Der 500. Geburtstag der Reformation 2017 zeitigt bereits jetzt Früchte: Vielleicht wurde noch nie auf derart hohem Niveau über protestantische Judenfeindschaft gesprochen, geforscht, geschrieben wie heute. Bislang handelt es sich vor allem um Beiträge von Theologinnen und Theologen, die teils als wissenschaftliche Publikationen, teils als Verlautbarungen hochrangiger kirchlicher Gremien erarbeitet wurden. Sie drehen sich vor allem um die Frage, ob die Judenfeindschaft bei Martin Luther und deren Wirkungsgeschichte in den Holocaust führten.

Plakative Belege lassen sich mühelos finden. Hitler berief sich wie die evangelische Nazikirche der Deutschen Christen auf Luther gerade wegen dessen rabiater Judenfeindschaft. Julius Streicher, Gründer des Nazi-Hetzblattes Der Stürmer, meinte gar in den Nürnberger Prozessen, dass Luther "heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank säße". Vielleicht hätte er da ja zu Recht gesessen als einer der geistigen Brandstifter, die die deutsch-protestantische Geschichte antisemitisch fundierten. Jedenfalls setzt sich heute der deutsche Protestantismus selbst auf die Anklagebank. Niemand plädiert auf Freispruch. Strittig ist allein das Ausmaß der Schuld.

An Luthers notorischer und radikaler Judenfeindschaft ist nicht viel zu deuteln. Schon in seiner ersten Psalmenvorlesung (1513/14) zeichnet er ein durchgängig negatives Judenbild. Er reproduziert die gängigen Vorwürfe des christlichen Antijudaismus: Die Juden seien hochmütig und verstockt, wollten in Jesus nicht den Messias erkennen und hätten ihn getötet. Deshalb sei der Zorn Gottes über ihnen. Dergleichen wiederholte Luther ein ums andere Mal, am drastischsten in seiner Schmähschrift Von den Juden und ihren Lügen (1543).

Luther dient das Feindbild dazu, sein reformatorisches Verständnis des rechten christlichen Glaubens in striktem Gegensatz zum jüdischen Glauben auszudrücken. Juden strebten durch eigenes Handeln nach Erlösung, suchten durch Werke Gott zu dienen, hätten dabei aber ihre irdischen Interessen fest im Blick. Dieser "Gesetzesreligion" setzt Luther seine Vorstellung entgegen, nur durch die Gnade Gottes könne der Gläubige das Heil erlangen. Er wendet das Alte Testament als Verkündigung des christlichen Glaubens gegen die Juden.

Allerdings ist Luthers theologische Begründung seines Judenhasses laut dem Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann so ausufernd und komplex, dass die Wirkung dieser Überlegungen auf die Nachgeborenen nur gering war. Den Protestantismus führten sie jedenfalls nicht in den modernen Antisemitismus. Das belegt auch die Rezeptionsgeschichte: Jenes üble Traktat Von den Juden und ihren Lügen wird zwar in den Jahrzehnten vor und schließlich im Nationalsozialismus häufiger als jemals zuvor nachgedruckt. Aber an seinen theologischen Gehalt schließt kaum jemand an. Das muss den Blick über die theologische Begründung der Judenfeindschaft hinaus auf die Gesellschaftsgeschichte des Protestantismus ausweiten.

Der deutsche Protestantismus war entscheidend daran beteiligt, den alten christlichen Antijudaismus in den modernen Antisemitismus zu verwandeln. Er stellte die Mehrzahl der antisemitischen Vordenker und Propagandisten. Im Protestantismus entstand 1879 die erste antisemitische Partei, die Christlich-soziale Arbeiterpartei des Hofpredigers Adolf Stoecker. Schließlich formierte sich mit den Deutschen Christen bereits vor 1933 eine protestantische Nazikirche, der sich in Berlin mehr Pfarrer anschlossen als der gegen sie gerichteten Bekennenden Kirche.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 49 vom 24.11.2016.

