In den frühen achtziger Jahren richten vier peruanische Studenten in einem düsteren Vorort von Lima eine kleine Werkstatt ein. Sie haben sich zwei Nähmaschinen – Modell Singer – besorgt und wollen T-Shirts herstellen, um sie in der Stadt zu verkaufen. Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht, denn es dauert 289 Tage, bis sie alle erforderlichen Genehmigungen der Behörden haben.

Paul Romer erzählt diese Geschichte gerne. Sie geht zurück auf einen inzwischen berühmten Feldversuch des Entwicklungsexperten Hernando de Soto, und für Romer macht sie deutlich, was falsch läuft in der Welt und warum die Ökonomen das einfach nicht begreifen können.

Dabei ist er doch einer von ihnen, dieser Paul Romer – und was für einer: Wirtschaftsprofessor an der New York University, Sohn eines amerikanischen Spitzenpolitikers, erfolgreicher Unternehmer, Kandidat für den Ökonomienobelpreis und seit ein paar Wochen auch noch Chefvolkswirt der Weltbank in Washington.

Doch vielleicht muss man Teil des Systems sein, um es verändern zu können. Paul Romer jedenfalls ist entschlossen, die Ökonomie zu verändern, die mit einem erheblichen Glaubwürdigkeitsproblem zu kämpfen hat. Viele Vertreter des Fachs wirkten ratlos, als vor ein paar Jahren die internationalen Finanzmärkte kollabierten und sich das Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes in Luft auflöste.

Romer sagt, die ökonomische Forschungselite verbiege Fakten

Romer ist mit diesem Problem umgegangen, wie Wissenschaftler mit Problemen eben umgehen: Er hat einen Aufsatz geschrieben. Ökonomen schreiben ständig Aufsätze, und meist geht es dabei darum, einer bereits sehr komplizierten Fachdebatte eine weitere Verästelung hinzuzufügen. Genau das hatte Romer auch vor, aber als er sich an seinen Schreibtisch setzte, kam er nicht richtig voran. Dann sah er zufällig einen Dokumentarfilm über Scientology – jene Sekte, die ihre Mitglieder mit Gedankenmanipulation gefügig macht. Romer änderte seinen Plan. Und beschloss, das aufzuschreiben, was er wirklich dachte.

Er benötigte dazu einschließlich Literaturverzeichnis 25 Seiten. Schon der erste Satz ist eine Kriegserklärung: Die makroökonomische Theorie sei inhaltlich auf dem Niveau der frühen siebziger Jahre, die Forschungselite verbiege Fakten, entwickle weltfremde mathematische Modelle und folge blind den Autoritäten des Fachs, statt selbst nachzudenken. In zehn Thesen zeichnet er das Bild einer Disziplin, in der Loyalitäten mehr zählen als intellektuelle Redlichkeit. Vor allem aber nennt er Namen: Robert Lucas, Thomas Sargent, Edward Prescott. Alle drei haben Nobelpreise bekommen – und alle drei sind Wegbereiter der herrschenden neoklassischen Lehre, die auf der Annahme beruht, dass Verbraucher rational agieren und der freie Markt vor allem Vorteile verspricht.

Seit Romer den Artikel im September ins Internet gestellt hat, läuft die Gegenoffensive. Seine Kritiker werfen ihm vor, nicht berücksichtigt zu haben, dass die neoklassische Theorie inzwischen weiterentwickelt wurde – wenn sie denn überhaupt noch mit ihm reden. Doch in den Augen all jener, die die Ökonomie schon immer für eine Ideologie hielten und Wirtschaftsexperten für Scharlatane, ist Romer seither ein Held.

Hat Romer also mit seinem Aufsatz das Manifest verfasst für ein Zeitalter, das von einem wachsenden Misstrauen gegenüber dem Establishment geprägt ist? Ganz so einfach ist es nicht.

Den technischen Wandel beschleunigen

Zunächst einmal, weil Romer selbst ein begnadeter Theoretiker ist. Er hat Mathematik studiert, Robert Lucas hat seine Doktorarbeit betreut. Nach dem Abschluss hat er sich vor allem mit der Frage beschäftigt, warum manche Länder wohlhabender sind als andere. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der technische Fortschritt, denn der bestimmt auf lange Sicht das Wachstum jeder Volkswirtschaft.

Romers Vorgänger haben das Tempo dieses Fortschritts als eine nicht beeinflussbare, gewissermaßen von außen vorgegebene Größe behandelt. Romer hat den technologischen Wandel selbst zum Gegenstand seiner Forschungen gemacht. Demnach lässt er sich beschleunigen, wenn beispielsweise mehr Unternehmen in Forschung und Entwicklung investieren. Seit er die Grundzüge dieser sogenannten "endogenen Wachstumstheorie" in den späten achtziger Jahren entwickelte, gilt er als einer der Großen seines Fachs.

Als Galionsfigur der Expertenkritiker taugt Romer aber auch deshalb nicht, weil er mit Experten eigentlich kein Problem hat – im Gegenteil: Die wissenschaftliche Methode ist für ihn ein "Erbe der Aufklärung", das es zu verteidigen gelte. Er wendet sich deshalb nicht gegen das ökonomische Denken an sich, sondern gegen das, was er als dessen Perversion ansieht – eine Disziplin, der der Sinn für die Realität abhanden gekommen ist, weil sich diese oft nicht in mathematische Modelle packen lässt.

