Wie viel Kirche ist zu viel? – Seite 1

Geschichte der Debatte

Im Christ&Welt-Interview skizzierte der bayerische Finanzminister und Protestant Markus Söder vor zwei Wochen sein Verständnis von Kirche und Staat – und löste damit eine Debatte zwischen hochrangigen Vertretern beider Seiten aus. Söder sagte: "Die Kirchen sind nicht die Gewerkschaften des Himmels", und fügte hinzu: "Es wäre für die Kirchen besser, sie würden sich stärker auf den Glauben konzentrieren und weniger Politik machen." Der Staat solle sich um seine Angelegenheiten kümmern, die Kirche um ihre: "Kirchen sollten keine Ersatzparteien sein." Söder begründete seine strenge Aufgabenteilung mit der Pflicht des Staates, Gerechtigkeit gegen jedermann üben zu müssen – was bedeute, nicht immer auch barmherzig sein zu können.

In dieselbe Kerbe schlug Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble auf der Synode der evangelischen Kirchen in Magdeburg Anfang November. In seinem Grußwort legte der Minister Wert auf die gleiche Unterscheidung: Der Staat sei nicht für Barmherzigkeit zuständig, er müsse nur die Grundlage dafür schaffen, dass der Einzelne barmherzig handeln könne. Laut Schäuble muss der Staat daher demütig zu der Erkenntnis kommen, dass sich moralische Eindeutigkeit nicht umstandslos in Politik übersetzen lässt.

Mit ihren Thesen setzten die beiden Politiker eine Debatte in Gang, in der sich zunächst der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, zu Wort meldete. Als Reaktion auf Söders Aussagen im Christ&Welt-Interview erklärte er: Zwar seien Bischöfe keine Politiker, doch viele Christen engagierten sich politisch: "Denn die Gestaltung der Welt gehört zum christlichen Auftrag." Nicht zum christlichen Auftrag beziehungsweise zur christlichen Soziallehre gehört laut Marx die Unterscheidung zwischen einer nur barmherzigen Kirche und einem nur gerechten Staat.

Während der Flüchtlingskrise war es besonders der Münchner Erzbischof gewesen, der sich vehement gegen eine Obergrenze, wie sie die CSU verlangte, aussprach. Damit zog er sich seinerzeit bereits den Unmut der CSU zu, die in Fragen des Asyls und der Integration eine weniger barmherzige Position als der Kardinal pflegt.

Aus dem Südwesten Deutschlands kam später Schützenhilfe für Kardinal Marx von einem Kollegen: Der Trierer Bischof Stephan Ackermann kritisierte die von Schäuble und Söder herausgestellte Aufgabenteilung in Sachen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zwischen Kirche und Staat ebenfalls: "Sie würde einen großen Verlust an Humanität bedeuten", sagte Ackermann. Kirche und Staat seien jeweils für beides, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, "in die Pflicht genommen".

Einige Tage nach Erscheinen des Interviews mit Markus Söder in Christ&Welt widersprach auch der CSU-Vorsitzende selbst, der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer: "Ich will, dass sich die Kirchen und Religionsgemeinschaften einmischen in die tägliche, praktische Politik", sagte der CSU-Vorsitzende. Wenn Kirchen sich zu aktuellen Fragen äußerten, könne dies zwar zu Diskussionen führen. Doch das sei nicht schädlich, sondern belebend und befruchtend. Niemand aus den Kirchen müsse sich daher für Einmischung entschuldigen, sagte Seehofer.

Ein sich politisch durchaus einmischender und bekennender Christ ist Seehofers CSU-Stellvertreter, der Vorsitzende der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber. Vor Kurzem ist er erstmals ins Zentralkomitee der deutschen Katholiken gewählt worden. Weber ermunterte Katholiken, sich in politischen Debatten zu Wort zu melden: "Engagierte Katholiken müssen sich gerade in Zeiten der Unsicherheit und des gesellschaftlichen Umbruchs einmischen", sagte Weber letzten Sonntag im bayerischen Wildenberg – wie er das genau gemeint hat, lesen Sie in seinem Statement auf Seite 9.

