Kürzlich wurde meine Lieblingsfernsehsendung eingestellt, die Doku-Soap Mieten, kaufen, wohnen. Sie lief um 18 Uhr auf dem Privatsender Vox, der sein komplettes Nachmittagsprogramm mit Doku-Soaps füllt. Um 15 Uhr läuft Shopping Queen, um 16 Uhr Vier Hochzeiten und eine Traumreise, um 17 Uhr Mein himmlisches Hotel.

Ich kenne alles. Ans Herz gewachsen ist mir aber nur Mieten, kaufen, wohnen. In dieser Sendung gab es, im Unterschied zu den anderen der genannten Doku-Soaps, keinen Wettbewerb, keine dämlich triumphierenden Sieger und keine Verlierer, die sich von Konkurrenten anhören müssen, was sie beim Kleiderkauf oder beim Heiraten falsch gemacht haben. Wenn ich mich nachmittags vor den Fernseher setze, will ich nicht an die Härten des Kapitalismus oder an stalinistische Schauprozesse erinnert werden. Der Grausamkeitsfaktor der wunderbar unaufgeregten Doku-Soap Mieten, kaufen, wohnen lag bei null. Sie zeigte den Arbeitsalltag von Immobilienmaklern. Nichts anderes. Zu Beginn jeder Episode sah man einen Makler, der auf einen Kunden wartet, um ihm ein Reihenhaus oder eine Zweizimmerwohnung vorzuführen. Der Makler schloss die Tür auf und rief optimistisch: "So, hier wäre das Schmuckstück!" Der Kunde schaute missmutig auf den Laminatboden, inspizierte die winzige Küche, schüttelte den Kopf, und der Makler rief: "Kein Problem, ich habe noch andere Objekte in petto, wir finden schon das Richtige für Sie!"

Ich schaue unglaublich gern dem normalen Leben zu. Ich habe auch Verständnis für Menschen, die sich mit einem Kissen aufs Fensterbrett lehnen, um zu beobachten, was auf der Straße so vor sich geht. Ich nenne das meditative Soziologie des Alltags. Böswillige nennen es den Zeitvertreib spießiger, gelangweilter Rentner. Bitte schön – dann entsprechen meine Interessen eben denen spießiger, gelangweilter Rentner.

Eigentlich war ich entschlossen, den Privatsender Vox zu boykottieren, nachdem er meine Lieblingssendung eingestellt hatte. Nur probeweise habe ich dann doch mal um 18 Uhr eingeschaltet. Und ich muss sagen: Die Nachfolgesendung gefällt mir genauso gut. Sie heißt Tierklinik und zeigt den Arbeitsalltag des medizinischen Teams einer Berliner Tierklinik.

Vergangene Woche brachte ein Ehepaar ein Frettchen, das unter Blähungen litt. Es hatte sich überfressen. Bevor das Frettchen untersucht werden konnte, musste es erst mal eingefangen werden. Es sprang vom Behandlungstisch auf den Rücken des Assistenzarztes und kletterte auf seinen Kopf. Zwei Schwestern wurden gerufen, die das Frettchen festhielten, damit ihm der Arzt Tropfen gegen die Blähungen einflößen konnte. Am nächsten Tag erschien eine Familie mit ihrer hochschwangeren Katze, mitten in den Geburtswehen. Doch die Katzenjungen kamen einfach nicht heraus. In einem so heiklen Fall muss der Chefarzt ran. Er saß vor dem Ultraschallgerät und versuchte, die Zahl der Jungen zu bestimmen, die sich in der Katze befanden. Es waren fünf, und der Chefarzt entschied, sie per Kaiserschnitt zu entbinden.

Bei mir klingelte das Telefon, aber ich nahm natürlich nicht ab. Es war 18.40 Uhr, und ich wollte keinesfalls die Kaiserschnittgeburt der fünf Katzenjungen verpassen. Wenn die Katze meiner Nachbarn Nachwuchs bekäme, wäre ich auch neugierig auf das Ergebnis. Der Vorteil von Doku-Soaps in der Machart meditativer Alltagssoziologie liegt darin, dass ich nicht mit Nachbarn Kaffee trinken und Konversation treiben muss, um ihnen zuzuschauen. Ungestört lümmele ich auf meiner Couch und gucke Tierklinik.

Und, ja, das mache ich am Spätnachmittag und noch lieber am Frühnachmittag. Mir soll jetzt keiner sagen, dass kultivierte Menschen den Fernseher erst um 20 Uhr (Tagesschau! Politisches Weltgeschehen!) einschalten und nur verkommene Prolls tagsüber vor der Glotze sitzen. Das ist nackter Moralismus. So ideologisch wie die Benimmregel, erst um 19 Uhr mit dem Konsum von Alkohol anzufangen. Viele halten sich daran, saufen dann aber bis Mitternacht hemmungslos durch.

Ursula März mag auch "Le Mépris" von Jean-Luc Godard, "Das Pfingstwunder" von Sibylle Lewitscharoff und die Serie "House of Cards"