Nach dem 9. November war sie wie vom Erdboden verschluckt. Es gab noch ein Foto mit einem Hund und dem Enkelkind irgendwo im Grünen. Dann einen kurzen ungeschminkten Auftritt, bei dem sie eine Durchhalterede hielt, die im besorgniserregenden Widerspruch stand zu ihrem fahlen, um Jahre gealterten Gesicht. Die Augen nicht mehr aufgerissen wie im Rausch. Der Haar-Stahlhelm verschwunden. Die ganze Frau zerschlagen, normalisiert, abgerüstet.

Weiblichkeit in der US-Politik, das sind jetzt die Trump-Girls. Das ist ein zurechtgeschnippeltes Ex-Nacktmodell in dritter oder vierter Ehe. Das ist der neue Edelproll-Scheiß, der Erstickungsgefühle aus alten Kindertagen aufkommen lässt, als das ZDF-Fernsehballett mit Plüschbommeln auf den Brüsten abends nach den Nachrichten die Beine hob und Vater sich dazu die Salamibrote vor der Glotze servieren ließ.

Die akademische Linke geißelt sich seither selbst. Man habe sich zu viel mit Feminismus, Gender und Diversity beschäftigt und darüber den armen weißen Mann da draußen in seinem heruntergekommenen Rust Belt vergessen. Das mag schon sein. Aber was wir in jedem Fall vergessen und vollkommen unterschätzt haben ist: das Frauenbild dieses Mannes (sowie seiner Töchter und Ehefrauen) und das Ausmaß, in dem es die Matrix der Gefühle und das kollektive Unbewusste des wahlentscheidenden Teils der amerikanischen Bevölkerung noch immer besetzt hält.

In den Hunderten von Analysen, die seither versucht haben, das Scheitern der ersten weiblichen Bewerberin um das höchste Amt in den Vereinigten Staaten zu erklären, war selten die Rede davon, dass Hillary Clinton nicht nur deswegen verloren hat, weil sie, wie inzwischen jeder im Schlaf aufsagen kann, zu intellektuell, zu wirklichkeitsfern und zu sehr Establishment gewesen sei. Sondern auch und vor allem: weil sie eine Frau ist. Zum 45. Mal in Folge steht an der Spitze der USA wieder ein Mann. Und das soll mit Gender dieses Mal ganz und gar nichts zu tun haben?

Dennoch hat sich die Meinung durchgesetzt, dass die nach 227 Jahren amerikanischer Männerherrschaft erste weibliche Präsidentschaftskandidatin eher am Rust Belt als an ihrer Weiblichkeit gescheitert ist. Eine Frau an der Spitze der Welt, heißt es, sei doch heutzutage kein Problem mehr: Wer einen Schwarzen gewählt hat, der werde doch wohl auch eine Frau ertragen. Und was in Deutschland, Großbritannien und Polen möglich ist, könne doch in den USA kein Problem sein. Aber erstens ist Obama immerhin ein Mann. Zweitens sind drei Regierungschefinnen neben 44 Regierungschefs in Europa kein besonders zahlenkräftiges Argument. Und drittens ist das europäische Beispiel gar kein Maßstab für die USA: Ein großer Teil der europäischen Nachkriegsgenerationen hat seine Jugend schließlich weitab vom amerikanischen Weiblichkeitsalbtraum verbracht.

Angela Merkel, Beata Sydło, Frauke Petry und die Fast-Bundespräsidentin Marianne Birthler wuchsen in einer Kultur auf, in denen Bilder gelingender Weiblichkeit nicht auf Marilyn Monroe, sondern auf Nonna Mordjukowa zurückgingen, die mit ihrer Rolle als herbe Sowjetkommissarin im sowjetischen Untergrundfilm Die Kommissarin in der Geschichte der imaginierten Weiblichkeit ein entschieden antiamerikanisches Kapitel aufschlug. Hillary Clinton hingegen bewarb sich in einem Land um das höchste Amt, in dem sich das nationale Weiblichkeitsideal trotz Judith Butler und Laurie Penny zwischen Wie angelt man sich einen Millionär und Sex and the City nur millimeterweise vom Busen aufwärts Richtung Stammhirn verschoben und in Melania Trump jetzt wieder in die stabile Rückenlage zurückgefunden hat.

In ihrer gesamten politischen Karriere ist es Hillary Clinton niemals vollständig gelungen, der Geschlechterfalle zu entkommen, in die konservative europäische Staatschefinnen wie Merkel bisher nicht einmal den kleinen Zeh stecken mussten. Von Anfang an wurde sie als sexuell definiertes Wesen wahrgenommen. Als Mutter und Gattin mit gerichtsnotorischen Eheproblemen, als schwaches und betrogenes, später angeblich lügnerisches und heuchlerisches Weib, das sich in einem Akt der Notwehr mit viel Geld, Haarspray, Disziplin und einem ausgestellten Bellizismus einen präsidialen Panzer zulegte, hinter dem die Politikerin mehr und mehr verschwand.

Trumps Dauergeschrei "she doesn’t have the stamina", "sie hat kein Durchhaltevermögen", war zwar eine Frechheit, meinte aber auch: Niemand war sich sicher, wer sich hinter dem Hochsicherheitstrakt ihrer inszenierten Persönlichkeit verbarg. Niemand kannte die Frau hinter dieser abweisenden und in einen jahrzehntelangen Abwehrkampf verstrickten Figur, die auf offener Bühne an einem Weiblichkeitsentwurf herumlaborierte, für den es kein Vorbild gibt: die US-Kommissarin, die oberste Herrin über Amerikas gigantische Militär- und Wirtschaftsmacht.

So fiel sie durch alle geschlechtspolitischen Raster: Das hyperavancierte Amerika bestrafte sie für ihre Verhärtung und Verfilzung, für den Rest des Landes blieb sie aller Strampelei zum Trotz die aufgestiegene Ehefrau.

Am Ende haben die Amerikaner und Amerikanerinnen den Job lieber in die Hände eines Mannes gelegt, der zahllose Schwächen, aber nicht die geringste Rollenunsicherheit zu erkennen gab. Und das lag nicht nur an Hillary Clintons Unvermögen, sondern auch daran, dass es in den USA "keine Rolle für eine weiße Frau jenseits ihrer sexuellen Nützlichkeit gibt" (Joshua Cohen in der FAS). Was der Kandidatin fehlte, war nicht "stamina", denn davon haben die Heerscharen akademischer Musterschülerinnen, deren Vorbild die hart schuftende Bildungsaufsteigerin Clinton ist, mehr, als sie brauchen. Was ihr fehlte, war die Freiheit, das männliche Machtideal locker rechts liegen zu lassen.

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