Christina Rietz

Thomas de Maizière: Auftrag des Staates akzeptieren

Thomas de Maizière: Auftrag des Staates akzeptieren

Thomas de Maizière, 62, ist Bundesminister des Inneren. Der CDU-Politiker kritisierte im Zuge der Flüchtlingskrise das Kirchenasyl: Die Religionen könnten sich nicht über geltendes Recht hinwegsetzen, sagte der Protestant.

Kirche und Staat haben unterschiedliche Rollen und Perspektiven. Natürlich sind Verkündung der christlichen Botschaft und Seelsorge der innerste Kern des Auftrags der Kirche. Auf der Grundlage ihrer universalen Glaubenslehre kann, darf, ja sollte sich die Kirche aber auch mit eigenen, kontroversen Beiträgen und Vorschlägen in politische und gesellschaftliche Diskussionen "einmischen". Die Kirche muss zugleich auch den Auftrag des Staates und sein Handeln akzeptieren. Grundlage für das demokratisch legitimierte Handeln des Staates sind nach unserer Verfassung die anerkannten rechtsstaatlichen Prinzipien. Diese gelten gegenüber allen Personen und Gruppen unserer Gesellschaft. Handlungsmaxime des Staates ist stets der Schutz und die Förderung des Gemeinwohls und der gesellschaftliche Zusammenhalt. Stärker als dem Staat ist es der Kirche möglich, im Namen der Barmherzigkeit und Nächstenliebe andere Schwerpunkte zu setzen und sich bestimmten Personen oder Gruppen besonders zuzuwenden. Je konkreter und tagespolitischer kirchliche Wortmeldungen sind, desto mehr werden sie aber auch weniger unterscheidbar zu anderen gesellschaftlichen Debattenbeiträgen. Das müssen die Kirchen berücksichtigen. Ich bin tief davon überzeugt, dass Staat und Kirche sich zum Wohle unserer Gesellschaft gegenseitig ergänzen.

Thomas de Maizière

Christian Wulff: Mehr Kirche wäre zum Nutzen aller

Christian Wulff: Mehr Kirche wäre zum Nutzen aller

Christian Wulff, 57 und katholisch, war von 2010 bis 2012 Bundespräsident Deutschlands. Er ist Schirmherr und Förderer diverser sozialer Initiativen sowie Ehrensenator der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Europas glücklichstes Jahr war vielleicht für längere Zeit 1989. Der "wind of change", wie die Scorpions texteten, kam aber nicht zufällig. Bis heute ist der Beitrag vieler Christen und der Kirchen zum geeinten, demokratischen, freien und rechtsstaatlichen Europa nicht ausreichend gewürdigt. Christen im Widerstand, die im Geheimen vordachten; Christen in Herrenchiemsee, die bei Formulierung des Grundgesetzes von der Unverletzlichkeit der Würde eines jeden Menschen aus dachten. Christen in Polen: unvergesslich der atemberaubende Brief der polnischen Bischöfe, darunter der Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla, späterer Papst Johannes Paul II., 1965 an die deutschen Amtsbrüder als beeindruckendes Zeugnis der Aussöhnung: "Wir vergeben und bitten um Vergebung"; die Unterstützung von Solidarnosc und anderen Freiheitsbewegungen durch Papst Johannes Paul II.; die Montagsgebete, die aus den Kirchen heraus zu den beeindruckenden Montagsdemonstrationen wurden. Ich bin überzeugt: Ohne die christliche Hoffnung, den Mut und die Friedfertigkeit hätten wir 1989 so nicht und nicht so friedlich erlebt.

