Unterhalb von sensationell läuft bei van Gogh nur noch selten etwas, seit es Ende der achtziger Jahre die Werke des Niederländers waren, die die anhaltende Preisspirale für die Klassische Moderne in Gang gesetzt haben. Eine Van-Gogh-Sensation hatten jetzt auch fünf Verlage der französischen Martinière-Gruppe in Buchform angekündigt. Titel der Publikation: The Lost Arles Sketchbook, Inhalt: 65 unbekannte Zeichnungen Vincent van Goghs aus seiner wichtigsten Schaffenszeit von 1888 bis 1889 in Südfrankreich. Solche Zeichnungen erzielen auf Auktionen Millionen-Euro-Beträge. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, und entsprechend groß ist nun die Enttäuschung. Schon kurz nach Beginn der Präsentation des Buchs vergangene Woche in Paris erklärte das Van Gogh Museum in Amsterdam, man halte alle Blätter für "Imitationen" – in der Kunstwelt ein vornehmer Ausdruck für Fälschungen.

Dass es sich um fragwürdige Arbeiten handelt, hätte bei sorgfältiger Recherche bekannt sein können: Einige der nun als Neuentdeckung vermarkteten Zeichnungen wurden bereits vor fünf Jahren über eBay zum Kauf angeboten – Einstiegspreis: 80 Dollar. Anbieter war ein Franzose mit Namen Remi B., der in einem Mailwechsel mit dem Kunstberater Roberto Nardiello im September 2010 bestätigte: "Das Van Gogh Museum hat in einem Brief schon seine Einschätzung (negativ) für die Zeichnungen gegeben." Das interne Limit für die angebotene Zeichnung Feld mit Heuhaufen – abgebildet war allerdings eine Wiese mit Büschen – liege bei 130.000 Dollar, zu bezahlen über PayPal. Weitere Blätter stünden bei Interesse zur Verfügung, so Remi B damals. Das Museum bestätigt, dass man tatsächlich 2008 Fotografien, vor drei Jahren dann auch mehrere der Zeichnungen selbst gesehen habe. Remi B. gab seinerzeit zur Herkunft der von ihm angebotenen Werke an, sie stammten ursprünglich aus dem Besitz des mit van Gogh befreundeten Gastwirtsehepaars Marie und Joseph Ginoux. Ihre ungelenken Porträts sind unter den Zeichnungen auch zu finden. Später sei das Konvolut über die neuen Eigentümer des Café de la Gare an einen Freund übergeben worden. Auf Anfrage bestreitet B. heute, unter der gleichen E-Mail-Adresse wie damals, seine Aktivitäten von 2010: "Das muss ein Irrtum sein."

Die Zeichnungen stammten aus dem Besitz eines Gastwirts, behauptet ein neues Buch

Die Herkunftsgeschichte erzählt im Buch ganz ähnlich nun auch die kanadische Kunsthistorikerin Bogomila Welsh-Ovcharov, die unter anderem 1988 eine Ausstellung über van Goghs Zeit in Paris kuratiert hat. Mit dem Vorwort beauftragten die Herausgeber den Briten Ronald Pickvance, dessen Name in der Van-Gogh-Welt hoch angesehen war. Seine letzte Ausstellung verantwortete der heute 86-Jährige allerdings schon vor 16 Jahren in einem kleinen Privatmuseum in der Schweiz.

Das Skizzenbuch sei schnell in Vergessenheit geraten, glauben beide Autoren, später dann irgendwo im Umfeld von van Goghs Wohnhaus und dem nahe gelegenen Café wieder aufgetaucht, aber nie als von van Gogh stammend erkannt worden. Für den Beleg der Eigenhändigkeit führt Welsh-Ovcharov ein praktischerweise ebenfalls wiederentdecktes Dienstübergabeheft aus dem Café de la Gare an, in dem irgendjemand über Monate in erstaunlich gleichförmiger Schrift und Tinte Ereignisse, Schulden, Zahlungen, Besuche notiert haben soll. Unter dem Datum 20. Mai 1890 hielt er oder sie fest, sein von van Gogh auch porträtierter Arzt Félix Rey habe die Zeichnungen – neben leeren Olivenholzkisten und karierten Handtüchern – der Ginoux-Familie zur Aufbewahrung übergeben.

