Sie traten besonders fromm auf und waren besonders gefährlich. Seit Oktober 2011 missionierten sie in deutschen Fußgängerzonen. Ihr Erfolg: junge Menschen für den Dschihad zu rekrutieren. Die Koranverteiler vom Verein "Die wahre Religion" gewannen mit der Aktion "Lies!" etwa Robert Baum und Patrik S., die erst konvertierten, dann selbst Korane verteilten und schließlich in Syrien für den IS starben. Auch Yusuf T. war Koranverteiler, er steht demnächst für den Anschlag auf einen Tempel der Essener Sikh-Gemeinde vor Gericht.

Sie propagierten Allahs Wort als absolute Wahrheit und den Islam als einzig wahre Religion. Die beiden monotheistischen Religionen Judentum und Christentum wurden ebenso als Unglaube diffamiert wie andere Weltanschauungen. Kopf des Vereins war Ibrahim Abou Nagie, geboren 1964 im Flüchtlingslager Nuseirat bei Gaza, der in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Salafisten Deutschlands avancierte. Er rief zur Gewalt gegen Andersgläubige auf, aber stilisierte sich selbst gegenüber dem Sender Al-Dschasira zum Opfer von Islamophobie. Fünf Jahre lang rekrutierte er relativ ungestört für den "Heiligen Krieg". Kommt das Verbot durch das Bundesinnenministerium zu spät?

Nein. Der extremistische Islamdiskurs ist unter Jugendlichen der zweiten und dritten Migrantengeneration zwar schon viel zu populär. Im Juni 2015 nannte der Bundesverfassungsschutz etwa 7500 Anhänger der salafistischen Szene in Deutschland, davon seien rund 1100 gewaltbereit und 442 "Gefährder". Seit 2012 reisten insgesamt 229 deutsche Salafisten nach Syrien und in den Irak aus. Aber ein Verbot muss gut abgesichert sein. Nur dann ist es ein Warnsignal an jene Moscheen, die salafistischer Propaganda Raum geben – allein in NRW sollen das 55 sein. Auch in Hessen, Bayern, Baden-Württemberg dienen Moscheen den Radikalisierern als Anbahnungsorte.

Leider scheinen die deutschen Salafisten auf ein Verbot gut vorbereitet gewesen zu sein. Der Hassprediger Pierre Vogel gründete Anfang November schon den Ersatzverein "We love Muhammad". Vogel ködert sein junges Publikum mit der heroischen Vita des Propheten, wirbt für ihn in einem Youtube-Video und setzt die "Lies!"-Aktion auch personell fort: In Hessen koordiniert der mutmaßliche Terrorwerber Bilal Gümüs das neue Propagandaprogramm. Der Mann aus Frankfurt gehörte zum engsten Kreis um Abou Nagie.

Anders als Kritiker des Verbots behaupten, geht der deutsche Salafismus nicht in den Untergrund. Verteilt werden nun Mohamed-Biografien. Das Observieren solcher Aktionen bleibt also ein wichtiges Instrument des Rechtsstaates. Die schwierigste Aufgabe aber ist auch in Zukunft, Prediger wie Vogel schnell daran zu hindern, Hass zu verbreiten. In der Schweiz haben sie das verstanden. Dort darf er nicht mehr einreisen.

Der Autor leitet den Fachbereich Religionspädagogik an der Universität Freiburg