2016 erleben wir erneut einen "wind of change": Er scheint in unsere Gesellschaften Egoismus, Nationalismus, Populismus, Protektionismus, Isolationismus, Autokratie, Angst, Hass und Misstrauen zu tragen. Unsere freiheitliche Ordnung ist tatsächlich auch von innen bedroht. Vom heiligen Paulus stammt der Satz, der Mensch sei in die Freiheit der Entscheidungen entlassen. Und in einem weiteren Zusammenhang weist Paulus ausdrücklich darauf hin, dass der Einzelne die Freiheit nicht nur für sich allein haben kann: "Ihr seid ja doch zur Freiheit berufen. Nur sorgt dafür, dass die Freiheit nicht eurer Selbstsucht Raum gibt, sondern dient einander in der Liebe!" Diese Freiheit ist auf die menschliche Gemeinschaft bezogen. Gemeinschaft ist die Polis, die Stadt, der Staat, und dazu gehört das Handeln zu den Fragestellungen, die die Gemeinschaft der Menschen betreffen.

Braucht es das Engagement der Kirchen im politischen Raum weniger, weil die Demokratie von alleine und ohne Weiteres in ihrem Bestand garantiert ist? Wir erleben gerade das Gegenteil dieser Illusion. Die freiheitliche Demokratie wird allenthalben angegangen, steht unter Beschuss. Papst Johannes Paul II. hatte bereits früh nach dem Zusammenbruch des Kommunismus gemahnt: "Wer den Marxismus auf der Ebene eines reinen Materialismus zu besiegen glaubt, macht das Erkennen und Anerkennen einer Wertehierarchie im Leben geradezu unmöglich." Gerade jetzt weist Papst Franziskus einen Weg zur Revitalisierung Europas mit seiner Rede bei Annahme des Aachener Karlspreises.

Die großen Fragen sind lösbar. Mit Anstand, Barmherzigkeit und Gemeinsinn; Respekt und Wertschätzung, mit Fairness und Behutsamkeit in der Sprache. Die Globalisierung braucht Identitäten, Überschaubarkeit und Gerechtigkeit; die Digitalisierung braucht Qualität und Medienkompetenz; Vielfalt braucht Weltoffenheit für Fremde und Fremdes einerseits und andererseits Haltung, Regeln, Gesetze, die durchgesetzt werden. Für all dies stehen doch gerade Christen und die Kirchen als Institution besonders glaubwürdig ein. Man beobachte nur die Kirchentage, Weltjugendtreffen und sonntäglichen Predigten, aber auch das aktive ehrenamtliche, bürgerschaftliche Engagement unzähliger Menschen aus christlicher Überzeugung.

Gewiss mögen Kirchenvertreter gelegentlich mit Einlassungen über das Ziel hinausschießen, aber dies ist mir tausendmal lieber, als dass der "wind of change" der gesellschaftlichen Stimmung immer stärker in die egoistische und einseitig interessengeleitete Richtung dreht. Deshalb wünsche ich mir eine lautere, wesentlich mutigere Positionierung der Kirchen und Religionsgemeinschaften in unserem Land. Als bei den Pegida-Demonstrationen die Lichter an den Kirchen ausgingen, leuchteten sie in vielen Herzen auf. Glaube, Hoffnung und Liebe statt Defätismus, Pessimismus und Hass, darin liegt die Chance der Kirchen. Aber vor allem eine große Aufgabe für alle Christen. Unbeirrt zu streiten. Mit Gewissen und Verantwortung für jeden Einzelnen und das Ganze. Mehr Kirche, mehr Christen, das geht zulasten von niemandem, wäre aber zum Nutzen aller. Wäre doch wenigstens diese Erkenntnis unumstritten.

Christian Wulff

Dorothee Bär: Eine lebendige Kirche schaltet sich ein

Dorothee Bär: Eine lebendige Kirche schaltet sich ein

Dorothee Bär, 38, ist Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, katholisch und Mitglied des CSU-Parteivorstands.

Das vergangene Jahr war ein turbulentes, national wie international betrachtet. Und ich denke oft darüber nach, wie wir in 10 oder 15 Jahren auf dieses Jahr zurückblicken werden. Ich komme zu dem Schluss, dass wir feststellen werden, dass die Gesellschaft durch die weltweiten Entwicklungen reicher und vielfältiger geworden ist, dass sie aber auch wieder zu sich selbst gefunden hat.