Solche Protestanten stellten oft Luthers Judenfeindschaft als Bestätigung ihrer eigenen aus. Von einer echten, inhaltlichen Rezeption ist aber recht wenig zu finden. Stoecker etwa ging es gerade nicht um die jüdische Religion, die er "altehrwürdig" nannte und weitgehend ignorierte, sondern um das areligiöse "moderne Judentum", das er hinter den vermeintlichen Verfallsprozessen der damaligen Welt zu entlarven suchte. Mit diesem Antisemitismus hatte das Mitglied der preußischen Generalsynode großen Erfolg, ebenso wie zur selben Zeit Heinrich Treitschke. Der Geschichtsprofessor distanzierte sich zwar von den "Jahrhunderten christlicher Tyrannei" über die Juden, inszenierte sich aber gleich darauf als Tabubrecher: Das ganze deutsche Volk wisse, dass sich die Juden nicht in die deutsche Kultur integrieren wollten, nur dürfe man das aufgrund der liberalen Presse nicht sagen . Seine berüchtigte Schlussfolgerung lautete: "Die Juden sind unser Unglück!"

Ebendiese Transformation des christlichen Antijudaismus zum modernen, nationalistischen Antisemitismus bleibt in der gegenwärtigen Selbstkritik des Protestantismus randständig. Dadurch bekommt diese einen unbeabsichtigten apologetischen Zug.

Von Luther zu Hitler

So antwortete Heinz Schilling, der renommierteste deutsche Historiker der Reformation, auf die Frage, ob es einen "direkten Weg von Luther zu Hitler" gebe, mit einem entschiedenen "Gewiss nicht". Damit hat er gewiss recht, wo gäbe es auch direkte Wege in der Geschichte von Jahrhunderten. Doch wird die Anschlussfrage nicht gestellt: Wie war der indirekte Weg? Auch Margot Käßmann hat gewiss recht, wenn sie nach entschiedener Kritik an Luthers Judenfeindschaft darauf verweist, dass "ein solcher Antijudaismus heute in der evangelischen Kirche undenkbar ist". Aber warum ist dann der moderne Antisemitismus unter evangelischen Kirchenmitgliedern wie unter Kirchgängern so stark verbreitet wie in der Bevölkerung insgesamt? Dringt die Kirche zu ihren Anhängern nicht durch, oder redet sie an deren Antisemitismus vorbei, weil er mit christlichem Antijudaismus wenig, sehr viel hingegen mit protestantisch-deutscher Geschichte zu tun hat?

Geschichtsmächtig wurde der Protestantismus durch das Bündnis mit den Fürsten. Es schuf eine neue konfessionelle Legitimation gegen das Heilige Römische Reich und den Papst und eine neue, partikulare Identität der konfessionellen und politischen Zugehörigkeit. Mit der Reformation war theorie- wie realgeschichtlich die Frage nach der Begründung politischer Souveränität neu gestellt. Die Berufung auf Gott in der Begründung des Gottesgnadentums war nicht mehr durch die Einheit der römischen Kirche abgesichert. Die bürgerlichen Revolutionen, nicht umsonst in ihren Anfängen mit der Reformation eng verknüpft, mündeten schlussendlich in den Anspruch des Volks, aus sich selbst heraus souverän zu sein.

Damit wurde zur entscheidenden Frage: Wer gehört zu diesem Volk, das als Souverän einem eigenen, eben nationalen Staat zugrunde liegen sollte? Im 19. Jahrhundert mutierte diese Frage zur Gewissheit, "wir Deutschen" seien ein Volk, das sich seit den Germanen als Abstammungsgemeinschaft geformt habe. Die nun alles dominierende Leitideologie des Nationalismus machte die ethnische Zusammengehörigkeit des Volkes zur Grundlage des Staates.

Der deutsche Protestantismus hat sich als Religion depotenziert, indem er den "Abstammungsglauben" (Max Weber) zu seinem sola fide machte, und er hat sich zugleich potenziert, weil ihm dies seine politische Macht und kulturelle Hegemonie im Bildungsprozess des deutschen Nationalstaates sicherte. In der Formierung und Formulierung dessen, was deutsch sei, war der Protestantismus eine Avantgarde. Nicht Luthers Antijudaismus hat die Deutschen in den Antisemitismus geführt, sondern das Selbstverständnis und der politische Gestaltungsanspruch des Protestantismus, die deutsche Religion zu sein.