Und so sitzt Romer an einem Donnerstag im Oktober in einem stickigen Washingtoner Seminarraum und macht sich eifrig Notizen. In der amerikanischen Hauptstadt findet gerade die Jahrestagung der Weltbank statt, es gibt jede Menge Diskussionsrunden zu den großen ökonomischen Themen dieser Zeit.

In Paul Romers Seminar geht es um Identifizierung. In vielen Entwicklungsländern sind die Menschen nicht registriert und haben deshalb Schwierigkeiten, ein Konto zu eröffnen oder Sozialleistungen zu beantragen. Das Thema ist wichtig, aber es taugt nicht für die große Bühne oder für ökonomische Theorien. Vielleicht interessiert sich Romer gerade deshalb dafür.

Wie muss eine Wirtschaft aussehen, die der Allgemeinheit und nicht nur wenigen nutzt?

Romer hatte schon immer einen Sinn für praktische Fragen. In den neunziger Jahren, als er noch Universitätsprofessor war, ärgerte er sich darüber, dass seine Studenten sich zu Hause nicht richtig auf den Unterricht vorbereiteten. Er entwickelte eine Art Ferntutorium: Online-Übungen, mit denen sich die Studenten vom eigenen Schreibtisch aus vorbereiten konnten. Das funktionierte so gut, dass Romer seine Idee verkaufte. Im Silicon Valley sammelte er zehn Millionen Dollar an Kapital ein und gründete ein Unternehmen, das er wenige Jahre später – mit Gewinn – wieder verkaufte.

"Impact" sei das Ziel seiner Arbeit, sagt Romer, sie müsse etwas bewirken. Dafür sitzt er nun an der richtigen Stelle. Die Weltbank finanziert rund um den Globus Entwicklungsprojekte, die die Armut lindern sollen. Romer glaubt daran, dass das möglich ist. Er ist davon überzeugt, dass sich in Afrika wiederholen lässt, was in China und anderen Ländern Asiens passiert ist: eine industrielle Revolution, die Millionen von Menschen steigende Einkommen beschert. "Als ich ein kleiner Junge war, hieß es noch: Esst gefälligst auf, in China verhungern Kinder", sagt Romer.

Charter Cities für Entwicklungsländer

Er selbst hat vorgeschlagen, in den Entwicklungsländern sogenannte Charter Cities zu gründen. Das sind Städte, die in den Industrienationen verwaltet würden, damit die Infrastruktur funktioniert, die Gesetze richtig angewendet werden und die in vielen Ländern Asiens und Afrikas grassierende Korruption sich nicht breitmacht.

Auf diesen Inseln der Stabilität würden sich Unternehmen gern niederlassen, glaubt Romer – und so Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum stärken. Es ist seine Antwort auf das Problem, das Hernando de Soto in Lima beschrieben hat – wo die Studenten mit den Nähmaschinen an der Bürokratie ihres Landes scheiterten.

Romer hat für diese Idee viel Kritik einstecken müssen. Man hat ihm eine "kolonialistische" Agenda vorgeworfen, weil er den Entwicklungsländern nicht zutraue, ihre Probleme selbst zu lösen, und stattdessen auf Experten aus dem Westen setze. In Deutschland werteten Dritte-Welt-Aktivisten seine Ernennung als Indiz dafür, dass die Weltbank wieder einen neoliberalen Kurs einschlage, nachdem sie unter Romers Vorgängern für mehr staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen plädiert hatte.

Man wird ihm wohl auch damit nicht gerecht. Romer kommt aus einem linksliberalen Milieu. Sein Vater Roy Romer war Gouverneur des Bundesstaats Colorado und in den neunziger Jahren Chef des Democratic National Committee, der Parteiorganisation der Demokraten. Er engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung, machte sich als Bildungsexperte einen Namen.

Die politischen Erfolge des Vaters sind für den Sohn auch eine Belastung. Romer will etwas anderes, eigenes machen und entdeckt die Welt der Zahlen. Er studiert Mathematik und Physik in Chicago und wechselt danach zur Volkswirtschaftslehre. Um seine parteipolitische Färbung loszuwerden, geht er für einige Zeit an die Hoover Institution, eine den Republikanern nahestehende Denkfabrik an der Universität von Stanford.

Man könnte es auch so sagen: Paul Romer ist in jenen Jahren auf dem besten Weg, einer jener abgehobenen Theoretiker zu werden, die er in seinem Aufsatz kritisiert. Doch dafür interessiert er sich dann doch zu sehr für die echte Welt und die Frage, die in seinem Elternhaus beim Abendessen diskutiert wurde: Wie muss eine Wirtschaft organisiert sein, die der Allgemeinheit nützt – und nicht nur einigen wenigen?

In gewisser Weise schließt sich deshalb mit der Berufung zur Weltbank für Paul Romer ein Kreis. Er macht jetzt Politik – und er wird daran gemessen werden, ob seine Ideen dazu beitragen, dass sich die Lebenschancen der Menschen in den armen Ländern verbessern. Von den politischen Parteien hält er sich immer noch fern, aber als er kurz vor der Präsidentschaftswahl gefragt wurde, ob er einen Aufruf gegen Donald Trump unterzeichnen würde, hat er unterschrieben, zusammen mit 370 anderen führenden Ökomomen des Landes.

Die Wähler haben sich davon nicht beeindrucken lassen. Vielleicht sagt auch das etwas aus über das Ansehen seiner Zunft.