Dieser Selbstfindungsprozess beinhaltet auch die Frage nach den Werten, die das Leben der Menschen in unserem Land ausmachen. Das Gerüst einer Leitkultur, das lange Zeit nicht beachtet oder eher als Hindernis betrachtet wurde, erfährt eine wohlverdiente Renovierung. Es gibt wieder Halt und Orientierung, ohne dabei eine abweisende Mauer zu sein, die etwa einen exklusiven Kreis vor vermeintlichen Eindringlingen schützen soll.

Ein Pfeiler dieser Stütze ist das Christentum mit seinen Werten, aus denen sich Nächstenliebe und Verantwortung für unsere Mitmenschen ergeben. Und eine für die Geschichte der Bundesrepublik wesentliche Instanz und Vermittlerin ebenjener Werte sind die Kirchen und ihre Vertreterinnen und Vertreter.

Sie sind Helfer und Mahner zugleich, sie begleiten und gestalten unser gesellschaftliches Leben.

Eine lebendige Kirche schaltet sich auch in gesellschaftliche und politische Debatten ein, liefert Meinungen, Interpretationen und Handlungsansätze, versteigt sich aber nicht dazu, der bessere Politiker sein zu wollen. Das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern auch ein unverzichtbarer Beitrag, wenn es darum geht, ebenjenes Wertegerüst immer wieder zu definieren und zu festigen.

Der politische Meinungsbildungsprozess umfasst viele Seiten und Beiträge von ganz unterschiedlichen Richtungen. Das Wort der Kirchen sollte hier seinen verdienten Platz finden.

Dorothee Bär

Frank Heinrich: Verpflichtung, sich zu engagieren

Frank Heinrich: Verpflichtung, sich zu engagieren

Frank Heinrich, 52, sitzt seit 2009 für den Wahlkreis Chemnitz im Bundestag. Der Protestant ist Obmann der CDU/CSU- Fraktion im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Der Offizier der Heilsarmee forderte im März deutlichere Worte zu Pegida und AfD von seiner Landeskirche.

Kirchen mischen sich eher zu wenig ein, wenn es um politisches Handeln geht. Es gab eine Zeit, in der die Kirchen federführend in Fragen des sozialpolitischen Handelns waren. In einer Zeit massiver gesellschaftlicher Umwälzungen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts waren es die Kirchen, die sich diakonisch engagiert haben. Der Staat sah diese Aufgabe noch ganz in der Hand der Familie, obwohl die Großfamilie in Auflösung begriffen war und die wirtschaftliche Situation der Arbeiter das "Sorgen für den anderen" in weiten Teilen verhindert hat. Ich verstehe praktizierte Barmherzigkeit als politisches Handeln.

Wenn es um Sonntagsreden und unerfüllbare Forderungen geht, sollten die Kirchen sich besser raushalten. Hier sehe ich jedoch, dass die meisten Forderungen aus den beiden großen Kirchen eher einen konstruktiv-mahnenden Ansatz verfolgen, als dass sie nur schöne Worte sind.

Zur Aussage von Jesus, sein Reich sei nicht von dieser Welt: Jesus spricht damit aus meiner Sicht Maßstäbe an, die weit über die damaligen gesellschaftlichen Standards hinausgingen. Auch und vor allem in diesem Sinne verstehe ich die Verpflichtung der Kirchen, sich sozialpolitisch so zu engagieren, sie soll offensichtlich weit über das hinausgehen, was gesellschaftlich üblich ist.

Frank Heinrich

Gerda Hasselfeldt: Das C im Namen

Gerda Hasselfeldt: Das C im Namen

Gerda Hasselfeldt, 66, ist Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Die Katholikin war Bundesbau- und Bundesgesundheitsministerin sowie Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

Die Kirchen leisten sehr wichtige Arbeit: bei der Vermittlung der christlichen Werte, bei der Seelsorge, in der Jugendarbeit, bei der Kinderbetreuung, der Betreuung von Senioren und der Versorgung von Flüchtlingen – um nur einige Beispiele zu nennen. Damit sorgen sie für Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Für dieses Engagement bin ich sehr dankbar!

