Ein interessanter Widerspruch prägt die europäische Politik. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Nationalisten auf dem Vormarsch sind, sind die Länder Europas politisch enger aneinandergerückt als je zuvor. Die Vorwahl eines französischen Präsidentschaftskandidaten, das Referendum über eine Verfassungsreform in Italien und die mühsame Wahl eines Bundespräsidenten in Österreich sind die jüngsten Beispiele dafür, dass eine europäische Innenpolitik entsteht – trotz der vielen Krisen. Und infolge der verschiedenen Krisen.

Was in einem Land der Europäischen Union geschieht, hat unmittelbare Folgen für die anderen. Das gilt vor allem innerhalb der Euro-Zone. Aber es geht in Europa längst um mehr als nur um wirtschaftliche Abhängigkeiten. Die Auseinandersetzung zwischen den – sehr einfach gesagt – Verfechtern einer offenen Gesellschaft und denen, die diese Offenheit nicht wollen, zieht sich quer durch die westliche Welt. Erfolge und Niederlagen der einen wie der anderen Seite wirken weit über die eigenen Grenzen hinaus. So war es beim Brexit und bei der Wahl von Donald Trump; so wird es auch nach den Entscheidungen in Italien und Österreich sein.

Europa ist zu einer Echokammer geworden. Darin sind die Stimmen der Nationalisten zuletzt immer lauter geworden. Und die anderen, die "Europäer"? Sind bislang erstaunlich still geblieben.

Angela Merkel ist nicht nach Rom geeilt, sie ist nicht mit dem dortigen Ministerpräsidenten Matteo Renzi auf der Piazza del Popolo aufgetreten, sie hat nicht zu den Italienern gesprochen. Sie hat noch nicht einmal angedeutet, auf welcher Seite sie in dieser Auseinandersetzung steht. Verliert Renzi das Referendum, könnten in Italien radikale, unberechenbare Kräfte wie die Fünf-Sterne-Bewegung nach der Macht greifen. Auch François Hollande, der französische Präsident, blieb stumm. Genauso wie Mark Rutte, der Niederländer, oder Mariano Rajoy, der Spanier. Dabei gehören sie gewiss zu denen, die Renzi die Daumen drücken, dass er sein Referendum gewinnt und im Amt bleiben kann (auch weil sie die Suppe mit auslöffeln müssten, falls das Euro-Land Italien strauchelt). Ähnlich ist es mit Österreich: Den Aufstieg der FPÖ begleiten die liberalen Europäer mit großer Sorge und noch größerer Zurückhaltung. Genauso wie die furiose Kampagne der Brexiteers im vergangenen Sommer. Warum spricht Merkel nicht in Rom? Oder in Wien? Wäre es nicht konsequent, sich einzumischen, wenn die anderen, Italiener oder Österreicher, auch über unsere Perspektiven mitentscheiden?

Natürlich gibt es für die Zurückhaltung gute Gründe. Die Sorge unter den liberalen Europäern ist groß, jedes Wort, das sie über den Gartenzaun sprechen, könnte bei den Nachbarn erst recht die falschen, also antieuropäischen Kräfte stärken. David Cameron hat sich vor dem britischen EU-Referendum sogar ausdrücklich jede Wortmeldung seiner europäischen Kollegen verbeten. Einmischung unerwünscht! Das gilt zumal für die Deutschen. Auf Interventionen aus Berlin reagieren die Nachbarn von jeher besonders empfindlich.

Andererseits sind der deutsche Einfluss und die deutsche Verantwortung in der EU so groß geworden, dass sie sich auch mit Schweigen nicht mehr recht verbergen lassen. Im Gegenteil, viele Südeuropäer haben es der deutschen Kanzlerin übel genommen, dass sie ihnen zwar die Daumenschrauben anlegte (so haben sie es empfunden), aber nie versucht hat, ihnen ihre Politik zu erklären. Oder gar um ihre Zustimmung zu werben. Die Interviews, die Merkel in Italien oder Griechenland gegeben hat, lassen sich an einer Hand abzählen.

Selbst dann, wenn die deutsche Regierung ihre Politik innerhalb der EU korrigierte und den Nachbarn entgegenkam, etwa in der Fiskalpolitik, hat sie diese Korrekturen verschwiegen und vernuschelt. Diese Sprachlosigkeit hat das Gefühl der Fremdherrschaft erst recht verstärkt – und das damit einhergehende Ressentiment gegen Berlin und Brüssel. Auch beim Brexit waren die einen sehr laut und die Europäer sehr leise. Die Sache ist dann trotzdem schiefgegangen.

So steuert Europa unausgesprochen auf eine Entscheidung zu. Das Endspiel dieser Auseinandersetzung findet in einem halben Jahr in Frankreich statt. Sollte Marine Le Pen zur Präsidentin gewählt werden, stünde fast alles infrage: unsere Offenheit, unser Wohlstand, ganz sicher die Europäische Union.

Vor zwei Jahren, nach den Terroranschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt, haben sich die Regierungschefs in Paris untergehakt. Aus Trauer, aber auch um ihre Entschlossenheit zu demonstrieren, die gemeinsamen Werte zu verteidigen. Ist die Vorstellung wirklich abwegig, sie könnten sich auch gemeinsam den Nationalisten entgegenstellen?