DIE ZEIT: Extremsportler bringen sich in lebensgefährliche Situationen, andere trauen sich nicht auf Hochhäuser oder fürchten die Spinne im Keller: Ängste setzen uns Grenzen. Wie entstehen sie?

Borwin Bandelow: Einfache Phobien wie Höhenangst oder Angst vor Spinnen sind zu 60 Prozent erblich. Früher waren Spinnen giftig, wer keine Angst vor ihnen hatte, wurde gebissen und ist gestorben. Diejenigen, die Respekt vor Spinnen hatten, überlebten und konnten sich fortpflanzen. Deshalb sind solche Urängste noch immer in unseren Genen. Die Erziehung hingegen macht nur etwa fünf Prozent aus. Es ist ein Irrglaube, dass Kinder ängstlich werden, weil die Mütter sie falsch erziehen.

ZEIT: Wie können wir die Grenzen, die uns unsere Ängste setzen, überwinden?

Bandelow: Man muss sich seinen Ängsten stellen. Jemand, der Höhenangst hat, sollte auf einen Turm fahren und herunterschauen. Wer eine Spinnenphobie hat, braucht keinen Therapeuten, sondern eine Person, die ihm die gemeine Rotkniev-Vogelspinne auf den Arm setzt. Meist sind die Betroffenen nach wenigen Wiederholungen geheilt. Wichtig ist die Überflutung mit der Furcht. Es bringt nichts, wenn jemand, der Angst vor vollen Kaufhäusern hat, kurz ins Kaufhaus hineingeht und sofort wieder herausrennt. Dann speichert das Gehirn das als Misserfolg ab. Er muss sich mindestens eine Stunde im Kaufhaus aufhalten. Er bekommt dann zwar erst einmal Panik, aber nach einer gewissen Zeit kann der Körper diesen Zustand nicht mehr aufrechterhalten. Die Angst verschwindet dann, und das Gehirn meldet das als Erfolg.

ZEIT: Häufig gelingt es Menschen gerade in Extremsituationen, ihre eigenen Grenzen zu überwinden. Der Turner Andreas Toba beispielsweise turnte bei den Olympischen Spielen trotz Kreuzbandriss eine Weltklasseübung. Was passiert in solchen Momenten?

Bandelow: Bei schweren Verletzungen werden massenhaft Endorphine ausgeschüttet. Das sind Hormone, die ein Wohlgefühl auslösen und dafür sorgen, dass wir Schmerzen nicht spüren. Wenn zum Beispiel ein Tier von einem Bären angegriffen und verletzt wird, werden diese morphinähnlichen Stoffe ausgeschüttet. So kann das Tier weiterkämpfen und sich vielleicht retten. Ähnliches lässt sich auch bei verletzten Soldaten beobachten – oder eben bei Olympia. Endorphine sind quasi legales Doping.

ZEIT: Es gibt Menschen, die immer wieder von Neuem an ihre Grenzen gehen, Extremsportler setzen zum Teil ihr Leben aufs Spiel. Haben sie keine Ängste?

Bandelow: Auch Extremsportler haben Angst, aber häufig sind das andere Ängste, zum Beispiel die Furcht davor, nicht als der kühnste aller Bergsteiger zu gelten. Deshalb machen sie immer extremere Sachen. Eine Gefahr unbeschadet zu überstehen führt zu einer Endorphinausschüttung und damit zu Euphorie. Das kennt man aus der Achterbahn. Extremsportlern gibt es einen Kick, wenn sie etwas gewagt haben, was sich andere nicht trauen. Aber sie müssen dann immer extremere Sachen machen. Die Jagd nach Endorphinen wird zur Sucht.

ZEIT: Den meisten Menschen genügt es, Achterbahn zu fahren, um diesen Kick zu spüren. Fehlt diesen Menschen etwas?

Bandelow: Alles, was der Mensch macht, macht er nur wegen der Endorphine, um sich glücklich zu fühlen. Manche Menschen benötigen mehr Wohlfühlhormone als andere. Nach dem Motto "No risk, no fun" begeben sich diese Endorphin-Junkies in gefährliche Situationen, um ihr Belohnungssystem anzustacheln. Entweder sie haben einen Mangel an Glückshormonen, oder die Opiatrezeptoren, an die die Endorphine andocken, sind zu unempfindlich, sodass diese Menschen mehr Kicks als andere brauchen, um glücklich zu werden.

ZEIT: Jenseits aller Extreme: Was braucht es im Alltag, um seine Komfortzone zu verlassen, an seine Grenzen zu gehen – zum Beispiel im Beruf?

Bandelow: Damit man an seine Grenzen geht, muss man Angst überwinden, und das macht man nicht ohne Not. Solange Menschen mit dem, was sie haben, zufrieden sind, ihrem Job, ihrem Partner, ihrem Einkommen, bleiben sie in ihrer Komfortzone. Aber wer auch über den Tellerrand gucken möchte, sollte sie verlassen.