Das C im Namen steht für die christliche Werteorientierung der CSU. Und es ist für uns der konkrete Auftrag, auf Basis dieser Werte unsere Politik zu gestalten. Auch unser neues Grundsatzprogramm stellt diese christliche Werteorientierung ins Zentrum unserer Politik. Die Kirchen sind für uns wichtige Ansprechpartner sowohl im täglichen Leben als auch in der Gestaltung unserer Politik. Auch wenn wir im Einzelfall nicht immer die gleiche Meinung haben, teilen wir dieselben Wertvorstellungen.

In der Flüchtlingsfrage ist der Dreiklang aus Humanität, Begrenzung und Integration der richtige Weg. Die Begrenzung der Flüchtlingszahlen ist für uns dabei die Voraussetzung, um unseren Ansprüchen an Humanität und Integration gerecht werden zu können – im Sinne der Menschen, die zu uns kommen, und im Sinne der Menschen, die hier leben. Wir wissen: Nächstenliebe hört nicht bei einem herzlichen Willkommen auf, sondern muss sich auch danach noch in der Betreuung und Integration der Menschen wiederfinden. Keinem Bundesland ist dies besser gelungen als Bayern – dank des Engagements der vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, der Vereine, der Verwaltung, der Politik und der Kirchen.

Ich schätze den Rat und durchaus auch die Mahnung der Kirchen für meine politische Arbeit. Denn obwohl es in manchen Fragen unterschiedliche Auffassungen gibt, sind wir doch auf einem gemeinsamen Weg.

Gerda Hasselfeldt

Hermann Gröhe: Die eigene Überzeugung ist nicht die einzig christliche

Hermann Gröhe: Die eigene Überzeugung ist nicht die einzig christliche

Hermann Gröhe, 55, ist Bundesgesundheitsminister. Seit 1997 ist der Protestant Mitglied der EKD-Synode.

Auftrag der Kirche ist es, "die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an all das Volk", wie es in der "Barmer Theologischen Erklärung" aus dem Mai 1934 heißt. Das Vertrauen, dass uns diese unverdiente Gnade im Leben und über den Tod hinaus trägt, begründet eine Hoffnung, die weit über die Möglichkeiten erfolgreichen sozialen oder politischen Wirkens hinausgeht. Zugleich gilt aber auch: Wir können unseren Glauben an die in Jesus Christus offenbar werdende Menschenfreundlichkeit Gottes nur glaubwürdig bezeugen, wenn wir selbst für eine menschenfreundliche Welt eintreten. Christlicher Glaube ist weit mehr als Politik – aber niemals unpolitisch!

Die Bibel ist voller Erzählungen, die bezeugen, wie das Vertrauen auf Gott, wie auch die Umkehr zu Gott Auswirkungen hat auf das Verhältnis der Menschen zueinander. Unterstrichen wird dies im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Insofern motiviert mich die biblische Botschaft zu gesellschaftlichem Engagement und gibt mir mit der Überzeugung von der gleichen Würde aller Menschen als Ausdruck ihrer Gottesebenbildlichkeit einen ethischen Kompass. Diesen unverzichtbaren Kompass in den gesellschaftlichen und politischen Debatten unserer Zeit zur Geltung zu bringen gehört selbstverständlich zu den zentralen Aufgaben der Kirchen. Sowenig der Versuch klerikaler Bevormundung zu einer pluralistischen Gesellschaft und säkularen Demokratie passt, sosehr tut doch beiden, der pluralistischen Gesellschaft wie der säkularen Demokratie, eine christlich inspirierte Ermutigung und Gewissensschärfung gut. Für den Schutz des menschlichen Lebens, für den Schutz gerade der Schwächsten einzutreten, Rassismus entgegenzutreten, Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung zu fördern – wer wollte bestreiten, dass dies zum kirchlichen Auftrag gehört?

Zugleich werden in vielen politischen Alltagsfragen auch Christinnen und Christen unterschiedlicher Auffassung sein, wiewohl sie sich um eine Orientierung an christlichen Werten bemühen. Hier hüte man sich davor, die eigene Überzeugung für die einzig christliche zu halten!