Mit dem Übergang von christlichen zu nationalistischen Leitideologien wurde das antijüdische Bild auf eine neue, säkulare Grundlage gestellt, wie jüngst Jan Weyand in seiner vorzüglichen Wissenssoziologie des Antisemitismus gezeigt hat. "Jüdische Konfession", so Arthur Schopenhauer 1851, das treffe auf den Feind des Deutschen nicht mehr zu und sei ein grundfalsches Wort. "Vielmehr ist ›jüdische Nation‹ das richtige." Im Sinne dieser Feindbestimmung gab die Mehrzahl der deutschen Protestanten die Vorrangstellung der Religion auf, weil sie in ihrem Selbstbild vor allem anderen urdeutsch sein wollten. Theodor Fontane fasste den neuen, ethnischen und nationalen Antisemitismus in protestantischer Trägerschaft treffend zusammen: "Immer Volk und wieder Volk, und mal auch etwas Christus dazwischen."

Luther wurde dementsprechend zur Ikone der Einheit von Deutschtum und Christentum im werdenden deutschen Nationalstaat. Treitschkes Rede zum 400. Geburtstag Luthers 1883 vollendet diesen Prozess. Luther sei "Blut von unserem Blute. Aus den tiefen Augen dieses urwüchsigen deutschen Bauernsohnes blitzte der alte Heldenmut der Germanen, der die Welt nicht flieht, sondern sie zu beherrschen sucht durch die Macht des sittlichen Willens."

Deutsch, germanisch, Herrschaft, Sitte, Wille – Luther vereint für Treitschke Abstammung, Moral und Politik gegen die fremde Papstkirche, ihr römisches Recht und den Kaiser. Gegen all dies habe er die Sprache, die Kultur, die unteren Stände und die deutschen Frauen emanzipieren wollen. Deshalb habe Luther die römische Doktrin, die geistliche Gewalt stehe über der weltlichen, verworfen und mit seiner Zwei-Reiche-Lehre den "Staat für mündig erklärt", der damit "wieder wahr wurde wie unsere Kirche".

Der moderne Antisemitismus hält "den Juden" für antireligiös

Treitschkes völkisches Luther-Bild wirkte nachhaltig. Das Luther-Jubiläum 1917 reproduzierte es im Krieg. Der Theologe Erich Seeberg etwa legte erneut "das Christentum im Verständnis des germanischen Geistes" aus und forderte wortreich den Siegfrieden. Spätestens 1917, wenn nicht schon bei Treitschke und Stoecker, war der Boden für die Nazikirche der Deutschen Christen bereitet. Kein Wunder, dass die Weimarer Demokratie so wenig Rückhalt in der "deutschen Konfession" fand.

Auch unter den Gegnern der Deutschen Christen war die Fusion von Religion und Nation im Nationalhelden Luther zentral. So schrieb der Historiker Gerhard Ritter – Mitglied der Bekennenden Kirche und Herausgeber des Archivs für Reformationsgeschichte –, dass nur, wer Luthers "Blutes und Geistes ist, ihn aus der Tiefe seines Wesens versteht. Er ist wir selber: der ewige Deutsche." Der Theologe Paul Tillich kritisierte daran bloß, man müsse "in noch tieferer Schicht als der germanisch-religiösen" forschen, um Luther als Propheten Gottes ganz erfassen zu können.

Die Verkürzung, die die gegenwärtige Selbstkritik beschränkt, ist also eine doppelte: Sie fokussiert nicht das protestantische Selbstbild, von dem her das Judenbild als Kontrastfolie konstruiert wird. Und sie rekonstruiert nicht das protestantische Selbstbild in seiner gesellschaftlich wirksamen Gestalt. Um beide Blockaden zu lösen, wäre die Verzahnung von Politik und Religion zu thematisieren, in der der protestantisch-nationale Antisemitismus wurzelt.

Leider ist die Antisemitismus-Forschung dafür keine allzu große Hilfe. Sie ist an Religion meist desinteressiert. Sie unterscheidet den alten Antijudaismus vom modernen Antisemitismus, überhöht die Unterscheidung aber durch das Missverständnis, das eine sei (fast nur) religiös, das andere säkular und rassistisch. Tatsächlich aber handelt es sich um Rekombinationen von Religion und Politik. Sosehr Luther politischer Theoretiker war, so wenig ist der rassistische Antisemitismus areligiös. Er mag auf die theologische Erklärung verzichten, Gott habe die Rassen geschaffen und darin der Welt ihr Fundament gegeben, wie dies von Stoecker bis zu den Nazichristen gelehrt wurde. Aber man berief sich gerne auf ein "nördlich erfasstes Christentum" und bebilderte dies mit protestantischen Kirchenbauten. Es gibt arischen Rassismus, der antichristlich ist, aber keinen, den man areligiös nennen könnte. Umgekehrt: Der moderne Antisemitismus hält "den Juden" für a- und antireligiös. Die Religion der Juden sei der Mammon, entbehre jeder Transzendenz und sei gerade deshalb der Seele des Protestanten, des Deutschen wie des Ariers entgegengesetzt.

