Wer sich selbst halb nackt vor dem Spiegel fotografiert, die Bauchmuskeln angespannt, und das dann mit Hunderttausenden teilt, der meint es ernst. Und wenn Hunderttausende daraufhin "gefällt mir" klicken, nicht nur das Foto meinen, sondern auch die Leistung honorieren, bekommt man eine Ahnung davon, wie ernst das alles wirklich ist.

Um den Grad der Ernsthaftigkeit deutlich zu machen, beginnt diese Geschichte nicht in einer verschwitzten Ecke im Fitnessstudio, wo Schwarzenegger-Kopien Kilos stemmen und vor der Spiegelwand posieren. Vielmehr navigiert man erst mal durch Instagram, YouTube und Facebook, stets den Fotos wohlgeformter Menschen hinterher. Menschen, die ihre Muskeln anspannen (#fitness), die Low-Carb-Diäten machen (#bodyshape), die Vorher-nachher-Fotos von sich zeigen (#transformation). Und sehr oft ist da auch dieses eine Wort, das sich ausspricht wie eine Begrüßung: Whey.

Whey ist ein Nahrungsergänzungsmittel. In einer Welt, in der große Muskeln eine große Rolle spielen, sind Nahrungsergänzungsmittel lukrative Produkte. Produkte, die Namen haben wie Creatine, BCAAs, Weight-Gainer, Fat-Burner, Booster, und: Whey.

Manche dieser Produkte sind einfach teuer verpackter Abfall. Andere sind fast schon giftig. Eine Geschichte über Nahrungsergänzungsmittel kann man aus zwei Perspektiven erzählen. Da ist die glitzernde Welt der sozialen Netzwerke, voll mit Bildern schöner Körper. In dieser Welt gibt es schöne, weil fitte Unternehmens-Chefs, die schöne Zahlen präsentieren können. Es gibt aber auch diese andere Seite der Geschichte. Da sind Minderjährige, die gestreckte Pulver einnehmen, oft auch gefährliche Pulver, damit ihre Muskeln schneller wachsen und sie so aussehen wie ihre Idole im Internet.

Der Rohstoff für die Muskelmacher ist ein Abfallprodukt aus der Käseherstellung

Um zu verstehen, was da vor sich geht, macht man sich am besten erst mal auf den Weg in die Glitzerwelt, zu einem Unternehmen, das in dem Geschäft mit dem Abfall besonders erfolgreich ist – nach Northwich, einem Ort im Nordwesten Englands, der eine historische Kirche zu bieten hat und ein historisches Pumpwerk.

Und bald auch Omega: ein graues Ungetüm, 200 Meter breit, 500 Meter lang und 20 Meter hoch. 100.000 Quadratmeter Fläche, vollgepackt bis unter die Decke.

Um zu wachsen, brauchen Muskeln vor allem Eiweiß, da passt es also, dass ein Unternehmen, das mit Nahrungsergänzungsmitteln handelt, MyProtein heißt. Omega ist die Lager- und Produktionshalle von MyProtein. Die britische Firma ist das in Europa erfolgreichste Unternehmen in einem Wachstumsmarkt, wie es wenige gibt.

Der Fitness-Lifestyle will gefüttert werden, optimierte Nahrung soll es sein, also hat sich der Markt mit Nahrungsergänzungsmitteln zu einem Boom-Geschäft entwickelt. Seit Jahren legt die Branche in Deutschland konstant um rund acht Prozent zu und kam im vergangenen Jahr auf einen Umsatz von 150 Millionen Euro. Und MyProtein: Wuchs im Jahr 2013 um 38 Prozent. Wuchs im Jahr 2014 um 71 Prozent. Wuchs im Jahr 2015 um 62 Prozent. Und wird in diesem Jahr voraussichtlich um 41 Prozent wachsen und einen Umsatz von 270 Millionen Euro erzielen. Vor allem mit einem Produkt, das nicht viel mehr ist als Abfall aus der Käseproduktion. Whey.

Die Zahlen kennt Nathan Hornstein aus dem Effeff, klar, er ist der PR-Mensch von MyProtein. Ein schlaksiger Kerl mit Hornbrille, kein Muckibuden-Typ. Noch ist Omega nicht in Betrieb, weswegen Hornstein durch die alte Halle führt. Auch das ist gute PR, denn die Regale dort sind komplett voll, jede Nische wird genutzt, der Besucher denkt: viel zu eng hier. Deshalb Omega, deshalb gut 100 Millionen Euro Investition.