Wer liebt nicht den Bären, diesen wunderbar beplüschten, auf sanften Sohlen in schwankendem Passgang durch Wälder und Hochgebirge streifenden Riesen, niemandes Opfer und niemandes Freund, ein Einsiedler und Rebell, der Fische fängt wie ein Akrobat und Honig liebt wie ein Kind? Der Bär ist Inbegriff des Unverfügbaren und zugleich des Kuscheltiers, dessen erstes global beliebtes Imago er geliefert hat.

Der sogenannte Teddy erhielt einer Legende zufolge seinen Namen von dem amerikanischen Präsidenten Theodore ("Teddy") Roosevelt, der sich auf einer Jagd geweigert haben soll, ein Schwarzbärjunges zu erschießen. Wie viel daran wahr ist, bleibt umstritten, aber unbestreitbar hat eine Schwarzbärdame im Londoner Zoo, Winnie nach ihrer kanadischen Heimatregion Winnipeg genannt, dem berühmtesten Teddy der Weltliteratur ihren Namen gegeben: Winnie Pu, auch Pu der Bär genannt. Der nächstberühmte Literaturverwandte in Kiplings Dschungelbüchern heißt Balu nach dem Hindi-Wort für den indischen Lippenbären, einen freundlichen Riesen mit Riesenappetit auf Ameisen und Termiten, wehrhaft allein durch seine allerdings schrecklichen Krallen, die er mit seinen Familienverwandten teilt.

Wir lassen den Eisbären einmal beiseite, der eine eigene Betrachtung verdient. Aber alle Landbären, selbst die größten, die Braunbären, die in Amerika Grizzlys heißen, werden gefährlich nur, wenn man ihnen zu nahe tritt. Das konnte in ältesten Zeiten leichter geschehen, weshalb man sie, um sie nicht unklug herbeizurufen, mit Decknamen ansprach, als Beowulf ("Bienenwolf") in Britannien, als Medwed ("Honigschlecker") bei den Slawen, als Brauner bei den Germanen. Im Übrigen war sein Ruf in Mythologie, Sage und Märchen tadellos, ein Sympathieträger meistens, auf jeden Fall achtunggebietend. Vielleicht sah man ihn, den Allesfresser mit Neigung zu Süßigkeiten und der Fähigkeit zum aufrechten Stand, auch als Menschenverwandten an.

Das ist heute anders. Heute wird er vertrieben und erschossen, wo er sich zeigt, auch wenn allerlei heuchlerische Wildlifeprogramme vorgeben, ihn schützen oder wieder ansiedeln zu wollen. Als vor Jahren ein Bär, dem die Boulevardpresse den Namen Bruno gab, sich in den Alpen zwischen Italien, Österreich und der Schweiz herumtrieb, wurde statt Jubel ein dumpfer Jagdtrieb wach, dem er schließlich unter Umständen erlag, die den Tatbestand eines Mordes aus Heimtücke erfüllen. Wer liebt nicht den Bären? Nun, der moderne Mensch liebt ihn nicht. Er ist zu groß, zu eigensinnig, ein Konkurrent um das hohe Gut der Autonomie, und Konkurrenz löst in der Moderne keine Bewunderung mehr aus, sondern eliminatorischen Neid.

Nur zum Plüschtier verkleinert wird er noch geschätzt – oder als Ressource jenes fürchterlichen Aberglaubens der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), die von der Kraft der Wildtiere auf ihre Heilwirkung schließt. Die TCM, die schon das Aussterben von Tigern und Nashörnern besorgt, hat sich für den Asiatischen Schwarzbären eine besondere Quälerei ausgedacht: Er wird lebend in winzigen Käfigen gehalten, damit man ihm mit Spritzen die Galle abzapfen kann, die angeblich gegen Alkoholkater wirkt. Der Bär krepiert schließlich, weil er für sich selbst nicht mehr genug Galle produzieren kann. Wenn unsere Kinder uns dereinst fragen sollten, wo all die herrlichen, nunmehr verschundenen Tiere, wo die Vorbilder ihrer geliebten Teddys damals eigentlich hingekommen seien, wird man sagen müssen: in den chinesischen Medizinschrank. Der Mensch ist ein Ungeheuer, und in nichts ungeheuerlicher als in seinem egozentrischen Aberglauben.

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