Zwei Frührentner, die gern biken? – Seite 1

Das Königspaar der deutschen Bestsellerliste sitzt, klein und unscheinbar, auf zwei niedrigen Hockern und isst Häppchen. Die beiden wirken müde, schweigen. Neben ihnen lehnen zwei Krücken. Und wie sie so dasitzen, scheint es, als würden sie verschmelzen, denn er trägt, was sie trägt, ein dunkles T-Shirt mit Schneeleopard, darüber eine schwarze Lederweste. Kurzhaarschnitte beide, grau und licht. Von königlicher Geste keine Spur. Verschrobene Bescheidenheit. Zwei alternde Fantasy-Fans vielleicht.

Um sie herum: die Buchmesse. Das deutsche Feuilleton eilt vorbei auf der Suche nach Buchpreisträgern, Handys klingeln. Niemand nimmt Notiz von ihnen. Iny Klocke, 67, und Elmar Wohlrath, 64, kümmert das nicht. "Wir mögen dieses Getummel hier eh nicht sonderlich", sagt Iny Klocke.

Nach einigen Minuten kommt eine elegante, ältere Frau angelaufen, ihre Agentin, sie grüßt, teilt mit: "13 Millionen sind es inzwischen." Das heißt: mehr als Daniel Kehlmann, Charlotte Roche und Thilo Sarrazin zusammen. Iny Klocke und Elmar Wohlrath, Ehe- und Autorenpaar, nicken und kauen weiter. Hinter ihnen hat ihr Verlag Droemer Knaur ihnen zu Ehren eine meterhohe Bücherwand errichtet, das gemeinsame Werk türmt sich bis unter die Decke, Hardcover und Taschenbücher, Dezembersturm, Die Rose von Asturien, Brautraub, Töchter der Sünde und natürlich Die Wanderhure. Nun ist ihr neues Buch erschienen: Das Mädchen aus Apulien.

Ginge es im Literaturbetrieb allein um sagenhaften Erfolg, würden Iny Klocke und Elmar Wohlrath zu den gefragtesten Schriftstellern des Landes gehören. Fast alle ihre Historienromane schafften es in die Bestsellerliste, sie wurden in 14 Sprachen übersetzt, verfilmt und fürs Theater adaptiert. Allein ihre Wanderhure hat sich zwei Millionen Mal verkauft, der Film ist bis heute einer der quotenstärksten des Senders Sat.1.

Wer die Bücher der beiden liest, kennt sie meist unter dem Pseudonym Iny Lorentz. Aber so richtig kennt sie eigentlich keiner. Der andere umsatzstarke Schreiber von Droemer Knaur, Thriller-Autor Sebastian Fitzek, ist längst ein Popstar, obwohl er gerade einmal halb so viele Bücher verkauft hat. Fitzek liest vor viertausend Zuschauern im ausverkauften Tempodrom in Berlin, multimediale Bühnenshow inklusive. Iny Klocke und Elmar Wohlrath hielten gerade erst eine Lesung in der Apotheke von Niederrad.

Wer ist dieses Paar, das bis vor einigen Jahren noch bei einer Versicherung angestellt war und nun einen Bestseller nach dem anderen schreibt?

Iny Klocke und Elmar Wohlrath haben Zeit zu erzählen, es fragt ja niemand nach ihnen.

Es ist Dienstagnachmittag, Platzregen über dem Campingplatz Mörfelden, gestutzte Hecken und Idylle ein paar Autominuten von der Frankfurter Buchmesse entfernt. Seit 20 Jahren reisen Klocke und Wohlrath mit ihrem Wohnwagen aus ihrem Heimatort, dem bayerischen Poing, hierher, jedes Jahr derselbe Stellplatz. Sie könnten sich, klar, Exklusiveres leisten, den Frankfurter Hof zum Beispiel, das Hotel, in dem all die anderen Großautoren einchecken, 500 Euro die Nacht. Aber sie mögen die Ruhe hier, die frische Luft, und die knapp 30 Euro pro Tag sind auch okay.

Iny Klocke und Elmar Wohlrath sitzen in ihrem Wohnwagen auf der winzigen Eckbank, an der sich Elmar immer das Bein stößt. Es ist eng. Aber wenn sie unterwegs seien, sagt Elmar, könnten sie hier schreiben und reden. "Mehr brauchen wir nicht."

Sie sagen selten "ich", meist "wir" und beenden selbstverständlich die Sätze des jeweils anderen. "Wir entwickeln die Idee für ein Buch zusammen", sagt Iny. "Die kommt uns meistens, nachdem wir irgendetwas gelesen haben", sagt Elmar. "Die Idee zur Wanderhure zum Beispiel kam uns durch ein Zitat des Minnesängers Oswald von Wolkenstein über die Stadt Konstanz", sagt Iny. Und Elmar zitiert: "Als wir in die Stadt hineinritten, gab es drei Hurenhäuser. Als wir wieder abzogen, gab es nur noch eines, aber das reichte vom Rathaus bis zur Stadtmauer." Das interessierte ihn. Er recherchierte und fand heraus, dass es in Konstanz einen Hurenaufstand gegeben hatte.

