Nicole Strohe hat schon viele von ihnen persönlich kennengelernt. "Unterforderung im Job kann so viel Kraft kosten wie Überforderung", sagt die Karriereberaterin. Sie selbst versucht denjenigen zu helfen, die dieser Situation entfliehen wollen.

Die häufigste Ursache für das Leiden sei ein fehlendes Gefühl für die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit. "Langeweile und Unterforderung entstehen, wenn man sich nicht verwirklichen kann", sagt Strohe. Besonders in Behörden und großen Unternehmen beobachtet sie dieses Phänomen. Dort falle es seltener auf, wenn ein Mitarbeiter wenig zu tun habe. "Es gibt dort sehr viele kuschelige Ecken, in denen man es sich gemütlich machen kann."

Die Diagnose wirkt zunächst widersprüchlich. Waren wir nicht gerade noch alle über- statt unterfordert? Was ist mit den Unmengen von Studien, die ganz andere Sorgen zum Ausdruck brachten? Nämlich die, dass in unserer heutigen Wissensgesellschaft die stetige Überlastung Alltag ist? Dass Menschen nur mit der analytischen Geschwindigkeit von Algorithmen und dem stoischen Fleiß von Robotern mithalten können, wenn sie selbst an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gehen – und darüber hinaus?

Diese Sorgen gibt es immer noch. Und es gibt gute Gründe, sie ernst zu nehmen. Aber hört man die Geschichten derjenigen, die eben nicht am Rande ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten, sondern sich durchgehend im Leerlauf befinden, klingt das Gegenteil kaum weniger erschreckend.

Das unerfüllte Verlangen nach einer zufriedenstellenden Aktivität – so definiert der Langeweile-Forscher John Eastwood von der York University in Toronto dieses Gefühl. Für Gelangweilte vergeht die Zeit langsamer, sie können sich schlecht konzentrieren, fühlen sich unwohl und dürsten nach neuen Eindrücken.

Deshalb tun Menschen merkwürdige Dinge, wenn sie sich langweilen. Psychologische Studien zeigten zum Beispiel: Wer sich langweilt, neigt eher zu Fressattacken und fährt riskanter Auto. Je gelangweilter amerikanische Highschool-Schüler waren, desto anfälliger waren sie für den Missbrauch von Drogen.

Wie zerstörerisch Langeweile sein kann, zeigt ein Experiment des Psychologieprofessors Timothy Wilson. Er ließ seine Studenten an der Universität von Virginia für 15 Minuten alleine in einem spärlich möblierten Raum sitzen – ohne Handys, Stifte oder Papier. Ihre Aufgabe: nachdenken, einfach so. Das Ergebnis: Alle waren gelangweilt, die Hälfte der Teilnehmer fühlte sich sogar richtig unwohl. So weit, so absehbar.

Doch Wilson spitzte den Versuch noch etwas zu. In einer zweiten Runde ließ er die Probanden wieder in einem fast leeren Raum sitzen, ohne Möglichkeit, sich abzulenken – mit einer Ausnahme: Auf dem Tisch war ein Knopf, mit dem sich jeder Teilnehmer selbst einen Stromschlag versetzen konnte. 67 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen machten davon Gebrauch.

Basierend auf einem Datensatz der britischen Gesundheitsbehörde, fanden Forscher heraus, dass diejenigen, die in ihrem Arbeitsleben oft sehr gelangweilt waren, früher starben – weil sie eher zu Sucht und anderem Risikoverhalten neigten. Ist es da nicht erstrebenswerter, von Zeit zu Zeit an seine Leistungsgrenzen zu gehen, als sich zu Tode zu langweilen?

Eine eindeutige Antwort gibt es darauf nicht. Denn jeder Mensch erlebt Langeweile anders. Der Psychologieprofessor Thomas Götz von der Universität Konstanz befasst sich schon seit seiner Habilitation mit dem Thema. "Langeweile ist eine vielschichtige Emotion", sagt Götz.

Um sie besser zu verstehen, macht er Feldforschung an dem Ort, der für viele der Inbegriff der Langeweile ist: die Schule. "Langeweile ist für Lehrkräfte nur schwer zu erkennen, denn die Schüler sind geübt darin, sie zu verstecken", sagt Götz. Um die Emotion direkter zu messen, stattete er die Schüler deshalb über einen Zeitraum von zwei Wochen mit Geräten aus, die sie regelmäßig fragten, wie sehr und warum sie gelangweilt waren. Mittlerweile hat Götz verschiedene Typen von Langeweile identifiziert, die sich unterschiedlich äußern. Einige davon können sogar hilfreich sein, wie Forschungsergebnisse von Psychologen der Universität von Kalifornien in Santa Barbara zeigen. Ihre Probanden fanden kreativere Lösungen für Probleme, wenn sie sich zuvor mit einer langweiligen Tätigkeit befassen mussten. Allerdings nutzt die Muße nur dann etwas, wenn das Gehirn zuvor mit einer Frage stimuliert wurde.

In der vermeintlichen Leerlaufzeit, so lautet eine mögliche Erklärung, arbeitet unser Denkapparat weiter und knüpft unbewusst neue Verbindungen. Er funktioniert hier ähnlich wie ein Muskel. Dieser wächst, wenn nach einem intensiven Training die Regenerationsphase eintritt. Doch der Muskel wächst nicht, wenn die Belastung vorher ausbleibt. Ohne vorherige Stimulation kreist der Geist nur um sich selbst.

Was dieser Zustand anrichten kann, hat Frédéric Desnard am eigenen Leib erfahren. Nämlich: Magengeschwüre, Koliken, Epilepsie. Das sind die Gebrechen, die der Franzose auf sein Gelangweiltsein im Beruf zurückführt. Denn solange er noch in seinem Job beim Dufthersteller Interparfums ausgelastet war, ging es ihm gut. "Ich arbeitete in einem außergewöhnlichen Unternehmen", sagt der 44-Jährige mit dem grau melierten Vollbart. "Wir nannten uns selbst die Insel der Glückseligen."