Die Bundesrepublik bereitet sich auf einen Ernstfall vor. Sein Name ist H5N8, und er hat schon ein wenig begonnen. Unheimliche Gestalten in weißen Overalls, die Hände in dicken Gummihandschuhen geschützt, das Gesicht hinter einer Maske verborgen, fischten am Bodensee tote Enten aus dem Wasser. Im schleswig-holsteinischen Grumby mussten die Seuchenwächter 30.000 Hühner töten und in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern erste Kleinbestände keulen.

Das Geflügelpest-Virus H5N8 wurde vermutlich von Wildvögeln aus Südostasien eingeschleppt. Hier trifft der Erreger auf 44,8 Millionen Legehennen – womöglich werden auch alle Freilandhühner bald bundesweit in ihren Ställen bleiben müssen.

Der Mann, der darüber entscheidet, passt eher in einen Krisenstab als in einen Hühnerstall oder auf den Gänse-Acker. Er gehört zu den Mitgliedern des Bundeskabinetts, bei denen viele Bürger auch im dritten Jahr der Legislaturperiode fragen: Wie heißt der noch mal?

Dunkler Anzug, randlose Brille, die Arme mehr schützend als entspannt vor dem Körper verschränkt: In den hohen Räumen seines preußischen Amtssitzes in der Berliner Wilhelmstraße wirkt Christian Schmidt noch ein wenig unscheinbarer, als wenn er neben der bayerischen Honigkönigin posiert. Der Minister für Ernährung und Landwirtschaft spricht leise, nachdenklich, abwägend, mit vielen Pausen. Bei einer Frage jedoch zögert er keine Sekunde: Würden Sie nach der Wahl gern weitermachen?

Andere Politiker würden abwinken: Das steht doch jetzt gar nicht an. Der CSU-Mann aber antwortet schnörkellos: "Ja."

Gerade von diesem Minister hätte man das nun am wenigsten erwartet. Denn ihn springen nicht erst seit der akuten Vogelgrippe Krisen und Konflikte von allen Seiten an, in einem Ressort, das vor enormen Herausforderungen steht.

Die Landwirtschaft, lange unbeachtet und belächelt, wird immer wichtiger. Weltweit müssen Ackerbau und Viehzucht in 30 Jahren vermutlich neun Milliarden Menschen ernähren und dabei zugleich die Vielfalt der Arten erhalten, das Wasser und den Boden schützen. Landwirte müssen die Folgen des Klimawandels bewältigen – den sie zugleich mit Kunstdünger und Methan aus der Viehzucht spürbar anheizen. In Deutschland tobt der Streit um Tierschutz, Maiswüsten und den Überlebenskampf der Familienbetriebe zwischen niedrigen Preisen und hoher Pacht. Tausende Bauern haben allein in diesem Jahr ihre Höfe aufgegeben, so viele wie nie. Mit ihrem Abgang stirbt zugleich die Vielfalt der ländlichen Räume.

All das beschäftigte über Jahrzehnte nur die Bauern- und Forstverbände, die Lobbyisten der Agrarchemie, der Pflanzenzüchter und der Lebensmittelindustrie. Aber jetzt reden immer mehr Bürger und Konsumenten mit. Für die einen ist das Essen ethisches Bekenntnis und politisches Instrument. Für andere ist es Gesundheitserhalt und Demonstration ihrer Identität. Vielen reicht ein Angebot, das schnell, fertig, billig ist. Und vielen muss das reichen.

Äpfel aus der Region versus Billigpapaya für alle. Angereichertes Brainfood versus King-Size-Snickers. Veganes Kunstfleisch versus 40-Cent-Schnitzel versus Biobraten. Widersprüchlicher könnte das Feld kaum bestellt sein.

Und mittendrin fragen die Bauern: Was wollt ihr denn nun? Antwort: Alles!