Das halbdokumentarische Sozialdrama Cathy come home aus dem Jahr 1966 erzählt die Geschichte eines Paares, das aus der englischen Arbeiterklasse in die unterste Etage der Gesellschaft abrutscht, in Obdachlosigkeit und völlige Verarmung. Die Kernszene des Films vergisst man nicht so leicht: Angestellte des social service reißen Cathy ihre zwei kleinsten Kinder, die sie nicht mehr ernähren kann, gewaltsam aus den Armen.

Als Ken Loach Cathy come home drehte, war er ein junger Mann von dreißig Jahren. Es ist sein erster Film. Er wurde von der BBC produziert und im Oktober 1966 vor zwölf Millionen Fernsehzuschauern ausgestrahlt. In dem halben Jahrhundert, das seitdem verging, hat Loach 31 Filme gedreht und fast so viele Ehrungen und Preise erhalten, allein sieben in Cannes. Der Achtzigjährige mit dem schlohweißen Haar könnte sich zur Ruhe setzen. Aber er lässt nicht locker. Nicht in seiner politischen Erregbarkeit, nicht in seiner unermüdlichen Regiearbeit. Man darf davon ausgehen, dass an Loachs Frühstückstisch keine Zeitungslektüre ohne Empörung über die neuesten Untaten des Kapitalismus, die Verwerflichkeit der Konservativen und die quälende Kluft zwischen Reichtum und Armut vergeht. Und so unwahrscheinlich es ist, dass Woody Allen auf seine alten Tage noch einen Film herausbringt, in dem pro Szene nur ein Satz gesprochen wird, so aussichtslos ist die Erwartung, Ken Loach würde sich je mit der gefühlten Lebenskrise einer Upperclass-Dame befassen, die zwischen reichem Ehemann und apartem Liebhaber schwankt.

Der studierte Jurist und ehemals entflammte Trotzkist war und ist ein Cineast im Sinn sozialer Anwaltschaft. Ein Regisseur der kleinen Leute und klammen Verhältnisse, der Benachteiligten, Arbeitslosen, Vergessenen. Kaum ein anderer europäischer Filmschaffender repräsentiert wie Loach, der seine Filme nach wie vor analog schneidet und bei Preisverleihungen gern die geballte Faust in die Luft reckt, den Typus des altlinken Dinosauriers. Zur Reizfigur eignet er sich auch deshalb, weil konsequente Haltung und denkmalhafte Erstarrung in solcher Selbsttreue tatsächlich nah beieinander liegen können.

Nun gibt es einen neuen Loach-Film: Ich, Daniel Blake – und es wirkt, als habe der Altmeister ein Remake seines Debüts gedreht. So augenfällig sind die Analogien zu Cathy come home. Zwar sehen Autos, Polizisten und Telefone anders aus, das Internet spielt eine wichtige Rolle, und die beiden Hauptfiguren sind kein Paar. Der 59-jährige Schreiner Daniel Blake und die junge alleinerziehende Katie lernen sich im Jobcenter von Newcastle kennen, werden zu Freunden und gegenseitigen Schutzengeln. Ansonsten aber: Same procedure, same topic. Der gleiche Kampf gegen die Windmühlen eines kaltherzigen Staats, (der allerdings Teile seines Sozialapparats an private Unternehmen ausgelagert hat). Der gleiche Abstieg aus der Arbeiterschicht in jene unterste Etage der Gesellschaft, wo sich finanzielle Enge nicht als Verzicht auf einen Restaurantbesuch darstellt, sondern als schierer Hunger. Katies Kindern fehlen nicht nur Spielzeug und Schreibtische. Es fehlen ihnen frisches Obst, Winterschuhe ohne Löcher und Schulfreunde, die über die Löcher hinwegsehen, anstatt sie zu bespotten.

Und wie bei Cathy come home steht in jener Szene, die dem Zuschauer die Luft abschnürt, eine junge Mutter im Mittelpunkt. Als Katie (schon der Name macht sie zu Cathys werkgeschichtlicher Nachfolgerin) in der Armenspeisung der Kirchengemeinde vor einem Regal mit gespendeten Lebensmitteln steht, reißt sie wie von Sinnen eine Dose auf und stopft sich mit bloßen Händen eine Ladung kalter Ravioli in den Mund. Die rote Soße tropft ihr vom Kinn auf die Kleidung. Die Scham über die Entgleisung, diese schier animalische Hungerattacke lässt Katie in der nächsten Sekunde zusammenbrechen.

Der Zorn der versammelten Filmkritik war groß, als Ken Loach für I, Daniel Blake bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und Maren Ades Toni Erdmann von der Jury komplett übergangen wurde. Altes Eisen, so schien es, triumphierte über junges Feuer, ein korrektes Dutzendprodukt aus der Loachschen Werkstatt über ein kühnes Meisterwerk. Natürlich hätte Maren Ade die Goldene Palme verdient. Nur macht das aus Ich, Daniel Blake noch keinen Ladenhüter.

Wer einen Blick in den jüngsten Armutsbericht der Bundesregierung wirft, demzufolge jedes zwanzigste deutsche Kind von materieller Armut bedroht ist, wer alltäglich Rentnern begegnet, die in Abfalltonnen nach Lebensmitteln und Pfandflaschen wühlen, muss zu dem Schluss kommen: Ich, Daniel Blake ist im Jahr 2016 so brisant, wie er es 1966 gewesen wäre. Nicht das künstlerische Schaffen des Regisseurs tritt auf der Stelle, sondern jene soziale Realität, die abzubilden er sich vor einem halben Jahrhundert zur Aufgabe gemacht hat. Loach brachte schon Filme auf die Leinwand, die ins Sentimentale oder ins Plakative verrutschten und deren ästhetisches Format neben ihrer Botschaft arg verblasste. Nichts davon ist in Ich, Daniel Blake der Fall. Es ist ein Alterswerk, dessen innere Entschiedenheit sich in formaler Beherrschtheit ausdrückt. Keine aufpolsternden Nebengeschichten, keine malerischen Großaufnahmen, keine gefühlige Kameranähe. Auch Katies Zusammenbruch in der Lebensmittelausgabe filmt Loach aus der Distanz des zurücktretenden Zeugen. Als Drama wäre dieser Film nur halb so erschütternd, wenn er nicht die Sachlichkeit einer Milieustudie und die präzise Kenntnis englischer Sozialbürokratie erkennen ließe.