Das, was da gerade in Essen-Rüttenscheid passiert, ist nice, geil, mega. Der Porsche 964 mit Bodykit von Rauh Welt getunt: nice! Der Lamborghini Huracán im Liberty-Walk-Style: geil! Der Audi 100 GL: mega! Seit vergangener Woche läuft die Essen Motor Show, "Europas größte Messe für Tuning, Motorsport, sportliche Serienfahrzeuge und Classic Cars", so formulieren es die Veranstalter. Ein Pressevertreter spricht gern vom "PS-Festival", mehr noch: einer "PS-Party" auf 100.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Man sieht: getunte Autos, schnelle Autos, noch schnellere Autos. Man hört: nice, geil, mega.

Um der Show im Namen gerecht zu werden, rollen die Veranstalter jedes Jahr den Besuchern wörtlich den roten Teppich aus. Am vergangenen Wochenende kamen bereits 130.000, bis zum nächsten Wochenende rechnet man mit mehr als 300.000.

Jetzt, Anfang Dezember, ist eine gute Zeit für so eine Messe. Im Herbst werden die meisten getunten Autos von ihren Besitzern in Garagen geparkt, die Wintermonate sind die Zeit des Schraubens, Optimierens, der Verschönerung. Und bevor man anfängt zu schrauben, zu optimieren, zu verschönern, sollte man wissen, was überhaupt angesagt sein wird im nächsten Jahr. Also auf in Halle 1A, auf zu Halle 12, 203 Fahrzeuge, die tuningXperience.

Die 203 Fahrzeuge sind aus mehr als zehn Ländern nach Essen gebracht worden, ausgewählt hat sie Sven Schulz. Schulz’ Job ist es, die besten, schönsten, tollsten getunten Autos der Welt zu finden. Man könnte jetzt schreiben, dass Schulz an diesem Tag oft seine Jeans hochzieht, weil sie tief sitzt, dass er Turnschuhe trägt und einen Kapuzenpulli. Aber weil es hier um Autos geht, um getunte Autos, muss man schreiben, dass Schulz 17 war, als er sein erstes Auto umbaute, einen Golf 3. Sein neuestes Tuningwerk ist ein VW Phaeton: Luftfahrwerk, 22-Zoll-Felgen, Designlackierung, der Innenraum komplett neu "beledert". Schulz sagt, er habe Benzin im Blut.

Wohl kaum jemand auf diesen 100.000 Quadratmetern weiß mehr als Schulz über Tuning. Und er ist der Einzige, der – weil Halle 1A und Halle 12 so weit auseinanderliegen und 100.000 Quadratmeter eben ziemlich viel Fläche sind – mit einem Kickroller über die roten Teppichmeter fährt. So spart er sich 15 Kilometer Fußweg am Tag. Schulz rollert von Halle zu Halle, von Auto zu Auto, er begrüßt die Sicherheitsleute, die auf die wertvollen Autos aufpassen sollen. Immer wieder muss Schulz anhalten, weil irgendwer seine Hand schütteln will.

Tuning, definiert Schulz, sei, serienmäßig Vorhandenes zu optimieren. "Viele verändern Kleinigkeiten an ihrem Auto und wissen gar nicht, dass das schon Tuning ist."

An seinen Autos ändert Schulz nicht nur Kleinigkeiten, und er hat so gut wie jeden Trend mitgemacht. Flip-Flop-Lackierung, Candy-Lackierung, er hat auch schon die Türleisten zugunsten der Optik entfernt. Und er weiß längst, was 2017 angesagt sein wird: Youngtimer und klassische Fahrzeuge, getunt natürlich, und Breitbauten. Youngtimer, um das mal ganz einfach zu definieren, sind Sammlerstücke, die noch keine H-Zulassung haben. "Bei alten Klassikern wie einem Audi 100 GL oder einem Mercedes-Benz W 108 ist der Individualisierungsgrad natürlich viel höher", sagt Schulz. Weil es solche Modelle nicht sehr häufig gibt. Es kann gut sein, dass an der Ampel ein getunter Audi A6 neben einem steht – unwahrscheinlicher, dass es ein getunter Audi 100 GL ist. Ein Pluspunkt für die Individualisierung.

Schulz stoppt seinen Roller vor einem Nissan 200sx S14, lila glänzend, goldene Felgen. Ein Breitbau. Eigentlich geht es beim Tunen darum, bei all den Schönheitsoperationen möglichst keine Narben zu hinterlassen, Schweißnähte sollen also nicht sichtbar sein. So war es jedenfalls bisher. Inzwischen werden verbreiterte Kotflügel angeschraubt, so richtig rustikal. Selbst bei einem Lamborghini macht man das. Aber dazu gleich.