Palo Alto, 18. November, circa 20 Uhr, in einem der brandneuen Silicon-Valley-Lokale. Vorgestern gegründet, heute schon stilbildend. Millionenschwere Dreißigjährige lassen sich dort einmal pro Woche sehen, um vom Personal mit Vornamen und Handschlag begrüßt zu werden, bevor man die Klassiker vom menu bestellt: das ätherische Wagyu-Filet und die mit Sherry gedopten gebackenen Avokadohälften.

Condoleezza Rice, vormalige Außenministerin der USA, erläutert in kleiner Freundesrunde ihre Ansicht vom Stand der Dinge. Sie gehört offenbar zu jenem Teil der Westküstenpopulation, der sich vom Trump-Schock zehn Tage nach dem Beben dem äußeren Anschein nach vollständig erholt hat. Die erzkalifornische Frage, ob es diesmal the big one gewesen sei, wird klar verneint. Ein größerer Erdstoß gewiss, doch nichts, was dem klug durchdachten Gefüge der amerikanischen Institutionen bleibenden Schaden zufügen könnte. Im Übrigen macht Frau Rice kein Geheimnis daraus, dass sie auch nach ihrer Rückkehr zu den akademischen Aufgaben auf dem Lehrstuhl für Außenpolitik in Stanford der Weltsicht der Republikaner zugeneigt bleibt. Gleichwohl bekam Donald Trump ihre Stimme nicht, ebenso wenig wie die ihres früheren Vorgesetzten, George W. Bush: An jenem dunklen Dienstag hielt sich der Ex-Präsident den Wahlkabinen demonstrativ fern, als ob ein gutes Daimonion ihm nahegelegt hätte, wenigstens diese Gelegenheit, durch Irrtum aufzufallen, auszulassen.

Tatsächlich kann Georg W. Bush schon heute als der wirkliche Gewinner der Trump-Wahl gelten. Trump hat Bush über Nacht von dem sicher scheinenden Platz des unmöglichsten Präsidenten, den das Land je hatte, verdrängt. Nach allem, was man heute bereits sagen kann, wird der neue Mann nach seinem rasselnden Einzug in Washington den Vor-Vorgänger – den eine Aura von politischen Fehlentscheidungen und grammatischen Kalamitäten begleitet – als einen Weisen erscheinen lassen. In seiner pittoresken Altersklausur bei Dallas meditiert Bush jr. seit einer Weile über die Frage, ob letztlich Strukturen, Männer oder Fehler Geschichte machen.

An jenem Abend in Palo Alto konnte auch der unwiderstehliche Charme von Condoleezza Rice eine im Hintergrund wirkende Sorge nicht ganz vergessen machen. Ein dunkler Gast saß mit bei Tisch – nennen wir ihn in Ermangelung eines besseren Namens: die historische Analogie. Die hockte zwischen uns und runzelte die Stirn. Es mag ja zutreffen, dass bei der Wahl von Trump die demokratischen Prozeduren in allen wesentlichen Punkten respektiert worden waren – falls man die Brutalitäten des Wahlkampfes nicht per se als eine Serie von verfassungswidrigen, ja zivilisationsfeindlichen Entgleisungen einstufen möchte. Zugegeben: Wahlkämpfe sind von Natur aus weder Intelligenztests noch Höflichkeitskurse. Was aber diesmal im Lauf der Wahlfeldzüge geboten wurde, musste Zweifel an der Hypothese wecken, man habe es mit einem in Demokratien normalen Geschehen zu tun. Vielmehr gewann man den Eindruck, es werde nicht so sehr zwischen zwei Bewerbern und ihren Programmen entschieden. Es galt, zwischen zwei hilflos gestikulierenden Normalitätsmodellen zu wählen, von denen das eine delegitimiert erschien, das andere unerwiesen. In solchen Momenten verwandeln sich Wahlen in Plebiszite. Die Verfassung sieht nicht vor, dass Wahlen aufgrund ihrer plebiszitären Dynamik verfassungsändernde Effekte hervorrufen.

Die Wahrheit ist jedoch – und dies kommt der Meinung des dunklen Gasts bei Tisch nahe –, dass die Abstimmung über Clinton oder Trump nicht bloß eine demokratische Wahl war, angereichert durch die üblichen Zutaten aus dem Fundus der amerikanischen Hysterie, die für Kuriositäten schon immer gut war. Wird man den 8. November 2016 in Erinnerung behalten, dann deswegen, weil er schon jetzt ein Datum in der Geschichte des Unbehagens in der Demokratie bildet. Die Erhebung eines Manns wie Donald Trump ins Präsidentenamt wäre aus dieser Sicht nicht bloß eine Caprice, die sich die launische Göttin Majorität gelegentlich leistet. Sie kündigt – im schlimmsten Fall – die mehrheitliche Abkehr der Demokratie von der Herrschaft der Mehrheit an. In den dreißiger Jahren sprachen kluge Soziologen von der "Selbstaufhebung des Liberalismus". Die Geschichte dieser Selbstaufhebungen ist nicht beendet. Man weiß jetzt, dass gewöhnliche Wahlen in Plebiszite münden können – und dass Plebiszite das Potenzial in sich tragen, Demokratien demokratisch zu beenden.

Trump, vom Erfolg überfordert, steht vor der Alternative, sich vom System der institutionellen Checks and Balances kastrieren zu lassen – ganz so wie Obama es auf sich nahm, weswegen ihn viele enttäuschend fanden –, oder seinem Traum von Politik als Hausherrentum mit anderen Mitteln zu folgen. Das versetzt uns zurück in die Anfänge der griechischen Demokratie: Dort wurde der Unterschied kreiert zwischen dem politikós, dem Mann, der das Gemeinwesen zu seiner eigenen Seele macht, und dem despotes, der über den Staat wie über seinen Privatbesitz verfügen will. Demokratie, psychopolitisch, beginnt als Widerwille der vielen gegen die Übertragung der Hausherrenwillkür auf die öffentlichen Verhältnisse. Sie ist die Einsicht in die Existenz von Mitbürgern. Mitbürger sind Leute, die nicht als Sklaven, Kinder, Frauen, Klienten und Lieferanten behandelt werden wollen.

Vor diesem Hintergrund sollte sich der dunkle Gast am Tisch von Palo Alto die Hand vor den Mund halten. Trump, wenn er im Januar 2017 ins Weiße Haus einzieht, wird Lichtjahre entfernt sein von Hitler im Januar 1933. Deutsche Gedächtnisse haben bedauerlicherweise nichts Besseres zu bieten als giftige Analogien solcher Art. Was momentan wie eine Amtsübergabe aussieht, wird wenige Jahre später Machtergreifung heißen. Sorry, nur ein deutscher Tick. (Türkische Gedächtnisse bieten im Übrigen auch nichts Besseres: Manche von ihnen erinnern sich noch an die Tage, als Erdoğan als Vollblutdemokrat ins Rennen ging. Sie wissen auch aus aktueller Anschauung: Zur Abschaffung von Demokratie eignet sich nichts besser als Demokratie.)