Wer sollte von der Konjunktur des "postfaktischen" Denkens besonders alarmiert sein? Die Wissenschaftler! Wenn sich künftig jeder die Wahrheit nach Belieben zurechtbiegt, so wie es der neugewählte US-Präsident vormacht, wird Wissenschaft hinfällig. Denn wozu dann noch das Bemühen, zwischen Mutmaßung und gesicherter Erkenntnis zu unterscheiden, Falsches vom Richtigen zu trennen? Im postfaktischen Zeitalter werden Forschungsergebnisse zu Spielbällen politischer Propaganda und Wahrheit wird zur Machtfrage. Dagegen müsste sich die Wissenschaft mit aller Kraft wehren, nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande.

Doch was fällt den Forschern dazu ein? Nehmen wir das aktuelle Editorial im Fachblatt Science. Dort schreibt Rush Holt, Chef der amerikanischen (und damit weltgrößten) Wissenschaftlervereinigung, über die "Unsicherheiten" der Trump-Ära. Und als Erstes kommt Holt die bange Frage in den Sinn: Bleiben unsere Fördermittel gesichert? Nicht das politische Erdbeben treibt ihn um oder der drohende Bedeutungsverlust unter Trump. Nein, Holts Hauptanliegen ist es, die Pfründen seiner Klientel zu wahren.

Dazu gesellt sich Naivität: Als Zweites hofft er allen Ernstes, dass die neue Regierung einen science adviser engagieren möge, einen honorigen Wissenschaftler, der bei allen wichtigen Entscheidungen mitredet. Als ob Donald Trump, der einen Wahlkampf voller Halbwahrheiten und fake news geführt hat, sich plötzlich läutern und für rationale Argumente zugänglich würde!

Und was fällt Holt zu dem "verstörenden Trend" der amerikanischen Politik ein, mehr der Ideologie als der Evidenz zu folgen? Man müsse die Dinge "klar, direkt und ohne Herablassung" erklären. Und darauf hoffen, dass sich der Präsident Trump mehr an Fakten orientiere als der Kandidat Trump. Was für eine schöne Illusion!

Das Schlimme an diesem Text ist: Seine Haltung ist leider repräsentativ – auch für die deutsche Wissenschaftsszene. Sich gesellschaftlich einmischen? Das machen Forschungsorganisationen höchstens, wenn die eigenen Fördermittel bedroht sind. Ansonsten scheint ihnen der Kampf um die Wahrheit reichlich egal zu sein. Kaum einmal wagt sich ein Wissenschaftler in die öffentliche Arena, mischt sich mit Zeitungsbeiträgen oder in Talkshows ein. Einer der wenigen, die das tun, ist der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Er klagt nun über das "Versagen der akademischen Welt", die sich dem öffentlichen Diskurs "so stoisch entzieht". Es sei Zeit, dass die universitäre Welt der "aufgeheizten Stimmung des Hasses" etwas entgegensetze.

Recht hat er. Mit nobler Zurückhaltung ist es nicht mehr getan. Gegen "postfaktische" Propaganda hilft nur hörbarer Widerspruch. Wie erkannte schon Egon Erwin Kisch? "Zu lernen ist, dass nicht die bessere Sache den irdischen Sieg erficht, sondern die besser verfochtene Sache."