politische Wendung, ins Jahr 2015 vor, ins blutige Jahr der Attentate auf Charlie Hebdo und das Bataclan.

In dieser Zeitspanne geht der Dschihadismus durch drei Phasen: In der ersten ist der "nahe Feind" das Ziel, das sind die arabischen Despoten selbst, und Terrorkampagnen in Ägypten und vor allem Algerien in den Neunzigern sind die Folge. Als sie scheitert, übernimmt die Idee des "fernen Feindes": Das sind die USA. Am 11. September 2001 kulminiert diese Strategie in den Anschlägen auf das World Trade Center. Doch bald stellte sich heraus, dass die Ressourcen kaum reichten, um einen so mächtigen Feind zu bezwingen. Dieser stellte gleich selbst die Werkzeuge für die nächste Phase bereit, für den weltweiten islamistischen Widerstand. Es waren und sind das Internet, YouTube, Facebook, Twitter, welche die lose Organisation des neuen Terrorismus erlauben. Jeder kann zu jeder Zeit überall bekehrt werden, es gedeiht ein kaum gesteuerter Terrorismus von unten.

Der Arabist und profunde Islamkenner Kepel ist nicht so naiv, zu glauben, der Islam selbst habe mit alldem nichts zu tun, doch ist er auch Soziologe genug, um zu wissen, dass eine pluralistische Religion nicht aus dem Nichts extremistische Gewalt gebiert. Kepel fokussiert stark auf die (gescheiterten) Versuche politischer Teilhabe von Franzosen maghrebinischer Abstammung, er kartografiert den Zusammenhang von Wahlverhalten, Parteienarbeit und dem Anstieg extremistischer Umtriebe.

Doch leider erdrückt er den Leser manchmal mit seiner Faktentreue. Sie mag wichtig sein, damit Terror in Frankreich auch als wissenschaftliches Werk ernst genommen werden kann – und um die Wichtigkeit von ruhigen Fakten in einem Klima der hysterischen Emotionalisierung hervorzuheben. Etwas trocken ist das Buch in manchen Teilen aber für nicht wissenschaftliche Leser trotzdem, da helfen auch Kepels leichtfüßige Sprache und die schöne Übersetzung manchmal nicht weiter. Der Wille zur Differenzierung hat ihn auch zum Feind aller französischer Terrorinterpreten werden lassen, allen voran der Politikwissenschaftler Oliver Roy, der mit Kepel seit Monaten in einen sehr unterhaltsamen, medienwirksamen und sehr französischen Intellektuellendisput verwickelt ist.

Wenn Kepel trotz aller Ausgewogenheit einen Hauptschuldigen ausmachen müsste, es wäre dieser: der Aufstieg von Politik als reiner Identitätsbewältigung. So sieht Kepel auch Parallelen im Erstarken des Salafismus und des Front National: "Beide Weltanschauungen definieren Gruppenzugehörigkeit und Solidarität nach sozialen Kriterien, selbst wenn ihnen de facto das Gefühl oder die Angst vor einem sozialen Abstieg zugrunde liegen." Unser heutiges "retro-koloniales Zeitalter" konnte erst anbrechen, als der alte Schutt aus Klassenpolitik und Alternativen aus dem Weg geräumt war: "Paradoxerweise fand der Salafismus in einem Europa ohne Christentum und Linksradikalismus einen kulturell günstigen Nährboden."

So brilliert Kepel als Analytiker nicht nur des Terrorismus in Frankreich, sondern aller politischen und sozialen Zusammenhänge im Frankreich der vergangenen Jahrzehnte.

Gilles Kepel: Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa; a. d. Franz. v. W. Damson; Verlag Antje Kunstmann, München 2016; 304 S., 24,– €, als E-Book 18,99 €