Dass ein solches Ringen um eine glaubwürdige Orientierung an christlichen Werten eine gute Grundlage für politisches Engagement darstellt, dafür steht nicht zuletzt das erfolgreiche Wirken der C-Parteien in unserem Land. Mit dieser Selbstverpflichtung kann gewiss kein Anspruch auf Exklusivität verbunden sein. Wohl aber spricht das C in unserem Parteinamen eine Einladung an andere Christinnen und Christen, aber auch an die Kirchen aus, uns auf die glaubwürdige Orientierung an Werten zu befragen, die im christlichen Glauben wurzeln.

Von meiner Kirche wünsche ich mir, dass sie uns dabei mit dem Anspruch und mit dem Zuspruch des Evangeliums begleitet, uns ermutigt, unser Gewissen schärft und uns in dem Vertrauen bestärkt, dass alle unsere Bemühungen, auch unser Schuldigwerden und Scheitern, aufgehoben sind in der Gnade unseres guten Gottes.

Hermann Gröhe

Mike Mohring: Glaube ist immer politisch

Mike Mohring: Glaube ist immer politisch

Mike Mohring, 44, evangelisch, ist Vorsitzender der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag. Bei einer Podiumsdiskussion im Oktober erklärte er, Kirchen und Parteien müssten Angebote zwischen den Extremen machen.

Zu den Grundanliegen christlich-demokratischer Politik gehört, Christen und ihren Kirchen Raum für die öffentliche Entfaltung ihrer Botschaft zu geben. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben Christdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone unter großen Opfern dafür gekämpft, dass Kirchen öffentlich ihr Wort machen können, bis die SED ihnen das erbarmungslos austrieb. Die friedliche Revolution in der DDR wäre nicht möglich gewesen, ohne dass die Kirchen der Politik ihre Türen öffneten. Dies allerdings in einer Art Geburtshelferfunktion: mit dem Ziel, eine politische und demokratische Öffentlichkeit neu zu erschaffen, die wieder außerhalb der Kirchenschiffe ihren Platz hat.

Wahr ist: Glaube ist immer politisch. Wahr ist aber auch: Selbst wenn die Welt für Christen immer Welt unter Gott ist, haben das weltliche und das geistliche Regiment unterschiedliche Aufgaben. Die Kirchen sind gut beraten, stets klug abzuwägen, wann und wie sie durch wen zu welchen Themen das Wort ergreifen. Protestantisches Erbe ist, dass jeder Christ in seinem Amt unmittelbar vor Gott steht und seine je eigene ethische Verantwortung trägt. Was in einer gegebenen Situation das jeweils ethisch Gebotene ist, steht nicht ein für alle Mal fest. Der Blick auf das, was in eine Abwägung einfließen muss, kann sehr unterschiedlich sein. Würde die Kirchenhierarchie tiefere ethische Einsicht beanspruchen und die Gewissen binden wollen, so würde sie die Christen in ihren weltlichen Ämtern entmündigen und das reformatorische Erbe verraten.

Für eine Kirche, die dieses Erbe ernst nimmt, muss klar sein: Äußern sich Bischöfe und Kirchenleitungen, so bieten sie eine mögliche christliche Perspektive an, aber nie die eine christliche Perspektive. Das gilt bereits für die selbstverständliche binnenkirchliche Pluralität. Und erst recht gilt es für die politische Meinungsbildung über den kirchlichen Bereich hinaus. Da fließen ihre Stellungnahmen als eine Stimme unter vielen in die Diskurse ein. In einem säkularen, weltanschaulich neutralen Staat kann es gar nicht anders sein. Diese Stimme ist gerade in ethischen Grenzfragen und Umbruchsituationen besonders wichtig. Oft bringen die Kirchen bedenkenswerte Aspekte zur Sprache. Ihr öffentliches Reden sollte jedoch nie so ausfallen, dass es Christen in ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen die ethische Urteilsbildung abnimmt. Was um Gottes willen im politischen Feld nicht sein darf oder sein muss, das hat am Ende jeder Christ ganz allein mit seinem Gewissen auszumachen.

