Gelegentlich passiert es – ein Buch wird aufgeschlagen, erste Zeilen, und man ist komplett gefangen. Es ist vielleicht ein Gedanke, ein Sound, in drei, vier Sätzen hat man ein Gefühl für die Person, die spricht. In diesem Fall ist es Mazie, eine Kinokartenverkäuferin im legendären East Village von New York. Man liest Sätze aus ihrem Tagebuch, es ist der Eintrag vom 9. März 1939, und Mazie, die ihr Leben in einem Glashäuschen vor dem Kinopalast Venice, im Schatten einer donnernden Hochbahntrasse, verbracht hat, vermerkt, ein Kerl sei aufgetaucht und habe ihr die Geschichte ihres Lebens abkaufen wollen.

Mazie schreibt: "Ich sagte, wen interessiert schon mein Leben? Den ganzen Tag über sitze ich an der Kinokasse." Und der Typ sagt: "Das interessiert viele, denn was wären die Straßen ohne Sie?"

Er hätte sagen können: Was wären die Menschen hier ohne Sie? Hier ist in der Bowery, wo sich die Migranten aus allen Ländern der Welt lange mischten, russische Juden, Chinesen, Italiener, Leute, die in langen Schlangen vor Mazies Glashäuschen auftauchen und Tickets kaufen, Liebespaare, die im Dunkeln knutschen wollen, müffelnde Typen, die sich ein Stündchen Wärme ersehnen. Abends, nach der letzten Vorstellung, verlässt Mazie ihre Zelle und streift durch die Straßen, wo dürre Gestalten in Lumpen gebettet liegen, verteilt Seife und Geld oder ruft den Krankenwagen, um die Körper aufsammeln zu lassen. So wie eine Florence Nightingale über die Schlachtfelder des Krieges zog, so zieht Mazie durch die Verwüstungen der Wirtschaftskrise, weshalb die Menschen sie Saint Mazie nennen, alternativ: die Königin der Bowery. Eine historisch verbürgte Gestalt.

Schon Attenbergs Roman Die Middlesteins hatte, als er letztes Jahr auf Deutsch erschien, bei Kritikern zu Augenaufreißen geführt. So gut! So durchgeknallt, tief und wahr! Aus Amerika! Jami Attenberg, geboren 1971 in Illinois, hat bereits vor zehn Jahren erste Short Storys veröffentlicht und seitdem drei Romane. Saint Mazie ist der vierte Roman dieser Autorin, die sich mit Die Middlesteins auf die Bestsellerliste der New York Times katapultierte, einer Zeitung, in der Attenberg vor einigen Tagen einen Brief an den designierten Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump veröffentlicht hat. Mit der Bitte, seine politischen Vorhaben zu revidieren, im Einzelnen: die Deportation von elf Millionen illegalen Einwanderern, die Abweisung von Muslimen an den Grenzen Amerikas, die Einschränkung des Rechtes auf Schwangerschaftsabbruch, die Legitimation von Waterboarding und anderen Formen der Folter. Der Brief war eine stolze Erinnerung an das, was Amerika ausmacht, eine großartige Verfassung, er ist unterzeichnet von Attenberg und anderen Mitgliedern der Bürgerrechtsbewegung ACLU, American Civil Liberties Union, die vor 100 Jahren in New York gegründet wurde.

Attenberg, die ihr Handwerk an der Johns Hopkins, einer der Eliteuniversitäten Neuenglands, gelernt hat, gelingt es, nicht weniger als diese letzten 100 Jahre aufzublättern. Zu den Stärken der Autorin gehört eine virtuose Gestaltungskraft. Segmente aus den Mazie-Tagebüchern bilden das Gerüst. Das Tagebuch, ein Geschenk zu Mazies zehntem Geburtstag, setzt ein im Jahr 1907, die Eintragungen ziehen sich dann über drei Jahrzehnte hin, bevor sie versiegen, fast 30 Jahre vor Mazies Tod im Jahre 1964, und es vergehen noch mal Jahrzehnte, bevor das Tagebuch, das verschollen war, wiedergefunden wird. Eingelagert in Mazies Notizen sind Beobachtungen von Passanten dieses Lebensweges, der in einem Dreimädelhaushalt in Boston beginnt. Rosie, die Älteste, nimmt nach einer Familientragödie ihre beiden Schwestern zu sich und ihrem Mann nach New York. Mazie und Jean wachsen auf im Dunstkreis der Mafia. Man liest hier Erinnerungen von Nachbarn, es äußert sich etwa ein Lehrer oder eine Urenkelin von Ruby Wallach, der als Sohn russischer Intellektueller das Kino betreibt, für das Mazie die Karten verkauft. Der Sohn eines Captain Ben meldet sich zu Wort, mit dem Mazie eine Amour fou verband. Es tritt auf ein Mann, der Mazies Tagebuch am Wegesrand in einer Kiste aufgreift und dann nicht aufhören kann, dieses unglaubliche Geschehen zu erforschen. Eine der Hauptrollen spielt der Flachmann. "Das Stechen in meiner Kehle war der beste Schmerz, den man sich wünschen konnte", heißt es.