Man kann diese teils offene, teils versteckte Front als Widerstand der Reaktionäre abtun. Die Kritiker des Papstes haben aber schon längst ein Ziel erreicht, sie haben seinen Spielraum begrenzt. Innerkirchlich dreht sich die Diskussion auch drei Jahre nach der ersten Vatikan-Umfrage zum Thema Ehe und Familie immer noch um die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten. Was wäre erst los, wenn der Papst die Debatte um andere strittige Themen wie den Zölibat, die Rolle von Frauen in der Kirche oder von Laien eröffnen würde? Es ist kein Zufall, dass Franziskus erst kürzlich dem Priestertum für Frauen eine klare Absage erteilte.

Bischöfe wie der deutsche Kardinal Karl Lehmann befürchten, dass die mühsamen Reformversuche des Argentiniers verpuffen könnten. Der emeritierte Bischof von Mainz und ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz freut sich einerseits über den günstigen Augenblick, den kairos, den die katholische Kirche mit Franziskus erlebt. Aber er macht sich auch Sorgen, weil er fürchtet, dass der von ihm und vielen anderen lang ersehnte Schwung, den Bergoglio in die Weltkirche gebracht hat, nicht die erhofften Ergebnisse bringt. "Wenn nicht jetzt, wann dann?" lautet die Frage, die viele Reformer umtreibt.

Bei einer Podiumsdiskussion vor Tagen in Freiburg bemerkte Lehmann, die Kirche hätte "nicht ewig Zeit", die vom Papst geschaffenen Freiheiten auch Wirklichkeit werden zu lassen. "Franziskus will, dass wir neue Wege erkunden. Manchmal muss man nicht erst darauf warten, bis sich der ganze große Tanker bewegt", sagte Lehmann. Der Kardinal wandte sich damit vor allem an die Bischofskonferenzen, insbesondere an die deutsche. "Was hindert uns eigentlich daran, verheiratete Ständige Diakone, die einen großartigen Dienst in der Kirche leisten, auch zu weihen, damit sie auch priesterliche Dienste übernehmen können?", fragte Lehmann. In seiner Programmschrift Evangelii gaudium von 2013 erteilte Franziskus den Bischofskonferenzen sogar eine "gewisse authentische Lehrautorität". Drei Jahre später stellt man vor allem ein großes Zögern fest, das sich auch durch die Entschlossenheit der Reformgegner erklären lässt.

Franziskus kann weiterhin Stellschrauben justieren, Raum für den großen Wurf hat er immer weniger. Dass der Papst zum Ende des Heiligen Jahres allen Priestern die Möglichkeit erteilte, eine "schwere Sünde" wie die Abtreibung zu vergeben, ist im 21. Jahrhundert nicht viel mehr als der bittere Nachgeschmack der Barmherzigkeit.

Zur innerkatholischen Feinabstimmung zählt auch, dass Priester der traditionalistischen Piusbruderschaft den Gläubigen künftig ohne Sondergenehmigung die Beichte abnehmen können. Große Würfe sind diese Veränderungen nicht. Stattdessen ist es für Homosexuelle in der katholischen Kirche weiterhin ausgesprochen ungemütlich. Die Frage, ob Frauen zu Diakoninnen geweiht werden können, hat Franziskus einer Kommission anvertraut, die diese Woche überhaupt erst ihre Arbeit aufnimmt. Die in Aussicht gestellte "heilsame Dezentralisierung", die Abgabe von Kompetenzen an die Ortskirchen, bleibt vor allem eine Ankündigung.

Stattdessen braucht die katholische Kirche fast ihre gesamten Reform-Energien für die Diskussion um den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen auf, ein Thema, das die meisten Menschen überhaupt nicht verstehen. Franziskus’ Plan, die Bischöfe mit Druck von der Basis auf zwei Synoden vor sich herzutreiben, ist misslungen. Am Ende zwangen die zerstrittenen Hirten ihren Chef, ein Machtwort zu sprechen, das nun von manchen als Beginn einer neuen Ära, von anderen als Häresie beurteilt wird. Wie es scheint, will die Mehrheit der Bischöfe keine tiefgreifenden Veränderungen. Stattdessen kann man Anzeichen einer kleinen Gegenreformation beobachten. Dass die US-Bischöfe gerade zwei Vertreter des konservativen Flügels an ihre Spitze gewählt haben, ist auch eine Antwort auf Franziskus.

In konservativen Kreisen in Rom macht das Bild der lame duck die Runde. Der bald 80-jährige Franziskus als lahme Ente, als handlungsunfähiger Reformer. Ein Wunschtraum seiner Gegner? Die Reformen werden immer mehr zur biologischen Frage. Wie gut wird es Franziskus gelingen, das Kardinalskollegium vor dem nächsten Konklave nach seinem Stil zu formen?, fragen sich die Reformer besorgt. 44 unter 80 Jahre alte und damit wahlberechtigte Kardinäle hat Franziskus bisher in seiner Amtszeit ernannt, die derzeit anderen 76 Konklave-Wähler zählen zwar nicht alle zum Traditionalistenlager, wurden aber noch von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. kreiert.

Erst in zwei Jahren gibt es wieder ein großes Bischofstreffen, die nächste Synode, diesmal zum Thema "Jugend, Glaube und Berufung", steht an. Schon der Titel klingt nicht gerade wie eine Kampfansage an die Bewahrer. Nach seinen Misserfolgen bei den Synoden 2014 und 2015 ist Franziskus vorsichtiger geworden. Aber möglicherweise ist alles nur eine Frage der Geduld. Historiker hätten bemerkt, ein Konzil brauche ein ganzes Jahrhundert, "um gut in den Körper der Kirche aufgenommen zu werden", hat Franziskus vor Kurzem gesagt. Das Zweite Vatikanische Konzil, dem sich der Papst verpflichtet fühlt, endete 1965. "Wir sind auf halbem Weg", stellte Bergoglio fest. Vielleicht waren die Worte des Papstes realistisch. Nach besonderem Tatendrang klangen sie jedenfalls nicht.