Sieben Remis in Folge? Ja, wie langweilig ist das denn! Das war bis zum Montag der Stand der Dinge in der öffentlichen Wahrnehmung der in New York laufenden Schachweltmeisterschaft zwischen Magnus Carlsen und Sergej Karjakin. Das Publikum möchte heroische Siege sehen, verwegene Kombinationen, volles Risiko in jeder Partie.

Diesem Wunsch liegt ein Missverständnis zugrunde. Das Match um den mythischen Titel des Schachweltmeisters währt nur drei kurze Wochen. Die zwölf Partien, die in dieser Spanne gespielt werden, lassen sich nicht losgelöst voneinander betrachten. Sie sind ein langer Kampf. Da hat jedes Remis seinen Wert, wenn es denn dem großen Ziel dient.

Sergej Karjakin, 26, der russische Herausforderer, hat noch nie um den Titel gespielt, der ein Jahr jüngere Weltmeister Magnus Carlsen schon dreimal. Karjakin war noch niemals in New York, Carlsen geht dort ein und aus.

Der Herausforderer wäre sehr schlecht beraten, ließe er nicht größte Vorsicht walten. Er muss doch erst einmal herausfinden, wie sich das anfühlt, in einer Stadt aufzuwachen, die niemals schläft, um dann, von Fernsehteams umflockt, Runde um Runde gegen den immer gleichen Supergegner anzutreten, den die Schachwelt für den größten Spieler aller Zeiten hält, besser als Garri Kasparow, besser als Bobby Fischer.

Karjakin, das ist der Underdog, dem die Häme des Gossips im Internets gilt: Mal wieder der falsche Herausforderer! Kann nichts. Eine Klasse schlechter. Carlsen wird den fertigmachen.

Ohne in die Geheimnisse der Karjakinschen WM-Vorbereitung eingeweiht zu sein, lässt sich sagen, dass dies mit Sicherheit der wichtigste Punkt für ihn war: Überhaupt auf der großen Bühne zu bestehen. Keine Schlagseite zu bekommen. Nicht gleich eine Partie zu verlieren.

Nach der Gala im edlen Plaza Hotel am Central Park in Manhattan am Abend vor der ersten Runde ist Kyrillos Zangalis, der griechischstämmige Manager Karjakins, ehrlich betrübt: Bei der Ziehung der Farben für die erste Partie hat Carlsen Glück und bekommt Weiß. Diesen Anzugsvorteil hätte sich das Team Karjakin gewünscht, einfach um nicht sofort umgepustet zu werden.

Es kommt dann anders: Magnus Carlsen entscheidet sich für eine Damenbauern-Eröffnung mit früher Läuferentwicklung, die als exotisch gilt und nicht zu den stärksten zählt. Sein klassisch geschulter Herausforderer hält ungefährdet stand. Remis.

Dann hat Karjakin Weiß. Er wählt Spanisch, die Königin unter den offenen Spielen seit 500 Jahren. Alle Welt erwartet eine ausgefeilte Neuerung, von hilfsbereiten russischen Großmeistern monatelang ausgebrütet, Sergej und dem Ruhm des Vaterlands zuliebe. Pustekuchen. Karjakins Eröffnungsbehandlung ist lasch, Carlsen zeigt sich gut präpariert, gleicht mühelos aus. Zweites Remis.

Nun wieder Carlsen. Wer Weiß hat, hat immer ein kleines Plus. Auch der Norweger versucht es mit Spanisch, tatsächlich bringt er Karjakin in Manövrierschwierigkeiten und an den Rand einer Niederlage. Der Russe rettet sich mit einer wundersamen, fast magischen Kombination. Drittes Remis.

Plötzlich sehen alle, was viele schon wussten: Der Mann aus Moskau ist ein Verteidigungs-künstler. Bei Twitter verkündet ein Fan: Putin wolle ihn zum Verteidigungsminister ernennen. Karjakin fühlt sich geschmeichelt. Aber kann er auch eine Schlacht gewinnen?

In der vierten Partie hat er wieder Weiß, wieder Spanisch. Diesmal eine komplexe Variante, alles Material bleibt auf dem Brett, wird in Stellung gebracht, der Druck wächst, gleich kommt es zur Entladung. Und unter dem Aufseufzen der Zuschauer, die täglich zu Hunderten im Fulton Market Building im Süden Manhattans erscheinen, schlägt Karjakin mit seinem Damenläufer in die gegnerische Königsstellung hinein. Ein Opfer! Nein, ein Scheinopfer! Karjakin gewinnt einen Bauern, wenn Carlsen den Läufer nimmt. Aber der denkt gar nicht daran, sondern macht einen kleinen, feinen Damenzug im Zentrum, nach welchem die weiße Stellung sofort in sich zusammenbricht. An diesem Punkt denken viele: Sergej ist fällig. Vielleicht denkt Sergej das auch. Aber nur kurz. Er bietet alle seine Kräfte auf und errichtet eine uneinnehmbare Festung. Faszinierend, um nicht zu sagen weltmeisterlich. Viertes Remis.

Carlsen schwenkt um auf Italienisch, Giuoco Piano. Das ruhige Spiel. Eine alte Eröffnung, neuerdings unter Topspielern wieder beliebt, weil sie mit Spanisch nicht mehr so recht durchdringen. Die computergestützte Eröffnungstheorie hat viele Varianten entschärft, mit denen Weiß lange Zeit gepunktet hat. Carlsen steht erst gut, dann agiert er leichtfertig, schwächt die Stellung seines Königs, und plötzlich ist der Moment da: Karjakin kann kontern. Könnte kontern. Seine beste Chance, er verpasst sie. Fünftes Remis.

Die Remisen Nummer sechs und sieben sind so inhaltlos, langweilig und schnell vorbei, dass nun schlechte Stimmung im Gebäude am East River aufsteigt und auch da draußen auf allen Kontinenten. Was ist denn das für eine Weltmeisterschaft? Zwei junge Männer, die herumeiern wie die alten!

Am Montag ist es dann so weit. Magnus Carlsen kann es kaum abwarten, die Partie zu beginnen. Er kann seine eigene Kraftlosigkeit nicht mehr ertragen. Er will es Karjakin zeigen. Er wählt eine harmlose Damenbauerneröffnung und verschärft das Spiel dann immer mehr. Karjakin hält stand. Carlsen verliert die Geduld, opfert zwei Bauern, geht volles Risiko. Karjakin hält stand. Carlsen kann ins Remis abwickeln, tut es nicht, legt noch mal nach. Karjakin kontert mit einer studienartigen Kombination – und gewinnt.

So steht es nach acht von zwölf Runden 4,5 : 3,5 für den Herausforderer. Noch vier Remis, und Karjakin ist Weltmeister. Aber wer weiß.