Zentrale Fragen beantwortet das schwere Buch der beiden Autoren nicht: Es gibt keinen Beleg dafür, dass Dr. Rey seinen ehemaligen Patienten auch nur einmal besuchte, nachdem van Gogh sich im Mai 1889 freiwillig von Arles aus in die Heilanstalt im nahe gelegenen Saint-Rémy-de-Provence begeben hatte. Wie also sollte der Arzt überhaupt in den Besitz eines Skizzenbuchs gekommen sein, das auch Motive aus Saint-Rémy enthält? Reys Anstellung in Arles endete zudem 1889, im folgenden Juni war er nachweislich in Marseille, um seine Doktorarbeit zu verteidigen. Warum sollte sich die Ginoux-Familie an diesen Schatz nicht erinnert haben? Van Gogh war früh bekannt. Kunsthistoriker wie Julius Meier-Graefe und Gustave Coquiot und Kunsthändler wie Ambroise Vollard reisten schon bald in die Provence, um nach Werken und Dokumenten zu suchen und sie zu kaufen.

Warum sind van Goghs gesicherten Skizzen aus Arles und Saint-Rémy deutlich spontaner und expressiver als die insgesamt zu gut ausformulierten und zu oft blattfüllenden aus dem angeblichen "Skizzenbuch"? Eine solche Arbeitsweise ist von ihm bislang nicht bekannt. Auch das auf den "neuen" Blättern manisch-plumpe Stricheln und Punktieren von Flächen setzte van Gogh erheblich gezielter und ausgewogener ein – und nie, wie hier auf einigen Blättern, mit einem Pinsel. Warum skizzierte er ausschließlich aufwendig mit Rohrfeder und Tinte und nie, wie sonst häufig, lieber in Bleistift? Warum konnten Blätter ausbleichen, wenn sie doch jahrzehntelang geschützt in einem Skizzenbuch lagen und nie ausgestellt waren? Die Tinte, die van Gogh benutze, müsste wie auf wenigen anderen Zeichnungen beinahe schwarz geblieben sein. Rote Tinte ist dabei außerhalb dieses "Skizzenbuches" im gesicherten Œuvre nirgends zu finden. Warum entsprechen so viele der präsentierten Zeichnungen in Motiv, Ausschnitt und Perspektive so genau bekannten Gemälden und Zeichnungen oder Fotografien der entsprechenden Orte aus der frühen Van-Gogh-Literatur – und enthalten doch Fehler: Das Haus neben der berühmten Zugbrücke in Arles steht auf der falschen Seite des Weges, der Männertrakt in der Heilanstalt ist kein freistehendes Gebäude.

Einige der Expertisen konnten entlarvt werden – als postfaktische Kunstgeschichte

Van Gogh sei mehr an Komposition als an Architektur interessiert, begründen die Herausgeber diese Widersprüche – gesicherte Darstellungen derselben Orte entlarven diese Behauptung als postfaktische Kunstgeschichte. Welsh-Ovcharov fordert nun das Van Gogh Museum zu einer gemeinsamen öffentlichen Diskussion über die Diskrepanzen wie über dessen angebliches Zuschreibungsmonopol auf. Jeder dürfe eine Meinung haben, entgegnet Direktor Axel Rüger. Welche in der Fachwelt und am Markt anerkannt werde, bestimme nicht das Van Gogh Museum.

Warum bislang angesehene Verlage wie Abrams und Knesebeck bei dieser merkwürdigen Aktion mitmachen, ist noch einmal eine ganz andere Frage. Knesebeck teilte schon im Juli auf Anfrage mit: "Die besagten Skizzen wurden uns nicht gezeigt. Wir müssen uns also auf die Expertise des sehr renommierten französischen Hauses und der Kollegen dort verlassen." Herausgeber Bernard Comment hatte bereits vor Erscheinen angekündigt, dass eine Ausstellung und danach der Verkauf denkbar seien: "Das sind keine Skizzen, sondern es ist ein neuer, unbekannter Blick auf den Künstler, den man entdecken wird. Wenn sie veröffentlicht sein werden, versteht man auch, warum sie unbemerkt geblieben sind." Diese Frage jedenfalls ist nun tatsächlich beantwortet.