Iny und Elmar schreiben für Leute wie sich selbst

So ähnlich fängt es oft an. Elmar liest dann weiter, pro Roman an die 20 Geschichtsbücher. Sie fahren mit dem Wohnwagen an die Orte, an denen die Erzählung spielen soll, reden auf der Fahrt über Figuren, Handlung, Wendungen. Wieder in ihrem Häuschen in Poing, inmitten deutscher Gewöhnlichkeit und 14.000 Büchern – Belletristik, Bildbände, vor allem Sachbücher –, beginnt Elmar zu tippen, jeden Morgen um halb neun, zehn Seiten à 1.800 Anschläge am Tag. Wenn er fertig ist, übernimmt Iny, sie prüft Fakten, schreibt Szenen um, ändert Formulierungen. "Sie überarbeitet meine Manuskripte fünfmal", sagt Elmar. Streit gebe es eigentlich nie.

Sie sind Akkordarbeiter, Fließbandschreiber, alle paar Monate ein neuer Titel. 55 Bücher haben sie bislang veröffentlicht, dazu 30 E-Books und unzählige Short Storys. Die Geschichten handeln von Reichsgrafen und Stammesfürsten, von Burghauptmännern und Edelfräuleins, von Vampiren und Magiern. Überall: Intrigen und Verrat, Sehnsucht und Liebe. Die pausenlose Arbeit habe sie oft an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, sagen sie. Aber sie machen weiter. Auf Facebook schreiben ihre Fans:

"Darüber vergesse ich kochen, putzen und auch das Schlafen, einfach klasse! DANKE"

"Wahnsinn. Ich liebe eure Bücher und ich habe ein ganzes Regalbrett voll"

"Must have! Nenne 28! Romane von euch mein eigen!"

Vom Feuilleton werden ihre Werke ignoriert, bestenfalls. Ein Kritiker schrieb, ihre Historienromane "bemühen sich redlich, Sachbüchern übers Mittelalter in keinem Detail nachzustehen, und kotzen in Endlosschleife Kittel-Kemenate-Kindbettfieber aus".

Es ist in der Tat einfach, sich über diese Art von Büchern zu erheben. Ihnen abzusprechen, Literatur zu sein. Es gibt Gut und Böse und wenig dazwischen, am Ende steht immer ein Happy End. Aber: Ist es nicht zu einfach?

Iny sagt: "Ich weiß, wir schreiben keine Hochliteratur, wir schreiben für Leute, die abends nach harter Arbeit nach Hause kommen und einfach unterhalten werden wollen." Iny und Elmar schreiben für Leute wie sich selbst.

Sie lernten sich schon schreibend kennen. 1978 in einem Club namens Follow. Wer Einlass fand, tauchte ein in eine magische Welt voller Sagen und Legenden, traf Krieger, Druiden, Elfen, Zauberer, verkleidete sich für Kostümpartys und spielte Rollenspiele.

Iny war 29 und gehörte zur "Horde der Finsternis". Elmar, drei Jahre jünger, war Gruppenleiter der fantastischen Kultur "Auroa Enarta" und schrieb Iny, ob sie nicht in seine Gruppe wechseln wolle. Iny antwortete, dass sie das Angebot ablehnen müsste. Doch sie schrieben sich weiter. Eineinhalb Jahre lang, ein Brief pro Woche.

Es ging um Science-Fiction, um Fantasy, vor allem aber um das Schreiben an sich. Iny sagt: "Seit ich ein Kind war, gibt es für mich kaum etwas Wichtigeres als Geschichten."

Iny, ein Kölner Nachkriegskind, kam krank zur Welt, dehydriert und kreislaufgeschwächt. Ein Bein war verkürzt, was sie bis heute zu Krücken zwingt. Auch ihre Knochen waren zerbrechlicher als bei gesunden Kindern.

Die Mutter hatte sich einen Jungen gewünscht, kein gebrechliches Mädchen. Nach der Scheidung, sie war fünf, musste Iny zu den Großeltern. Ihr Opa war Kriegsversehrter, hatte ein Bein in Verdun gelassen. Er herrschte übers Haus, war geizig, eifersüchtig, übellaunig. Iny durfte nicht vor die Tür, nicht mit anderen Kindern spielen. Mit 14 nahmen die Großeltern sie von der Schule, sie sollte sich ganz auf den Haushalt konzentrieren.

Abends, wenn sie im Bett lag, floh sie vor der Enge der großelterlichen Wohnung in die Weiten des Wilden Westens. Sie erfand, um nicht grübeln und also weinen zu müssen, Abenteuer von Cowboys und Indianern. Sie entdeckte die örtliche Bibliothek, jede Woche verschlang sie drei Bücher, und weil das nicht reichte, dachte sie sich dazwischen neue Abenteuer aus.

