Eigentlich tut man das nicht. Deutschlands bekanntester Forschungsorganisation den Rücken kehren, weil man einen anderen Job hat. Ludwig Kronthaler tut es. Der Generalsekretär der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) und faktisch die Nummer zwei hinter Präsident Martin Stratmann geht. Das Konzil der Humboldt-Universität (HU) hat ihn gerade zum Vizepräsidenten für Haushalt, Personal und Technik gewählt.

Ein paar Tage später im Berliner Via Nova, einem Treffpunkt für HU-Professoren. Der Gast möchte Jasmintee, der Kellner schaut ihn verständnislos an: "Ham wa nich." Kronthaler, randlose Brille, Mittelscheitel und spitzbübisches Grinsen, fragt: "Was haben Sie denn?"

Schon beim Teebestellen erkennt man den Strategen. Bei der Anhörung vorm Konzil und in den Gesprächen drum herum hat er es genauso gemacht. Sagte einer: So geht das nicht! Dann fragte Kronthaler sofort: Wie geht es?

Die Humboldt-Universität leidet unter ihrem eigenen Anspruch: Sie will nicht nur Modellhochschule des 19. Jahrhunderts sein, sondern Exzellenz-Uni im 21. Jahrhundert. Wenn Berlin als Wissenschaftsmetropole weltweit strahlen will, soll das hellste Leuchtfeuer Unter den Linden brennen. Doch da sind das reale Verwaltungschaos, die ewigen Hakeleien in den Gremien. Ex-Präsident Jan-Hendrik Olbertz hatte keine Lust mehr auf seinen Posten, nachdem der Senat ihm keinen Kanzler zur Seite stellen wollte. Die Position des Vizepräsidenten sei nicht wirkungsmächtig genug für Spitzenleute, klagte Olbertz. Und nun sagt ausgerechnet einer der führenden Wissenschaftsmanager nicht nur zu, sondern auch: "Ich bin ein Teamplayer. Von mir aus kann das Amt bleiben, wie es ist."

An der HU haben sie angesichts solcher Unaufgeregtheit, vorgetragen in bayerischer Lautfärbung, vor Erstaunen gejapst und Kronthaler mit 43 von 44 Stimmen ins Amt gehoben. Der bislang größte Coup für Olbertz’ Nachfolgerin Sabine Kunst.

Unterdessen raunen sie in der Münchner MPG-Zentrale über die "wahren" Gründe für den Abschied. Das könne nicht an der HU liegen, sagen sie, und erst recht nicht an Max Planck. Solange man nur auf die nackten Zahlen schaut, stimmt das. MPG-Nobelpreisträger seit 1991: sieben. HU-Nobelpreisträger im selben Zeitraum: null. Die 83 MPG-Institute erhalten jährlich 1,8 Milliarden Euro vom Staat – verteilt von Kronthalers Generalverwaltung. Der HU hat die Politik für nächstes Jahr 247 Millionen Euro versprochen.

Fest steht aber auch: Mit Stratmanns Vorgänger im MPG-Präsidentenamt, dem hemdsärmeligen Peter Gruß, hat sich Kronthaler besser verstanden. So berichten es seine Mitarbeiter, so kann man es aus Kronthalers Schilderungen heraushören, wenn er von der "guten Gesprächsatmosphäre" unter Gruß schwärmt. Dass das bei Stratmann anders ist, will er nicht bestätigen. Doch der Hang des zurückhaltenden Elektrochemikers zu Monologen und unvorhersehbaren Entscheidungspirouetten zehre an den Nerven, sagen viele.

Kronthaler, 59 Jahre, bietet für seinen Wechsel einen Grund an, der nur beim ersten Hören konstruiert scheint. Er brauche immer mal einen Neuanfang, eine Herausforderung, sagt der Jurist, der seit 1997 Kanzler der TU München, Richter am Bundesfinanzhof, Direktor bei der ESA und MPG-Generalsekretär war. Und dann sagt er, der nichts Schlechtes auf Max Planck kommen lässt, einen Satz, der wiederum zunächst wie ein Klischee klingt: "München ist eine satte Stadt. Berlin ist hungrig." Wenn man sich vorstellt, dass die MPG München ist und die HU Berlin, hat man wohl verstanden, was Kronthaler antreibt.