Philip Tägert alias Fil ist ein Berliner Comiczeichner und Alleinunterhalter, der außerhalb Berlins leider vollkommen unbekannt ist, er zeichnete über Jahre regelmäßig in der Stadtzeitung Zitty eine Seite voll. Seine Helden, wenn man sie so nennen möchte, waren die beiden sich im derbsten Berlinerisch durchs Märkische Viertel pöbelnden Schweine Dieter Kolenda (Didi) und Andreas Stullkowski (Stulle), zwei Vertreter des sozialen Bodensatzes. Didi war ein ebenso dummer wie dicker Angeber, der Gummizug seiner schlabbrigen Jogginghose war weiter als sein schlabbriger Horizont. Stulle hingegen, das andere Schwein, klein und schüchtern, bewunderte Didi, dem er nur auf Kniehöhe reichte. In den verlabert kubistischen Wortgefechten mit Didi unterlag er regelmäßig, aber nur scheinbar, und wurde am Ende stets von Didi verprügelt, völlig grundlos, das war dann die Pointe. Immer wieder auftauchende Figuren in diesem Kosmos waren der Psychotherapeut "Der Rainer" (seit 20 Jahren ohne staatliche Fördermittel), Frau Stullkowski (Stulles Mutter) und Gott (Stulles unehelicher Vater). Didi & Stulle sind in sieben Comicbänden archiviert, jeder von ihnen voltenreich wuchernd, wie von Arno Schmidt und Marcel Proust gemeinsam ausgedacht, wenn die beiden witzig gewesen wären. Titel wie Der Plan des Gott und Getötet vom Tod versprachen, dass es um nicht weniger als um das große Ganze, also ans Eingemachte ging.

Nach Pullern im Stehen über seine Westberliner Kindheit und Jugend hat Tägert nun ein zweites Buch geschrieben, über die Adoleszenz, Mitarbeiter des Monats, es ist, man kann es sagen, ohne rot zu werden, das lustigste Buch des Jahres, wenn nicht des Jahrfünfts.

Es geht um einen Punk namens Nick, der eigentlich Thomas heißt und für Punk viel zu spät gekommen ist, der bei allem zu spät kommt, der nicht weiß, wie er überhaupt irgendwo ankommen soll, seine Kumpels sind Burner, Speichel, Murat, Milbe, was nicht von ungefähr wie das Kleinganovenpersonal in Graham Greenes Brighton Rock klingt, Dallow, Spicer, Pinkie, Cubitt, nur dass bei Tägert die Ganovenhaftigkeit darin besteht, in einem Lokal stur immer wieder Fassbrause zu bestellen, in der Hoffnung, dass der Wirt, der einen ignoriert, einem irgendwann ungefragt diese Fassbrause hinstellt, sodass man wenigstens in dieser Gesellschaft ankommt, aber nicht einmal das wird gelingen.

Nick arbeitet bei McDonald’s und geht mit seiner "funky Clownsuniform" zu einem Nick-Cave-Konzert, als Zeichen seiner Unangepasstheit, um doch auch hier nur wieder Unverständnis und Verachtung zu ernten, selbst der Sänger mit demselben Vornamen ignoriert ihn. Sorgen macht ihm auch sein "Penis, dieser irre Volltrottel", offenbar ist auch er gegen seinen Besitzer, zuerst muss dieses Verbindungsglied zum anderen Geschlecht durch einen chirurgischen, natürlich missglückten Eingriff, nun ja, passend gemacht werden, um dann auf Frauen zu treffen, die mehr an ihren Katzen interessiert sind und irgendwann mal etwas Zeit für sich brauchen. Wie lang? Drei Monate. Okay, dann kann man ja in der Zwischenzeit wieder mal an seinem Penis herumschneiden lassen.

Und gründet eben mal eine Band, die "Adolf and the Peoples" heißt, der Keyboarder La Boum vergisst immer alles, so geht das natürlich nicht, aus dem Probenstadium kommt man auch nicht raus, vielleicht nützt ein Namenswechsel, natürlich, nur so wird man erfolgreich, der Vorschlag wird angenommen, ab nun heißt man Blumfeld.

In dem zehn Jahre alten, sehr guten Dokumentarfilm Wir waren niemals hier von Antonia Ganz über die Berliner Band Mutter sagt der Musiker Jochen Distelmeyer aus Bielefeld, dass er, als er Mutter zum ersten Mal sah, umgehauen war, um am Ende onkelhaft zu resümieren: "Später werden die Leute sagen, das hier, das hat kein Schwein wahrgenommen, das ist aber das Geilste gewesen." Er sollte recht behalten, Mutter waren und sind immer absurd unbekannt geblieben in ihrer kompromisslosen Singularität und gleichzeitig immens einflussreich, auch und gerade für Distelmeyers eigene Band Blumfeld, die nun ihren wundersamen Auftritt in Tägerts Buch bekommt. Distelmeyer hat letztes Jahr seinen ersten Roman veröffentlicht, das Buch ist, nun ja, wie sagt man es milde, also man würde sich für ihn wünschen, dass es "das Geilste" gewesen wäre oder dass es kein Schwein wahrgenommen hätte.