Die Ehre

Als Papst Franziskus am Martinstag, dem 11. November, die ebenso riesige wie schlichte Vatikanische Audienzhalle betritt, da scheint es, als sei er es, für den dieses Treffen eine Ehre ist. Vor ihm sitzen Menschen in Jeans und Kapuzenjacken. 4000 Obdachlose aus 20 europäischen Ländern, seit einer Stunde warten sie auf ihn.

Der Mann in Weiß kommt durch eine hintere Tür in den großen Saal und geht, eine Hand nach der nächsten greifend, die lange Treppe hinauf zum Podium. Viele Menschen stellen sich auf ihre Stühle. Die Smartphones der mitgereisten Betreuer leuchten. Nach etwa zwanzig Minuten hat Franziskus, dessen Hüftleiden seine Schritte wie ein erstaunlich behendes Wackeln aussehen lassen, das Podium und seinen Stuhl erreicht.

Der lange Weg scheint an diesem Vormittag für ihn keine lästige Pflichterfüllung, sondern eine Herzenskür zu sein. Man schaue ihm nur ins Gesicht. Es strahlt die Freundlichkeit eines Menschen aus, der sich unter den Armen zu Hause fühlt. Ihnen zur Ehre hat sich Jorge Mario Bergoglio aus Buenos Aires den Papst-Namen Franziskus gegeben. Und deshalb veranstaltet er jetzt diese gigantische Feier im Jahr der Barmherzigkeit.

Das Lied

Von Beginn an flirrt eine zarte Musik durch den Saal. Ein französischer Komponist hat sie eigens für die Rom-Reise der Wohnungslosen geschrieben. Im Auftrag der Organisation Fratello, 2014 in Paris gegründet, Schirmherrin der Reise. Das Lied wird von jungen Menschen auf der Bühne gespielt und nacheinander in zehn Sprachen gesungen. Es ist ein Dank für die "offene Tür". Viele singen mit.

Das Abenteuer

Der Jesuitenpater Jan Roser sieht müde aus. Der 46-Jährige ist geistlicher Rektor der Katholischen Akademie in Hamburg. Ohne ihn hätte es das Rom-Abenteuer der Wohnungslosen nicht gegeben. 67 Obdachlose aus der Stadt, unter ihnen 15 Frauen, sind nach Rom gereist. Für viele war es die erste Flugreise ihres Lebens. Ihre Religionszugehörigkeit spielte keine Rolle. Eine einzige Voraussetzung sollten die Teilnehmer erfüllen: Sie durften nicht auffällige Trinker und nicht gewaltbereit sein. Finanziert wurde die Reise allein durch private Spenden.

Die Bitte

Jetzt spricht Franziskus zu seinen 4000 Gästen, in seiner spanischen Muttersprache, mit seiner umarmenden Stimme. Sie klingt auch dann noch leise, wenn sie Empörung zum Ausdruck bringen möchte. Um ihr dennoch Geltung zu verleihen, hebt er ein wenig seine Hände. Er liest seine Rede nicht vom Papier ab. Er spricht zu den Leuten:

"Ich danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind, um mich zu besuchen. Ich danke und bitte Sie alle um Vergebung, wenn ich Sie mit einem Wort verletzt oder etwas zu sagen vergessen habe, das hätte gesagt werden sollen. Ich bitte Sie um Vergebung im Namen jener Christen, die das Evangelium nicht auf die Weise lesen, nach welcher die Armut in seinem Zentrum steht. Ich bitte Sie um Vergebung für all die Male, in denen Christen vor einer armen Person oder vor einer Situation der Armut auf die andere Straßenseite geschaut haben. Verzeihung!

Ihre Vergebung gegenüber Männern und Frauen der Kirche, die Sie nicht ansehen wollen oder wollten, bedeutet Reinigung für die Kirche, hilft uns, umzukehren und daran zu glauben, dass im Herzen des Evangeliums die Armut als große Botschaft steht. Und dass wir Christen, alle, eine arme Kirche für die Armen bilden müssen; dass jeder Mann und jede Frau, gleich, welcher Religion, in jedem Armen die Botschaft eines Gottes zu sehen hat, der uns nahe ist und sich arm gemacht hat, damit er uns in unseren Leben begleiten kann."

Das Rätsel

Dann geschieht etwas Rätselhaftes. Franziskus spricht von der Bitterkeit der Armut, aber auch von der Gefangenschaft ihrer Würde. Er sagt den Satz: "Arm? Ja. Sklave? Nein!"

Erstmals klatschen die Anwesenden. Sie klatschen, obwohl nur einige Menschen beim spanischen Fähnlein verstanden haben können, was er da eben gesagt hat.

Natürlich, man könnte mit den Schultern zucken: Der Beifall sei der üblichen Gruppendynamik gefolgt. Weil einige Wissende klatschen, klatschen auch die anderen. Aber so war es nicht in diesem Moment: "Ich habe geklatscht, weil ich spürte, dass da eben gesagt wurde, was mir besonderen Mut macht", meint einer der Hamburger danach auf der Straße.

Er ist kein Katholik, sondern einer, der sich als Atheist zu erkennen gibt und sich später auf dem Vatikanplatz mit dem kühnen Gedanken vorwagt: "Vielleicht war in diesem Moment euer Heiliger Geist zu Besuch." Einer in der Gruppe lacht. Dann aber kaut er verlegen auf den Lippen, als befürchte er wegen seines Gelächters das himmlische Gericht.