Das Zusammenspiel von Politik und Religion im protestantischen Antisemitismus zu klären wird allerdings auch durch Luthers Politik- und Gesellschaftsmodell erschwert. In dessen Zentrum steht die Zwei-Reiche-Lehre, die das Geistliche vom Weltlichen, die Kirche vom Staat unterscheidet. In der Praxis jedoch entstand ein evangelisches Staatskirchentum mit landesherrlichem Kirchenregiment. Seitdem schwankte der Protestantismus zwischen der Einheit von Staat und Kirche, die die Macht des Protestantismus sichert, und der Abwendung vom Politischen, weil es nicht zum Gottesdienst tauge. Das erklärt, warum gerade der Pietismus judenfreundlich war: Mit seiner Konzentration auf Frömmigkeit war die Idee politischer Herrschaft unvereinbar, weshalb ihm die Juden bloß als Andersgläubige, nicht als ganz Andere erschienen. Aus demselben Grund war Luther eine kurze Phase seines Lebens judenfreundlich. In der Schrift Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei (1523) trennt er Religion und Politik weitgehend und fordert konsequent kaum weniger als die politische Emanzipation der Juden, obwohl er die jüdische Religion nicht anerkennen wollte.

Luther hielt an dieser weit über seine Zeit hinausweisenden Trennung von Politik und Religion nicht fest. Sie wurde erst mit der Französischen Revolution zur Grundlage der Emanzipation der Juden. Vielmehr finden sich in den späteren Schriften von Luther selbst schon frühnationalistische, gegen die internationale und "welsche" Kirche des Papstes gerichtete Töne. Er begann die Juden als "Fremdlinge" zu sehen und meinte, sie müssten "aus unserem Land vertrieben werden". "Sie mögen in ihr Vaterland zurückkehren." Damit begründete Luther, so hat der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik jüngst argumentiert, einen totalen Staat, dessen Souveränität sich in der völligen Rechtlosigkeit der Juden konstituiert. Die Preisgabe des päpstlichen, kirchlichen Rechtssystems in Luthers judenfeindlichen Schriften ist nach Brumlik der Prototyp eines Staates, der die totale Verfügungsgewalt über den Menschen beansprucht. Darin läge dann sehr wohl eine Kontinuität zwischen dem politischen Denker Luther und dem NS-Staat.

Es ist bemerkenswert, wie klar sich die evangelische Kirche, wenn auch nicht ihre Mitglieder, in den letzten Jahrzehnten von der Judenfeindschaft löste. Nun müsste der nächste Schritt folgen: Die religiöse muss zur gesellschaftsgeschichtlichen Selbstreflexion und Selbstkritik erweitert werden und die Verzahnung von "deutsch" und "protestantisch", von "national" und "religiös" aufarbeiten. Dazu müsste sich der Protestantismus paradoxerweise wieder politisieren. Denn eine solche Aufarbeitung könnte die protestantische "Schuldgeschichte" (Käßmann) nur schreiben, wenn sie sich im Kern der Sache, im Verhältnis von Religion und Politik, und nicht bloß in einzelnen politischen Fragen positioniert. Das aber scheut der Protestantismus inzwischen wie der Teufel das Weihwasser – vielleicht weil es das Drama des Protestantismus war, zwischen Weltabgewandtheit und Apologie der Macht durch die Jahrhunderte hindurch zu schwanken.

Die Antwort auf die hochpolitischen Luther-Jubiläen 1883, 1917, 1933 wäre also nicht theologische Abstinenz von Politik. Sie müsste vielmehr klären, was die Grundlage einer Politik ist, die sich nicht durch Antisemitismus, Nationalismus, Rassismus und religiöse Feindschaft ihrer selbst vergewissert. Angesichts der fundamentalsten Krise der europäischen Einigung wie der demokratischen Kultur seit 1945, angesichts der populistischen Erosion liberaler wie konservativer Milieus wäre das eine protestantische, öffentliche Theologie des Pluralismus und der Demokratie zur rechten Zeit.