Wir wissen nicht, ob Dharun sich schämt. Wir wissen nur, dass Tyler sich schämte. Dharun hatte seinen 18-jährigen Mitbewohner heimlich gefilmt, als dieser einen anderen Jungen küsste. Dann hatte er auf Twitter gepostet: "Mein Zimmergenosse ist schwul!" und dazu eingeladen, sich das Beweisvideo anzusehen. Der verzweifelte Tyler nahm sich das Leben.

Die Scham überfällt uns, wenn wir uns bloßgestellt fühlen – wenn es um Nacktheit und Sexualität geht oder wir einen (vermeintlichen) Fehler begangen haben. Sie spielt den Sittenwächter der Gesellschaft und hält unser Verhalten unter Kontrolle. Und sie bestraft uns, wenn wir unseren eigenen Ansprüchen nicht genügen. Dharun hat sie gefehlt, Tyler wurde sie zum Verhängnis.

Seit Langem beschäftigen sich Mediziner und Psychologen, Hirnforscher und Soziologen, Ethnologen und jetzt auch Politologen mit der Scham. Das Deutsche Hygienemuseum in Dresden widmet ihr eine Ausstellung: 100 Gründe, rot zu werden, mit 250 Objekten aus Medizin und Ethnologie, Kunst und Naturwissenschaft.

Aber ist Scham nicht ein Gefühl von gestern? Auf Plakaten und in den Medien sind wir doch tagtäglich mit nackten Körpern konfrontiert. Und bei Facebook wie im Fernsehen geben die Menschen ohne Scheu ihre intimsten Geheimnisse preis. Nein, sagt der Philosoph und Ausstellungskurator Daniel Tyradellis: "Die Scham hat nicht an Bedeutung verloren, sie wechselt nur ihre Gestalten."

Frauen schämen sich eher wegen ihres Körpers, Männer hingegen meist, weil sie eine Leistung nicht erbracht haben, stellte die Psychologin Brené Brown von der Universität Houston fest. Sie sagt: "Scham fühlt sich für Männer und Frauen gleich an, aber sie ist nach Geschlecht organisiert." Wenn überall (halb) nackte Models zu sehen sind, setzt das Maßstäbe, gerade bei den Mädchen. In den sozialen Netzwerken werden sie dann vor allem wegen ihres Aussehens beschimpft oder "Schlampe" genannt.

In den USA gab Tylers Tod 2010 den Anstoß zu zahlreichen Initiativen – gegen die Beschämung schwuler Jugendlicher und das Bloßstellen anderer in sozialen Medien. Und in Kanada wurde Amanda Todd zur Ikone im Kampf gegen dieses Cybermobbing. Als Zwölfjährige hatte sie einem anonymen Chatpartner ihre nackten Brüste gezeigt. Der Screenshot landete bei Facebook, nachdem sie weitere Entblößungen verweigert hatte. Sie wechselte zweimal die Schule, doch der Erpresser wies die neuen Mitschüler stets auf das Foto hin und provozierte hämische Kommentare. Der Pranger, der die Scham einst zur öffentlichen Bestrafung auf dem Marktplatz nutzte, ist heute virtuell.

Drei Jahre später schreibt Amanda die Geschichte ihrer Beschämung in dicken Lettern auf 74 Blatt Papier, die sie stumm vor ihre Webcam hält. "Ich habe alle meine Freunde verloren und jeden Respekt", steht da unter anderem. Das Video ist ein letzter Versuch, beides zurückzugewinnen. Zwei Wochen später nimmt sie sich das Leben. Auf YouTube ist ihr virtueller Abschiedsbrief bis heute zu sehen.

Die Scham unterliegt einem komplizierten Konstrukt. Wer von ihr befallen ist, wäre am liebsten unsichtbar. Doch sie bewirkt das Gegenteil: Sie treibt Röte ins Gesicht – die Signalfarbe zieht die Blicke auf sich. So schämt man sich nicht nur wegen des Fehltritts, sondern obendrein auch, weil man sich schämt – und dies alle sehen. Genau das macht das Wesen der Scham aus. Sie ist verknüpft mit der Befürchtung, die Außenwelt könnte die Schmach bemerken – und produziert Publikum.

Obwohl sie aus der Furcht vor dem Urteil anderer entsteht, weckt die Scham beim Gegenüber oft Mitgefühl und Sympathie. Denn sie wird als Einsicht in den eigenen Fehler gedeutet. Der Psychologe Anthony Manstead von der britischen Universität Cardiff hat dies in einem Experiment nachgewiesen. In einem Supermarkt ließ er erst einen Mann, dem das anschließend offenkundig peinlich war, einen Stapel Toilettenpapier umreißen. Dann geschah das Missgeschick einem anderen, der sich ungerührt zeigte. Bei Ersterem spürten Probanden, die die Szene beobachteten, erheblich häufiger den Impuls, ihm zu helfen. Anders als der zweite Stapelumschmeißer tat er den Studienteilnehmern leid.

Wer aber im Internet jemanden bloßstellt, nimmt ihm die Chance dieser nonverbalen Entschuldigung – und sich selbst die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Er sieht nicht, wie der andere den Blick niederschlägt, in sich zusammensackt, errötet. Weil diese Notbremse im Umgang mit Scham fehlt, kann er die Bloßstellung ungerührt fortführen.

Obwohl Scham angeboren ist, beginnen Kinder erst mit ein oder zwei Jahren, sich zu schämen. Dann weiten sich die Blutgefäße im Gesicht. Mit zunehmendem Alter verlieren wir diesen Mechanismus. Deshalb werden Jugendliche eher leuchtend rot als Erwachsene. Zudem sind sie empfindlicher gegen Beschämungen, weil ihr Selbstbild noch nicht gefestigt ist.

Da sie für das Einhalten von Regeln sorgt und Gesellschaften zu disziplinieren vermag, ist die Scham je nach Kultur an unterschiedliche Auslöser geknüpft. Auch ihr Stellenwert ist nicht überall gleich. Solchen Unterschieden ging der Anthropologe Daniel Fessler nach. Er legte zwei Probandengruppen aus Indonesien und Kalifornien eine Liste mit 52 Gefühlen vor. Die Teilnehmer sollten sie ihrer Bedeutung nach sortieren. Die Asiaten erklärten die Scham zur zweitwichtigsten Emotion überhaupt. Bei den US-Bürgern belegte sie nur Platz 32 – ein Befund, den kürzlich der amerikanische Wahlkampf bestätigte.

Ausstellung "Scham. 100 Gründe, rot zu werden": bis 5. Juni 2017 im Deutschen Hygienemuseum Dresden