Wer hätte das gedacht? Endlich ist der Orient wieder schillernd und hip – zumindest wenn er als märchenhafter Schatz daherkommt, als Wunderkammer aus dem fernen Iran. Die sagenumwobene Kunstsammlung der Farah Diba, der Ehefrau des letzten Schahs von Persien, wurde über Jahrzehnte von den Ajatollahs weggesperrt. Nun aber sollen 30 kostbare Werke der Sammlung erstmals Teheran verlassen und in Berlin zu sehen sein. Es wäre die Ausstellung des Jahres – würde daraus nicht gerade das Debakel des Jahres.

"Die Hauptstadt steht vor einer Kunstsensation", davon war Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, noch im Mai überzeugt. Seine Gemäldegalerie, das war der Plan, soll die Werke zeigen, die von Farah Diba einst mit vielen Ölmillionen auf dem westlichen Kunstmarkt zusammengekauft wurden. Nicht weniger als 30 Picassos und 15 Warhols, auch Rothko, Rauschenberg, Jasper Johns sind in der milliardenschweren Sammlung reichlich vorhanden. Eine kluge Auswahl davon, ergänzt um Meisterwerke der iranischen Moderne, sollte vom 4. Dezember an in Berlin zu sehen sein.

Nun ist der Termin verschoben worden, auf unbestimmte Zeit. Und während die Berliner Museen noch hoffen, die Ausstellung könnte vielleicht im Lauf des Dezembers eröffnet werden, halten das viele Kenner der iranischen Szene für unwahrscheinlich. Nicht auszuschließen, dass am Ende das gesamte Vorhaben abgeblasen werden muss.

Für das kulturelle, vor allem aber für das politische Berlin wäre es eine schwere Blamage. Von Anfang an hatte Frank-Walter Steinmeier, der Bundesaußenminister, die Ausstellung als einen der wichtigsten Ecksteine seiner kulturellen Außenpolitik gepriesen. Und er hielt auch dann noch daran fest, als die Zweifel unüberhörbar wurden. Frühzeitig hatte die außenpolitische Abteilung des Kanzleramts erhebliche Bedenken geäußert. Doch offenbar ist für Steinmeier, den noch ungewählten Bundespräsidenten, die Kultur derart wichtig, dass er selbst hohe Risiken dafür eingeht.

Nun aber ist klar: Steinmeier hat sich womöglich verkalkuliert. Was als Glanzstück der Diplomatie geplant war und Deutschland eine privilegierte Partnerschaft sichern sollte – nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen, der Iran gilt als großer Wachstumsmarkt –, droht als Fiasko zu enden.

Als sich im vergangenen Sommer herausstellte, dass der Direktor des Tehran Museum for Contemporary Art, das die legendäre Farah-Diba-Sammlung hütet, mehrere Holocaust-Karikaturen mit Preisen bedacht hatte, war für Kulturstaatsministerin Monika Grütters die rote Linie des Antisemitismus überschritten. Sie schrieb an Parzinger, den Chef der Preußenstiftung, einen warnenden Brief. "Hier droht ein falscher Eindruck über die Stiftung zu entstehen, wodurch sie Schaden nehmen könnte", heißt es in dem Schreiben, das der ZEIT vorliegt. "Das muss unbedingt vermieden werden." Grütters überließ daraufhin die Sondermittel für die Ausstellung dem Auswärtigen Amt – "als Zeichen meiner Distanznahme", sagt sie heute. Es handelt sich um rund 2,8 Millionen Euro, wie nun erstmals bekannt wurde.

Im Außenamt gibt man sich gleichwohl optimistisch. Er werde im Dezember gemeinsam mit Joachim Jäger von der Neuen Nationalgalerie nach Teheran reisen und weiterkämpfen, erklärt der Leiter der Kulturabteilung im Auswärtigen Amt, Andreas Görgen. Einige Mitarbeiter, die aus Deutschland entsandt wurden, berichten jedoch von nebulösen Verhandlungen, bei denen man nie genau wisse, wer auf iranischer Seite zuständig sei. Offiziell heißt es derweil, nur eine entscheidende Unterschrift fehle noch: für die Ausfuhrgenehmigung. Wer diese Unterschrift leisten muss und warum sie noch immer fehlt, weiß aber niemand mit Bestimmtheit zu sagen – eine kafkaeske Situation.

Offenbar hatten Steinmeier und seine Mitarbeiter unterschätzt, wie schwierig sich die Zusammenarbeit gestalten würde. Sie hatten zuvor den hochkomplizierten Atomdeal mit dem Iran ausgehandelt, im Vergleich dazu schien der geplante Kulturaustausch ein Sonntagsspaziergang zu werden. Wer allerdings nach Teheran reist, wer mit Künstlern und Galeristen spricht, der versteht sehr rasch, wie heikel das Ausstellungsprojekt bis heute ist.

An vielen Brücken und Hauswänden hängen dort riesige Plakate, die den Tod der imperialistischen USA herbeiwünschen und vom nahen Endsieg der Islamischen Revolution künden. Die Mullahs sind, das begreift man sofort, eher keine Fans von Jackson Pollock, dessen Gemälde stets als Inbegriff westlicher Freiheitsideale interpretiert wurden. Es gibt in der Sammlung auch Werke der klassischen Moderne, doch geprägt wird sie vor allem von den Heroen der amerikanischen Nachkriegszeit – und das macht sie bis heute zum Politikum.

Erschwerend kommt hinzu: Das Teheraner Museum, das die Sammlung beherbergt, genießt in Iran einen höchst durchwachsenen Ruf. Es herrschten dort unhaltbare Zustände, erzählt die bekannte Künstlerin Parastou Forouhar: "Es gab Schäden in der Sammlung durch falsche Klimatisierung und sogar durch Wasser, richtig wertvolle Kunst lag in den Ecken und sammelte Staub an." Auch der Künstler Aydin Aghdashloo ist alarmiert über die katastrophalen Lagerbedingungen. Im Depot verrotteten viele wertvolle Kunstwerke.