Mike Mohring

Manfred Weber: Wir sind Teil des sozialen Kitts

Manfred Weber: Wir sind Teil des sozialen Kitts

Manfred Weber, 44, ist Fraktionsvorsitzender der Christdemokraten (EVP) im Europäischen Parlament und Stellvertretender Parteivorsitzender der CSU. Seit Kurzem gehört er dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an.

Unsere Zeit ist von enormen Unsicherheiten und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt. Menschen suchen nach Orientierung und Halt. Gerade jetzt braucht es die gesellschaftliche Kraft der Kirchen und ihre deutliche Stimme. Ohne sie würde ein unersetzbarer Beitrag fehlen. Die Kirchen und wir Christen können und müssen ein Teil des Kitts sein, der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt notwendig ist.

Unser Staat beruht letztlich auf Werten, die er selbst nicht geschaffen hat. Ohne Kirchen und Christen wäre das Deutschland, wie wir es heute kennen, kaum denkbar. Nur ein Beispiel: Ohne kirchliches Einmischen, katholische Soziallehre und evangelische Sozialethik wäre unser Sozialstaat so nicht entstanden. Mit Soziallehre und Sozialethik wurden die Umbrüche der industriellen Revolution abgefedert und das Los der Arbeiter erheblich verbessert. Kirchen und Christen waren Mahner und Gestalter in Zeiten des Umbruchs. Heute erfahren wir ähnliche Umbrüche durch Digitalisierung und Globalisierung. Die soziale Marktwirtschaft und ihr Verständnis eines fairen Wirtschaftens ist gerade aus dem christlichen Geist geprägt worden. Es war moralischer Anspruch, den Marktkräften feste Regeln und damit auch Grenzen zu setzen. Genauso brauchen wir heute beispielsweise einen Beitrag zu den neuen sozialen Fragen unserer Zeit.

Die Diskussion ist auch für engagierte Christen und Kirchen in vielen sozialpolitischen Bereichen problematisch. Was wäre das für eine Gesellschaft, wenn die Kirchen sich aus ihren Aufgaben bei der Kinderbetreuung, Flüchtlingshilfe und anderen Sozialeinrichtungen zurückziehen würden? Eine Debatte "Praktisches Engagement ja, aber politisch dürft ihr euch nicht einmischen" kann schon deshalb nicht richtig sein.

Die Zeiten im letzten Jahrhundert, in denen die Kirchen aus dem öffentlichen und politischen Raum verbannt wurden, waren keine guten für Deutschland. Deshalb bin ich überzeugt: Kirchen und Christen müssen sich politisch zu Wort melden. Heute notwendiger denn je.

Manfred Weber

Joachim Herrmann: Christen sollten sich aktiv einmischen

Joachim Herrmann: Christen sollten sich aktiv einmischen

Joachim Herrmann, 60, ist bayerischer Innenminister. Religiöse Symbole hält der katholische CSU-Politiker für besonders schützenswert: 2006 erstattete er Anzeige gegen die Betreiber der MTV-Serie "Popetown" wegen Gotteslästerung.

Unsere Gesellschaft braucht aktive Christen, die sich engagiert zu Wort melden, und zwar auf allen Ebenen. Ob in Elternbeiräten, Asylhelferkreisen, im Vereinsleben oder in der Politik auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene. Christen sind geradezu aufgerufen, unsere christlich-abendländischen Werte mit großer Überzeugung selbstbewusst und kraftvoll im täglichen Leben aktiv zu vertreten. Ihnen gelingt es besonders glaubhaft, unsere eigene Identität, unsere Werte und unsere Freiheitsrechte hochzuhalten und denen vorzuleben, die aus anderen Kulturkreisen zu uns kommen. Christen kann ich auch nur ermuntern, sich aktiv allen extremistischen Bestrebungen in unserer Gesellschaft entschieden entgegenzustellen. Die mit dem Christsein verbundene Freiheit darf also nicht nur Freiheit im Glauben und einen Rückzug auf den Glauben bedeuten, sondern fordert Christen geradezu auf, sich aktiv einzumischen – gerade um die Freiheitsrechte in unserem freiheitlich-demokratischen System mit Leben zu erfüllen und ihnen ein Fundament zu geben.

Joachim Herrmann