Später, in Elmars Briefen, lernte sie einen Menschen kennen, der sich auch nie wohlgefühlt hatte in dieser, der echten Welt. Elmar war auf einem Bauernhof in Bayern großgeworden, der Vater starb, da wurde Elmar gerade zehn, und als einziger Sohn musste er bald Verantwortung tragen für Hof und Familie. Auch er konnte in den Augen seiner Mutter nie etwas richtig machen, auch er musste mit 14 von der Schule, auch er las manisch und träumte sich davon.

Die Geschichten befreiten sie beide. Sie waren Trost und Zuflucht zugleich. Und vielleicht rührt genau daher der Erfolg ihrer Bücher: Elmar und Iny wissen, dass das Leben manchmal nur zu ertragen ist, wenn man sich in ein anderes träumt.

Es geht ihnen darum, neue Welten zu erschaffen

Bis heute ersinnen sie ganz unterschiedliche Welten und können so, was die Verlagsmanager freut, ganz unterschiedliche Genres bedienen. Unter ihrem erfolgreichsten Pseudonym Iny Lorentz veröffentlichen sie die Historienromane, außerdem schreiben sie Thriller (als Nicola Marni), Krimis (Nike Andeer), Science-Fiction (Sandra Melli), Heimatromane (Anni Lechner), Jugendbücher (Diana Wohlrath) und fantastische Literatur (Mara Volkers).

Es geht ihnen weniger um Sprache und Stil. Sie schreiben Sätze wie: "Über ihren sanft gerundeteten Hüften spannte sich eine schmale Taille, gekrönt von Brüsten, die gerade die Größe zweier saftiger Herbstäpfel hatten." Es geht ihnen auch nicht so sehr ums Erzählen. Jeder Plot ist reine Routine. Es geht Iny und Elmar vor allem darum, neue Welten zu erschaffen.

Wenn sie von der Zeit sprechen, in der alles begann, das mit ihnen und dem Schreiben, zählt Elmar Schreibmaschinenmodelle auf: "Erst hatten wir eine Reiseschreibmaschine, dann eine elektrische, dann eine Kugelkopfmaschine." Iny würde es so beschreiben: Erst die Brieffreundschaft, dann das Treffen auf einem Parkplatz, wo sie stundenlang in ihrem altem Ford Transit saßen und redeten. Dann Freundschaft. Das erste Mal Liebe. Die erste Wohnung, München-Neuperlach, 11. Stock. Dann Hochzeit.

Elmar und Iny schrieben sich keine Briefe mehr, sie schrieben jetzt gemeinsam Geschichten. Zunächst für Anthologien, dann als Ghostwriter von Groschenromanen für den Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein. Aber der große Durchbruch gelang ihnen nicht. Sie nahmen sich einen Agenten, schickten Manuskripte an Verlage, sammelten Absagen. Nachdem der Herausgeber einer Anthologie ihnen in einem Brief mitgeteilt hatte, sie seien komplett untalentiert, hörten sie auf, acht Jahre lang, bis 1995.

Sie richteten sich in der Bürgerlichkeit ein, arbeiteten in einem Versicherungskonzern, Elmar als Drucker, Iny als Programmiererin. An den Wochenenden spielten sie Rollenspiele. Doch dann kam die Sache mit Balzac.

Elmar hatte zufällig eine Biografie über Balzac in die Hände bekommen. Er las, dass Balzac am Rand des Existenzminimums gelebt hatte und trotzdem nie aufhörte zu schreiben. Er las und las, und ihm wurde klar: Balzac lebte fürs Schreiben. Er nicht. Elmar überzeugte Iny, es noch einmal zu probieren.

Doch die Manuskripte wurden weiter abgelehnt, und auch ihr achter Literaturagent versicherte ihnen: Ihr könnt es nicht. Sein letzter Ratschlag: Nehmt eine weibliche Hauptfigur. Verkauft sich besser.

Iny und Elmar schrieben Die Kastratin, schickten dem Agenten, trotz Rauswurfs, das erste Kapitel – er antwortete nicht mehr. Aber ein Verlag wollte sie nun drucken. Er bestand nur darauf, dass sie unter Pseudonym schreiben. Ihre beiden Namen auf einem Cover, das sähe nicht aus. Elmar und Iny, uneitel genug, fügten sich. Sie hatten ihr Werk angepasst, warum sollten sie nicht auch auf ihren Namen verzichten? Das Buch kam heraus, 2003, genau zu der Zeit, als historische Stoffe Mainstream wurden. Die Kastratin war ein Sensationserfolg, bis heute 500.000-mal verkauft. Ein paar Monate später folgte Die Wanderhure. 25 Jahre nach dem ersten Brief und 21 Jahre nach der ersten gemeinsamen Geschichte.

Am Tag der Buchmesse lächeln Iny und Elmar sich kaum merklich zu. Später werden sie mit T-Shirts bekleidet in einem winzigen Signierzelt sitzen. Draußen im Wind, bei acht Grad. 13 Millionen verkaufte Bücher. Iny und Elmar beschweren sich nicht.